|
Der Originalklang
des Markusdoms
|
|
Bewertung:
In der Mitte der CD, auf Platz 8 von 16 Titeln, steht das berühmte 12-minütige Miserere von Gregorio Allegri, das den Eindruck vermittelt, Musik könne sich selbst transgredieren, in puren Wohlklang auflösen. Was die Stimmen der Tallis Scholars und ihrer Solistin Amy Haworth da hervorzaubern, raubt einem den Atem. Die Handschrift von Manfred Eicher, dem Kopf hinter ECM Records, die sich mit Vorlieben des Dirigenten der Tallis Scholars Peter Phillips trifft, erkennt man daran, dass die beiden Kompositionen des Armeniers Komitas und des Esten Arvo Pärt unter die vor neun Jahren im Markusdom in Venedig aufgenommenen Renaissance- und Barock-Stücke mischen. Pärt wurde in just jenem Jahr, 1935, geboren, in dem Komitas gestorben ist, aber beide repräsentieren eine zeitgenössische Musik, die nicht im Widerspruch steht zu Kompositionstechniken, die vor 4-5 Jahrhunderten gang und gäbe waren. Zugleich ist die Erinnerung an Komitas eine Verneigung vor der armenischen Gemeinde von Venedig.
Die Tallis Scholars treten in Venedig mit einem zehnköpfigen, also einem für einen Kammerchor eher kleinen Ensemble auf: mit vier Sopranen, zwei Alten (eine Frau, ein Mann), zwei Tenören und zwei Bässen. Die Dominanz der doppelt besetzten hohen Frauenstimmen ist maßgeblich verantwortlich für die Eigenart des Klangs. Die raffinierte Akustik des Markusdoms, der ungewöhnlich lange Nachhall tun ein Übriges.
Es gibt wohl kaum eine Zusammenstellung, die man mit größerem Recht „geistlich“ nennen dürfte als diese. Und doch: wer könnte jemanden widerlegen, der darauf besteht, dass es sich um „absolute“ Musik in höchster Vollendung handelt. Wer die kanonischen Texte nicht kennt und mitliest, erlebt keine Einbuße.
Thomas Rothschild – 12. Oktober 2026 ID 16091
ECM-Link zu
Live in Venice mit The Tallis Scholars
Post an Dr. Thomas Rothschild
Bücher
CD
ROTHSCHILDS KOLUMNEN
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
BAYREUTHER FESTSPIELE
CD / DVD
KONZERTKRITIKEN
LEUTE
MUSIKFEST BERLIN
NEUE MUSIK
PREMIERENKRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
RUHRTRIENNALE
SALZBURGER FESTSPIELE
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|