Singende
Orchestermusiker
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Bildquelle: filmphilharmonie.de
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Bewertung:
Bekanntlich war der Stummfilm nie stumm. Als die Technik der synchronen Tonaufzeichnung noch nicht entwickelt war, spielten Orchester in großen Filmpalästen die Musik zu den projizierten Bildern. In kleineren Kinos improvisierten Pianisten die Begleitung oder klimperten sie nach vorgefertigten Partituren. Angesehene Komponisten haben für den „Stummfilm“ komponiert.
Mit dem Tonfilm wurde diese Kunst der „live“ vorgetragenen Begleitmusik vergessen, überlebende Profis traten allenfalls als Kuriosum in Filmmuseen auf oder im prächtigen Tuschinski-Theater in Amsterdam, wo eine Kinoorgel magisch aus dem Untergrund aufstieg. Dann, jetzt schon eine Weile her, erinnerte man sich dieser Tradition. Große Orchester spielten auf Filmfestivals und dann auch auf Tournee zu historischen Filmklassikern auf. Einzelne Dirigenten spezialisierten sich dafür und wurden zu gern gesehenen oder vielmehr gehörten Gästen.
An der Stuttgarter Oper zeigt man, nach Modern Times und City Lights (Lichter der Großstadt), bereits den dritten Film von Charlie Chaplin, The Gold Rush.
Goldrausch steht auf den Listen der besten Filme aller Zeiten ganz weit oben. Er gilt als Musterbeispiel einer Filmkomödie mit Betonung auf „Film“ und wird immer wieder zitiert. Die Musik zu diesem Meisterwerk schrieb und klaute Chaplin selbst für eine Tonfilmfassung aus dem Jahr 1942. In Stuttgart zeigt man eine rekonstruierte und restaurierte Fassung des Originals von 1925. Chaplin selbst hielt Goldrausch für seinen besten Film.
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Cornelius Meister und das Staatsorchester Stuttgart sind sich nicht zu fein, seine Musik unter den flimmernden Bildern, leider nur drei Mal, aufzuführen.
Das „stumme“ Original, zusammen mit einem Orchester, hat seinen Reiz bewahrt. Und das Publikum hat eine doppelte Freude, über die üppige Musik und über die legendären Szenen: wie der hungrige Charlie seinen Schuh mit der genießerischen Miene eines Feinschmeckers verspeist und die Schuhriemen aufwickelt wie Spaghetti, wie er mit zwei Gabeln und Kartoffeln ein Ballett simuliert, wie er und Big Jim McKay ein Haus am Rande des Abgrunds vor dem Absturz zu retten versuchen.
Chaplins abendfüllende Filme sind nie bloß Komödien. Auch in Goldrausch mangelt es nicht an Sentimentalität. Und der verlachte und geprügelte Tramp, den Chaplin in vertrauter Weise verkörpert, kann ganz schön hinterhältig sein, sich, wenn es die Situation erlaubt, auf die Seite der Stärkeren schlagen.
Das raumfüllende Orchester im hochgehobenen Graben darf mitmachen. Die Musiker singen, als wären sie dafür ausgebildet, "Auld Lang Syne", wenn es im Film, fast lippensynchron, gesungen wird, und unterstreichen einen Tanz mit lauten Rufen.
Als der Tonfilm den „Stummfilm“ verdrängte, beklagte der große Filmtheoretiker Béla Balázs die Verluste der gerade erst entwickelten Kunstform. Wie recht er hatte, wird deutlich bei den Chaplin-Filmen mit Live-Orchester. Sie zeigen, dass Technik in den Künsten nicht entscheidend ist. Aber wer will das schon wissen. Ein Film ohne Tonspur, ein Theaterabend ohne Video erscheint vielen jungen Menschen so absurd wie Pommes ohne Ketchup.
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Thomas Rothschild – 7. April 2026 ID 15790
Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de
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