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Tanztheater

Scheitern

gehört dazu

JOYFUL FAILURE von und mit laborgras


Joyful Failure von laborgras | Foto (C) Phil Dera; Bildquelle: radialsystem.de

Bewertung:    



Die knapp einstündige Performance Joyful Failure (am vergangenen Donnerstag war die Uraufführung im Berliner Radialsystem) fußt auf ein Konzept der Tänzerin und Choreografin Renate Graziadei und des Choreografen und Dramaturgen Arthur Stäldi - beide gründeten vor weit über 30 Jahren in Hamburg das heute in Berlin beheimatete Künstlerinnen- und Künstlerkollektiv laborgras.


"Bereits seit 1994 experimentiert laborgras mit der Ausdrucksform Tanz, erforscht deren Bedingungen und denkt sie weiter. laborgras arbeitet als Kollektiv, gemeinsam mit verschiedensten Künstlern und im Verbund der unterschiedlichen Kunstsparten. Dadurch entstehen neue Räume und Möglichkeiten, dadurch verschieben sich die Horizonte, die eigenen und die anderen.

Kontinuierlicher Austausch und ständige Begegnung sind Teil des Konzeptes laborgras, Grenzen gibt es dabei nur die des jeweils Machbaren und Erwünschten. Diese Arbeitsweise ist organisch, Stücke und Choreographien entstehen, indem sie werden bis sie sind. Abgeschlossen sind diese Prozesse insofern nie, als dass jede Entdeckung neue Möglichkeiten eröffnet und jede Möglichkeit zu neuen Entdeckungen führt.

Für Renate Graziadei und Arthur Stäldi, bedeutet Tanzen eine Lebensanschauung, denn im Tanz lässt sich das Leben beobachten – als Zuschauer ebenso wie als Tänzer. Tanz geht einher mit Loslassen, mit Fallenlassen im Sinne von Hingabe, mit Probieren im Sinne von Forschen. Tanz ist Bewegung, Bewegung ist Leben und Tanz wiederum dessen physische Ausdrucksform.

Das Theater ist für laborgras ein Ort des Experiments, der Forschung und der Entdeckung. Es geht im Tanz immer um Haltung, auch in politischer Hinsicht, und es geht um das konkrete Leben, um konkrete Alltagsfragen. Tanz darf nicht zum Kommentar zu einem vorgegebenen Thema verkommen, darf nicht in schöner Bewegung erstarren, sondern muss eine Ausdrucksform bleiben, die neue Wahrnehmungen ermöglicht und befördert."


(Quelle: laborgras.com)



In ihrem neuesten Stück ging es ums Scheitern, und zwar im Allgemeinen wie Besonderen - "allgemein" wurde es, wenn fast alle sechs Tänzerinnen und Tänzer auf der ganz in Schwarz ausgelegten Bühne sich in einem konfus scheinenden Ablauf hin und her bewegten, sich aneinander vorbei oder aufeinander zu (aber immer irgendwie mehr zufällig) begegneten, betrachteten, berührten, begriffen (oder auch nicht) . "Besonders" wurde es, wenn sie entweder allein resp. einzeln oder als Paar oder (maximal vielleicht:) als Trio resp. Dreier irgend etwas - etwas halt "Besonderes" - allein als Einzelne oder halt miteinander, zu zweit oder zu dritt, zu haben schienen.

Und immer dann, wenn dieses "Besondere" passierte, strengte sich mein Augenpaar bedeutend mehr an als (vielleicht) bei diesem "Allgemeine(re)n": ziemlich am Anfang beispielsweise, wenn Abraham Iglesias Rodriguez & Miguel González Padilla ihre augenblickliche Geschichte und deren tatsächliches oder vorherbestimmtes also mögliches Scheitern vorführten... Noch krasser wurde es dann am Schluss, als Djamila Polo eine mehrminütige Solo-Performance ganz im Stillen also ohne klanglichen Backround hinlegte, während ihre fünf Kolleginnen und Kollegen hinter ihr auf Stühlen saßen und Synchronbewegungen als wie -gesten veranstalteten; es sah (für mich Wahrnehmenden) so aus, als wenn Djamila entweder vor einer fünfköpfigen Auswahl-Jury "vorzutanzen" hätte oder umgekehrt, dass sie Tanzbewegungen vor-dozierte, die die andern fünf, diesmal als Scholarinnen und Scholare, nach-gestalten sollten; so ungefähr...

*

Das alles, was allein schon genussvol zu erleben war, überbot dann zusätzlich noch der Gambist Liam Byrne, der mit seiner Viola da Gamba Renaissance- und/ oder Barockmusik live musizierte und (elektronisch verfremdet) be- bzw. verarbeitete; und wie er das machte, war zum Heulen schön!

Alles in allem bin ich Augen- und Ohrenzeuge einer der für mich glückvollsten Tanz-Performances, die ich jemals sah und hörte, gewesen.



Joyful Failure von laborgras | Foto (C) Phil Dera; Bildquelle: laborgras.com

Andre Sokolowski - 8. August 2026
ID 15980
Joyful Failure – Ein Abend über die Poesie des Scheiterns (Radialsystem, 08.08.2026)
Performance von laborgras feat. Liam Byrne & Ensemble

Konzept und Künstlerische Leitung: laborgras (Renate Graziadei & Arthur Stäldi)
Choreografie: laborgras in Kollaboration mit den Tänzer*innen
Dramaturgie: Arthur Stäldi
Musik: Liam Byrne
Kostümdesign: Claudia Janitschek
Lichtdesign: Kevin Sock
Mit: Abraham Iglesias Rodriguez, Tian Gao, Miguel González Padilla, Rosalind Masson und Djamila Polo sowie dem Musiker Liam Byrne (Viola da Gamba)
UA war am 6. August 2026.
Weiterer Termin: 09.08.2026
Eine Produktion von laborgras in Kooperation mit dem Radialsystem


Weitere Infos siehe auch: https://www.laborgras.com


https://www.andre-sokolowski.de

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