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Rezension

Viel Lärm um nichts (USA 2012)



Bewertung:    



Viel Lärm um nichts gehört zu Shakespeares beliebtesten Komödien. Die Handlungsstränge sind verhältnismäßig überschaubar, der Text ist auch heute noch weitgehend verständlich und das Thema – der Kampf der Geschlechter – hat schon fast Ewigkeitspotential. Die angepasste Hero (Jillian Morgese) und der aufstrebende junge Edelmann Claudio (Fran Kranz) wollen heiraten. Hero ist die einzige Tochter von Leonato (Clark Gregg), dem Gouverneur von Messina, und seine Universalerbin. Heiraten ist auch ein Politikum, und deshalb setzt sich der Prinz von Aragon (Reed Diamond), der gerade in Leonatos Haus weilt, persönlich für das Gelingen des Unterfangens ein. Heros aufmüpfige Cousine Beatrice (Amy Acker) und der Edelmann Benedick (Alexis Denisof) sind im Gegensatz dazu eingeschworene Gegner der Ehe und befinden sich in einem „fidelen Krieg“ miteinander, in dem sie sich gegenseitig und mit umwerfendem Geisteswitz ihre Schwächen an den Kopf werfen. Deswegen spricht uns Viel Lärm um nichts auch heute noch an.




Was sich liebt, das zofft sich: Benedick (Alexis Denisof) und Beatrice (Amy Acker) halten angeblich nichts von der Ehe - Foto © 2012 Messina, LLC



Regisseur Joss Whedon gehört zu den kreativen Regisseuren Hollywoods und wartet mit recht unterschiedlichen Produktionen auf. Bekannt ist er durch die Fernsehserie Buffy - Im Bann der Dämonen, und unlängst machte er mit dem Kino-Film Marvel's The Avengers (2013) Furore. Auch wenn er bislang durch Mainstream-Filme bekannt wurde, scheint er weitergehende Ambitionen zu haben. Studiert hat an der University of Colorado Boulder - und zwar Avantgarde- und Experimentalfilm. Ein Experiment ist Viel Lärm um nichts auf jeden Fall: Er hat es innerhalb von zwölf Tagen in seinem Haus in Santa Monica in Kalifornien gedreht. Dabei sind ihm ein paar Geniestreiche gelungen. Da der Film aber in Schwarzweiß gedreht wurde, ohne große Hollywood-Stars und von den Schauspielern recht lässig heruntergespielt wird, öffnet sich die Knospe vielleicht erst bei genauerem Hinschauen.

Bei Shakespeare gibt es viele Leerstellen, bei denen wir schlichtweg nicht wissen, wie er es gemeint hat. Es gibt so gut wie keine zeitgenössischen Belege, und so sind die Regisseure auf sich selbst gestellt. Im Falle der drei Bösewichte im Stück hat Whedon diese Leerstellen schon allein durch die Besetzung der Rollen gefüllt. Don John, der neidische Bruder des Prinzen von Aragon, wurde mit dem attraktiven Sean Maher besetzt. Der hätte als Ehemann für die reiche Hero genau so in Frage kommen können. Die beiden Schurken an seiner Seite sind mit einem schönen und selbstverliebten Jüngling als Borachio (Spencer Treat Clark) besetzt, und der Mitläufer Conrade (Riki Lindhome) wird gar von einer Frau gespielt, in der Interpretation des Films die Geliebte Don Johns. So nimmt der Tragödienanteil seinen Lauf. Aufgrund einer Intrige von Don John glauben Claudio und der Prinz, dass Hero noch in der Nacht vor der Hochzeit untreu ist. Dabei sind es Borachio und die Kammerzofe Margaret, die sie da in Heros Schlafgemach beobachten. Die Täuschung gelingt, und Hero wird am nächsten Tag vor der versammelten Hochzeitsgesellschaft angeklagt und verschmäht. Sie fällt ihn Ohnmacht und wird für tot gehalten.

