Liebe in
Zeiten der
Reproduktions-
medizin
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Die Walküre an der Oper Köln | Foto (C) Matthias Jung
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Bewertung:
Ganz menschlich werden hier die Götter: Wotan (Jordan Shanahan) und Fricka (Bettina Ranch) streiten am Wohnzimmertisch über seine Pläne mit dem Zwillings- und Liebespaar Siegmund (Daniel Johansson) und Sieglinde (Astrid Kessler). Unterschwelliges Thema: ihre Kinderlosigkeit und sein Fortpflanzungsbedürfnis. Das ist gewissermaßen die Kernszene, an der Paul-Georg Dittrich mit seiner Inszenierung ansetzt. Selbst die Walküren sind von Wotans Suche nach dem freien Menschen, der ihn vor einer drohenden Rache Alberichs und dem Verlust des Ringes des Nibelungen schützt, nicht ausgenommen: Heraus kommen im Walkürenritt zu Beginn des dritten Aktes Gebärmaschinen und Kinder auf Schaukelpferden. Alle gleich angezogen, alle mit blonden Haaren und alle mit dem gleichen Symbol auf der Kleidung, quasi als Teil einer Klonarmee. Aber weit und breit nicht der gesuchte freie Held. Auch das ein Widerspruch in Wotans Verhalten, auf das seine Gattin ihn hinweist.
Sieglinde und Siegmund sind ebenfalls Teil dieser Fortpflanzungsmaschine: Beide mit blonden Haaren, beide mit dem gleichen Anzug, auf dem das gleiche Symbol prangt. Wird zu Beginn noch subtil mit dieser Ähnlichkeit gespielt, kippt das im Laufe der Aufführung, wenn das Symbol, das die beiden und alle Kinder auf dem Rücken tragen (eine Art DNA-Strang mit Flügeln), übergroß auf die Leinwände links und rechts der Bühne projiziert wird.
Der andere Aspekt, der bei Paul-Georg Dittrich und seiner Lesart der Walküre in den Mittelpunkt rückt, sind die großen Gefühle: Siegmund und Sieglinde sind ineinander verliebt, kaum dass sie sich sehen. Und Brünnhilde (Trine Møller) schafft es nicht, Siegmund von den Vorzügen Walhallas zu überzeugen, und ist gerührt von seiner bedingungslosen Zuneigung zu Sieglinde. Wotan selbst schließlich stellt die Liebe zu seiner Tochter Brünnhilde über seine Prinzipien und wirkt überhaupt den ganzen Abend lang eher wie ein Zauderer, jemand, der an Zwänge gebunden ist und damit hadert, nicht so handeln zu können, wie er möchte, und nicht wie der allmächtige Gott. Jordan Shanahan gelingt hier als Wotan szenisch wie musikalisch ein beeindruckendes Rollenporträt – trotz einer Kostümierung, die ein wenig an Chaplins Der große Diktator gemahnt und leicht lächerlich wirkt. Wobei das womöglich auch Absicht ist (Kostüme: Mona Ulrich).
Es gibt so einige Unstimmigkeiten. Das Bühnenbild von Pia Dederichs & Lena Schmid leidet an einer Tendenz zur Überfrachtung. In Akt 1, wenn Sieglinde und Siegmund sich vor Hundings Hütte begegnen, befinden wir uns in einem sehr dunklen Wald, neben der Bühne rechts und links Videoleinwände, auf die Überwachungsaufnahmen projiziert werden, die Geschehnisse auf der Bühne aus einer anderen Perspektive zeigen oder Abläufe sichtbar machen, die vom Zuschauerraum nicht einsehbar sind. Portalmittig steht ein Baum. In ihm steckt deutlich für alle sichtbar ein Schwert, allerdings wird dessen tatsächlicher Gebrauch auf später verschoben. Und auch im Bühnenbild des dritten Aktes, einer Art Krankenhaussetting bei Wotan und Fricka zu Hause, sind alle Beteiligten im Laufe der Szene damit beschäftigt, Gegenstände zur Seite zu räumen, um Spielraum zu schaffen.
Am stärksten ist die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich, wenn sie zur Ruhe findet: Wotan und Brünnhilde sitzen an der Rampe, Sieglinde und Siegmund liegen, von der Überwachungskamera eingefangen, nebeneinander auf dem Boden und haben einander an der Hand gefasst. Fricka in einem stummen Vorspiel zum zweiten Akt, in dem deutlich wird, dass auch sie Wotan ein Kind gebären möchte, aber auch dieses Mal ist sie nicht schwanger. Sicherlich ist auch die Personenregie ein Plus, aber wenn sich Personen in einem sehr vollgestellten Raum bewegen sollen, gerät das Ganze an seine Grenzen. Und manches wirkt szenisch schlicht unbeholfen: Sieglinde, die mit einem Beil ihren Mann erschlagen möchte, aber keine Entschlossenheit in ihre Schläge bringt, oder der Kampf zwischen Siegmund und Hunding.
