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CD-Kritik

My choisest

hours





Bewertung:    



Nord entzieht sich einer Eindeutigkeit und entführt gleichsam in Zwischenreiche. Rebekka Bakken übersetzt mit feinem Sensorium und subtilen Abstufungen Geheimnisse in Klang. Feinsinnige, melancholische Songs atmen eine anrührend emotionale Intensität. Ein klanglicher Reichtum, in dem Bakken in harmonisch langgezogenen Vokallinien differenziert Schattierungen freilegt, drückt Wärme und innere Empfindungen wie Leidenschaft aus.

In ihrem zehnten Studioalbum begibt sich die Norwegerin auf eine Reise zur Nordhalbkugel und in ihre persönliche Vergangenheit. Sie singt die elf Songs auf dem Album größtenteils in ihrer Muttersprache, mit Einsprengseln auf Englisch und Arabisch. Die heute 55-Jährige erweitert die Klagelieder, Gebete, Schreie und Wiegenlieder aus norwegischen Liederbüchern, die sie laut eigener Aussage seit ihrer Kindheit begleiteten, kompositorisch um neue Facetten.

Dabei kombiniert die Musikerin, die nach Aufenthalten in Wien und New York heute wieder an ihrem Geburtsort Oslo lebt, altüberlieferte Folk-Melodien neu. Die althergebrachten Lieder haben oft religiöse Ursprünge. Hier tritt Bakken in die Fußstapfen schier zeitloser Spiritualität, gelebter Rituale und Gemeinschaftlichkeit. Thematisch kreisen die Stücke oft um den Sinn des Lebens, Sehnsucht, Zweifel und Fragen der Liebe. Kraftvoll zum Ausdruck gebrachte, von Bakken wiederbelebte Meditationen laden mitunter, rau und roh, zum Mitschwingen ein. Es kommen filigrane Kompositionen der Künstlerin selbst hinzu.

Begleitet wird die Jazz-Ikone von Rune Arnesen am Schlagzeug, Eivind Aarset an der E-Gitarre, Svein Schultz am E-Bass und dem Pianisten Stein Austrud, der diese Songs auch zusammen mit Bakken produzierte und abmischte. Hinzu kommen Gastauftritte, unter anderem von der Jazzmusikerin Hildegunn Øiseth am Ziegenhorn. Der Schwede Simon Issát Marainen steuert während des traditionellen Stückes „Ingen Vinner frem til den Evige Ro" (dt.:"Niemand wird ewige Ruhe finden") die meditative Vokalkunst des Joik-Gesangs bei.

Während ihres Leverkusener Konzertes erzählte Bakken im November, dass sie schon als junges Mädchen zu ihrem neuen Album inspiriert wurde. Ihre Mutter habe sie früh mitgenommen, wenn diese in der Kirche auf Norwegisch Psalmen sang. Bakken habe damals den Eindruck gehabt, das Durchschnittsalter der Mitsängerinnen habe bei 93 Jahren gelegen. Beim effektvoll orchestrierten Lied „Korset vil jeg aldri svike" (dt.: "Das Kreuz werde ich niemals aufgeben") kam live Gänsehaut-Stimmung auf. Auch auf dem Studioalbum setzt Bakken schillernde Akzente. Der tiefgründige Ton langsamer und langer Klanglinien hallt klar und intensiv nach.

Beim ausgedehnten, fast hypnotisch wirkenden Intro des Eröffnungssongs „Møt Meg" (dt.: "Treffen Sie mich“) gesellen sich dezent Schlagzeugrhythmen hinzu. Eindringlich und konzentriert erscheint der zweite Song „Tusen Blå" (dt.: "Tausend Blues"). „Heiemo Og Nykkjen" (dt.: "Heiemo und die Nykkjen“) und „So Ro Til Meg Selv" (dt.: "So ‘Ro’ zu mir selbst") entwickeln hingegen mit rhythmischer Energie und einer scharfen, kontrastreichen und aufbrausend expressiven Artikulation enormen Drive. Sensibel konturierte Details bestimmen dann das leisere „Eg Veit I Himmerik Ei Borg" (dt.: "Ich weiß im Himmel ein Schloss").

„My choisest hours" (dt.: "Meine schönsten Stunden"), der einzige englischsprachige Song, befindet sich, sozusagen als Herzstück, in der Mitte des Albums. Der syrische Gastsänger Saleh Mahfoud stimmt hypnotisch in Bakkens Klangfarben mit ein. Dabei fasst er Worte der islamischen Mystikerin und Sufi-Dichterin Rabia al-Basri in tragfähige Melodieverläufe. Das Duett entwickelt einen psychedelischen Groove und Flow.

Auf Nord modelliert Rebekka Bakken empfindsame Miniaturen mit einer Sensibilität für milde und unmittelbare Melodik. Die Singer-Songwriterin trägt ihre neuen Songs mit stimmlicher Opulenz, Flexibilität und Beweglichkeit vor. Ihre sphärischen Gesänge scheinen mitunter durch Halleffekte und männliche Backing Vocals vielfarbig aufgefächert. Einer vereinzelt lauernden Gleichförmigkeit komplexer Melodielinien begegnet Bakken mit dynamischen Akzenten wie insistierenden Energieschüben. Konzentrierte Klänge, atmosphärische Bilder und weit umrissene Themenfelder vermögen stimmungsvoll zu beflügeln – gleichsam offenen Türen Skandinaviens auf der Nordhemisphäre.


Ansgar Skoda - 2. Februar 2026
ID 15677
https://www.rebekkabakken.com/nord-2025


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