Als Kenneth Branagh 1993 Viel Lärm um nichts verfilmte, war es trotz US-amerikanischer Stars, wie Denzel Washington und Keanu Reeves, eine sehr britische Version. Die britischen Schauspieler bekommen in den Schauspielschulen auch eine klassische Ausbildung, die sie befähigt, mit den Versen und dem Blankvers Elisabethanischer und Jakobäischer Autoren zurechtzukommen. Richtig gesprochen, können die Verse im Original wahre Verbalopern sein. In Branaghs englischsprachiger Filmfassung klingt das durchaus an. Er hat das in Sizilien gelegene Messina des Stücks in eine riesige Villa in der Toskana verlegt. Das Stück ist normalerweise durch eine Bühne begrenzt. Branagh hat es in die Weite der toskanischen Landschaft eingebettet, extrem farbenfroh, quirlig, nach außen strebend, beweglich, sehr passioniert, emotional und mit einem musikalischen Feuerwerk. Mit seinen Shakespeare-Verfilmungen hat Branagh Standards gesetzt, und trotzdem kann Whedon mit seiner Low-Budget-Produktion handwerklich und interpretatorisch durchaus mithalten.

Viel Lärm um nichts enthält viele Wortgefechte, und so hat Whedon den Film in Schwarzweiß und im Stil der US-amerikanischen Screwball-Comedies der 1930er und 1940er Jahre inszeniert, die dem sehr nahe kommen. Diese zeichnen sich durch Übertreibungen im Sinne einer Farce, Slapstick-Elemente und vor allem durch Wortgefechte zwischen Mann und Frau aus, wie sie auch in Shakespeares Stück vorkommen. Whedon hat damit eine Art natürliches filmisches Habitat für die Komödie gefunden und sie in der leicht unterkühlten US-amerikanischen Upper Class angesiedelt. Den Text lässt er so „normal“ wie möglich sprechen, ohne Deklamationen oder Sprachakrobatik, zu Anfang fast beiläufig, während alltägliche Vorbereitungen im Haushalt Leonatos getroffen werden. Es gab tatsächlich US-amerikanische Kritiker, die sich über die Sprache beschwerten und sie für unpassend hielten. Insgesamt kann man sagen, dass der Transfer sehr gelungen ist und beim zunehmenden Verfall sprachlicher Kompetenz besonders bei jungen Menschen das Unterfangen vielleicht ein wichtiges Statement ist.

Schon bei den ersten Einstellungen wird dem geneigten Shakespeare-Kenner allerdings schwindlig. Benedick zieht sich an, nachdem er die Nacht mit Beatrice verbracht hat. Im Stück wird zwar erwähnt, dass die beiden schon mal miteinander geliebäugelt haben, aber ein sexuelles Verhältnis kommt explizit nicht vor. Da es thematisch um viel Lärm wegen der Jungfräulichkeit geht, robbten die mit Vorwissen ausgestatteten Filmkritiker unruhig in ihren Kinosesseln herum. Als Benedick das Schlafzimmer und die sich schlafend stellende Beatrice verlässt, wird es richtig spannend. Wie kann Whedon vermeiden, dass sich diese kühne Interpretation später nicht rächt? Zuerst einmal Wow! Beatrices Verbalattacken gegen Benedick bekommen dadurch eine andere Dimension. Er hat sie verführt, mutmaßlich entjungfert und sitzen gelassen. Es geschieht also aus der Verletzung heraus, und Benedicks Tiraden gegen die Ehe sind ein Beleg für seine Angst vor Verpflichtungen.

Hero dagegen wird wegen ihrer vermeintlich verlorenen Jungfernschaft verstoßen und als tot verkündet. Beatrice, Benedick und ausgerechnet der Mönch (Paul Meston), der die Hochzeit durchführen sollte, glauben an einen Irrtum und wollen Zeit gewinnen. Spätestens jetzt kommen noch mehr Fragen auf. Warum hat die Kammerzofe Margaret (Ashley Johnson) nichts gesagt, als Hero beschuldigt wurde? Wieso kommen Claudio, der sich vorher schon einmal von Don John hat täuschen lassen, keine Zweifel? Wieso traut der Prinz seinem Bruder Don John, der zu anfangs mit gefesselten Händen in Leonatos Haus abgeliefert wird? Wieso funktionieren die bösen und harmlosen Intrigen so gut, obwohl in dem recht offenen Haus Geheimnisse fast nicht möglich sind? Und letztlich die Frage, warum ist Heros Jungfräulichkeit so wichtig und die ihrer Cousine Beatrice nicht?