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Musikalisch zündet die Aufführung durchaus, Marc Albrecht und das Gürzenich-Orchester schaffen - wie im vorjährigen Rheingold - erneut einen ausgesprochen differenzierten Klang, in dem einzelne Motive und Instrumenten(-gruppen) gut hörbar werden und Wagners Komposition so quasi transparent wird. Eine ausgesprochen konzentrierte und engagierte Leistung, vor allem auch im Zusammenspiel mit den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne, die kaum einmal vom Orchester überdeckt werden. Daniel Johansson gibt den strauchelnden Helden Siegmund, der seine Herkunft nicht kennt (ein Schicksal so vieler Wagnerfiguren), mit einem gebührenden Anteil von Zweifeln bei aller tenoralen Strahlkraft. Spannend wird sein, welches Gesicht er im nächsten Teil der Tetralogie (Premiere ist für April 2027 geplant) der Titelfigur Siegfried verleiht. Astrid Kesslers Partie der Sieglinde ist da etwas kleiner, aber auch ihr gelingt es vor allem in der Erinnerung an den Auftritt des Fremden bei ihrer Hochzeit, das ganze Leid der Figur zu erfassen und das Publikum zu berühren.
Bettina Ranch und Jordan Shanahan setzen ihre überzeugende Leistung aus Rheingold nahtlos fort. Bettina Ranch schafft es, in ihren wenigen Auftritten als Fricka dieser Figur Kontur zu verleihen. Einen schweren Stand hat da Tijl Faveyts’ Hunding, szenisch ohnehin eher ein Unsympath. Aber auch eher musikalisch ohne Fehl und Tadel. Großes Kino dann die acht Walküren Emily Hindrichs, Kristi Anna Isene, Claudia Rohrbach, Regina Richter, Alicia Grünwald, Johanna Thomsen, Tina Drole und Adriana Bastidas-Gamboa, die nicht nur in ihrem berühmten Ritt, sondern auch in der anschließenden Szene alles geben, um Wotan davon abzubringen, die Schwester zu bestrafen.
Die größte Entwicklung (auch optisch von der blondgelockten Lieblingstochter zu Kämpferin mit kurzem Haar) macht Trine Møllers Brünnhilde durch. Erst spät tritt sie auf, aber dann gehört ihr fraglos die Bühne – sowohl in den Szenen mit Wotan als auch in der Begegnung mit Sieglinde und Siegmund. Sie schafft es, der mythischen Figur sehr menschliche Züge zu verleihen und berührt durch ihren Gesang.
Aber auch die exzellente musikalische Darbietung gerät an ihre Grenzen, wenn auf der Bühne mehr Fragen als Antworten erzählt werden, wenig Zwingendes und viel Beliebiges, nach dem Motto: Ja, kann man so machen. Aber anders geht es auch. Das Spielerische, Leichte, Humorvolle, die Anklänge ans Märchenhafte aus Rheingold sind komplett verschwunden, alles in der Walküre ist schwer und ernst, und dann leider auch sehr kühl und technisch. Wenig Wärmendes allerorten, nicht einmal ein Feuer am Ende, stattdessen Brünnhilde in einer Art Raumkapsel und Wotan an einem Laptop. Aus der Idee, weniger den Mythos als die menschliche Beziehung zu erzählen, wird ein sehr verkopfter Ansatz, der zudem nicht komplett und konsequent auserzählt wird. Schade, Chance vertan.
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Die Walküre an der Oper Köln | Foto (C) Matthias Jung
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Karoline Bendig - 2. April 2026 ID 15785
DIE WALKÜRE (Staatenhaus, 01.04.2026)
Musikalische Leitung: Marc Albrecht
Inszenierung: Paul-Georg Dittrich
Bühne: Pia Dederichs und Lena Schmid
Kostüme: Mona Ulrich
Licht: Andreas Grüter
Video: Robi Voigt
Videoassistenz: Caroline Weyers
Dramaturgie: Svenja Gottsmann
Besetzung:
Siegmund ... Daniel Johansson
Hunding ... Tijl Faveyts
Wotan ... Jordan Shanahan
Sieglinde ... Astrid Kessler
Brünnhilde ... Trine Møller
Fricka ... Bettina Ranch
Helmwige ... Emily Hindrichs
Gerhilde ... Kristi Anna Isene
Ortlinde ... Claudia Rohrbach
Waltraute ... Regina Richter
Siegrune ... Alicia Grünwald
Roßweiße ... Johanna Thomsen
Grimgerde ... Tina Drole
Schwertleite ... Adriana Bastidas-Gamboa
Gürzenich-Orchester Köln
Premiere an der Oper Köln: 29. März 2026.
Weitere Termine: 04., 06., 17., 19., 30.04./ 03.05.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.oper.koeln
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