Die beiden unterschiedlichen Cousinen Beatrice (Amy Acker) und Hero (Jillian Morgese) - Foto © 2012 Messina, LLC



Die Antwort ist erst einmal simpel. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Hero ist als Universalerbin eine Partie. Da kommen Geldadel und die gesellschaftliche Stellung ihres Vaters als Gouverneur ins Spiel. Beatrice ist „nur“ Leonatos Nichte, offensichtlich ohne wesentliche Mitgift ausgestattet. Zur Unterstreichung dieser Doppelmoral lässt Whedon eine der Mägde herumknutschen, was Leonato nur mit einer abwinkenden Geste quittiert. Trotzdem versuchen Leonato und der Prinz durch eine kleine Intrige Beatrice und Benedick von ihrer gegenseitigen Liebe zu überzeugen und zum Heiraten zu bringen, was zum Schluss auch gelingt. Das affirmiert das bestehende Herrschaftssystem und stützt das Establishment. Man muss zudem keine Feministin sein, um zu erkennen, dass die Männer Angst vor Beatrices unbezähmbarer Weiblichkeit haben, die nicht einmal Benedick bändigen kann. Die weibliche Sexualität stellt eine potentielle Gefährdung der patriarchalischen Struktur dar. Eine sich ihrer sexuellen Energien bewusste Hero wäre nicht mehr kontrollierbar.




Alles wieder gut: Hero (Jillian Morgese) und Claudio (Fran Kranz) können wieder lachen - Foto © 2012 Messina, LLC



Eigentlich ist die Frage, wie so viel Lärm um nichts geschehen konnte, textimmanent nicht wirklich geklärt. Doch Whedon hat das Ganze in der Atmosphäre einer Barlounge gedreht – das ist der Geniestreich. (Er hat teilweise sogar die Musik dafür komponiert.) Es wird dort sehr viel Alkohol getrunken. Die Protagonisten sind in der Tat ziemlich benebelt. Da geht einem schon mal was durch. Dazu passt der leitmotivische Song Shakespeares „Sigh No More, Ladies“ (Seufzt nicht mehr, Ihr Damen), in dem Frauen angeraten wird, sich von den Machenschaften der Männer nicht die Laune verderben zu lassen.

Zum Amüsement tragen auch eine Reihe von Wachposten bei, eine ungeschickte Gurkentruppe, die es aber – eher durch Zufall - schafft, Don Johns Verrat aufzudecken. Sie ist bei Whedon mit ziemlich viel Technik ausgestattet, u.a. wird Leonatos Haus auf mehreren Monitoren überwacht. Da fragt man sich schon, wo hört die Sicherheit auf und wo fängt die Überwachung an. Einen solchen Seitenhieb konnte sich Shakespeare 1599 nicht leisten. In diesem Jahr wurde Much Ado About Nothing im neu gebauten Globe Theater in London aufgeführt. Im selben Jahr wurde aber auch der „Bishop's Ban“ erlassen: Der Klerus hatte schlichtweg Zensur eingeführt und Veröffentlichungen genehmigungspflichtig gemacht. Der Prinz von Aragon, der die Eheanbahnungen durch Täuschungsmanöver inszeniert, könnte als ein versteckter Hinweis auf die etwas fragwürdige Einmischung der Obrigkeit gewertet werden.

Als Whedons Film 2012 produziert wurde, stand die Weltbevölkerung ziemlich düpiert da, nachdem WikiLeaks zahlreiche Dokumente von Bradley Manning (heute Chelsea Manning) veröffentlicht hatte, was einen erheblichen Nachzieheffekt hatte und 2013 in die Affäre um Whistleblower Edward Snowden mündete. Trotzdem: wie gerne glauben wir heute noch, was uns so vorgegaukelt wird? Shakespeares Viel Lärm um nichts ist gar nicht so weit entfernt von uns, wie es seine Entstehungszeit um 1599 und die „komische“ Sprache scheinen lassen.


Helga Fitzner - 22. Juli 2014
ID 7971
Weitere Infos siehe auch: http://www.viellaermumnichts-film.de/


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