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Filmkritik

Unter

den Wolken



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Was Unfreiheit des Individuums im Alltag bedeutet, kennen die meisten westdeutschen Bundesbürger nur noch aus Erzählungen ihrer Vorfahren. Die Ostdeutschen werden mit dem, worüber der Film b>Teheran Tabu erzählt, mehr konkrete Erfahrungen verbinden. Ich werde meine ostdeutschen Freunde und Bekannte fragen, ob es gravierende oder nur graduelle Unterschiede sind, wenn sie ihre früheren Erlebnisse in der DDR mit dem Verhalten der Filmfiguren im heutigen Teheran vergleichen.

Drehbuchautor und Regisseur Ali Soozandeh, der im deutschen Exil studiert hat, zeigt in seinem Debütfilm eine bis in die Knochen moralisch ausgezehrte Gesellschaft, deren Mitglieder hauptsächlich mit Durchlavieren und Denunziationen, mit Mogeleien und Lügen, Getrickse und Gesetzesbruch beschäftigt sind, um nicht ins Abseits oder in die Armut zu geraten. Vom einstigen Stolz des persischen Volkes auf Vorsprung in Bildung und Gelehrsamkeit im orientalischen Raum sind nicht einmal mehr schale Erinnerungen übrig geblieben – zu sehr wird die Geduld und Duldsamkeit vor allem der weiblichen (und schwulen und jungen) Bevölkerung vom Diktat der bärtigen Patriarchen strapaziert. Die Sehnsüchte richten sich aufs Exil im Ausland. Dass Soozandeh und seine Mitstreiter nach dieser ebenso scharfsichtigen wie schonungslosen Abrechnung zu Lebzeiten noch einmal ihre alte Heimat bzw. das Land ihrer Vorfahren besuchen dürfen, wenn das nunmehr 40jährige Regime der Theokraten nicht durch eine neuerliche Revolution hinweggefegt wird, halte ich für ausgeschlossen.

Der Titel des Films ist Programm: Was im Iran Staatsdoktrin und offiziell Tabu ist – Sex vor der Ehe, Fremdgehen, Prostitution, Pornografie, Homosexualität etc. –, bricht der Film reihenweise bzw. zeigt diese Phänomene als inoffiziellen aber festen Bestandteil des Alltags. Die meisten Episoden des Films, der mehrere Schicksale vor allem junger Leute und Ehepaare miteinander verschränkt, ranken sich um die alleinerziehende Pari (Elmira Rafizadeh) und ihren kleinen Sohn Elias, der mit kindlichen Augen das wundersam widersprüchliche Treiben der Erwachsenen betrachtet. Und der darauf ähnlich reagiert wie Oscar Mazerath aus der Blechtrommel von Günter Grass: mit Sprachverweigerung (und vielleicht auch der Weigerung selbst erwachsen zu werden). Pari rettet sich und Elias mit Gelegenheitsprostitution, was an sich schon ein mutiges Unterfangen ist, wenn – wie eine Szene zeigt – schon das Treffen zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau, die unverheiratet sind, in einem öffentlichen Park große Verwicklungen verursachen kann. Ein One-Night-Stand inklusive Entjungferung sind mit Katastrophe noch unzureichend beschrieben. "Zum Glück" gibt es windige Pfuscher, die solche Probleme wieder "kitten".

Vorauseilende Unterwürfigkeit, Versteckspielen und Fremdschämen gegenüber bornierten Beamten und Staatsvertretern wie der Sittenpolizei sind also noch die harmlosen Auswüchse des jede Art von sexueller Gleichberechtigung oder Freizügigkeit sanktionierenden Regimes. Die Scheinheiligkeit und Korruption, mit der die regierenden Mullahs (die wie fleischgewordene Ikonen an den Wänden öffentlicher Gebäude prangen) und ihre Handlanger das öffentliche und teils auch private Leben der Bevölkerung beeinflussen, ätzt den sozialen Zusammenhalt und die ethischen Werte der iranischen Gesellschaft unaufhörlich weg, sodass in Teheran Tabu nurmehr eine entkernte Fassade von Gemeinschaft übrig bleibt, die Aufrechten, Unbequemen und in Alternativen Denkenden keine Heimat bieten kann.

Gestaltet ist der Film im Rotoskopie-Verfahren, bei der die zunächst real gefilmten Einzelbilder nach- oder abgezeichnet werden. Diese inzwischen computergesteuerte, gleichwohl noch immer zweidimensionale Verfahren stilisiert und abstrahiert die Bewegungen wie in den Dramen Waking Life (2001), A Scanner Darkly (2003), Alois Nebel (2011), teils auch in Waltz with Bashir (2008). Gerade dieser Film nutzte ebenso wie The Green Wave (2010), der die Niederschlagung der demokratischen, sogenannten "grünen Bewegung" im Iran zum Thema hatte, die Animation, weil der starke Verfremdungseffekt dem Drama einen Teil seiner Grausamkeit nimmt. Auch in Teheran Tabu hätte das ungeschminkte, naturalistische Verfahren von den Charakteren und Dialogen abgelenkt – immerhin werden sexuelle Erpressung, heimliches Porno-Gucken, Katze-Totschlagen und ein spektakulärer Selbstmord gezeigt. Ali Soozandeh nutzte Rotoskopie auch, da er nicht an Originalschauplätzen drehen konnte. Er filmte die ebenfalls exilierten Darsteller stattdessen vor einem neutralen Greenscreen und animierte die Sets nachträglich in die Szenen.

Die Filmhandlung der mit deutschsprachigen Partnern (u.a. ORF und ZDF) entstandenen Produktion wirkt trotz des verdichteten Schicksalsreigens nicht übertrieben. Sie ist auch nicht abstoßend tiefschwarz gemalt, aber sie zeigt so tiefe Abgründe an moralischer Verkommenheit, dass man vor Verzweiflung laut auflachen, -stöhnen oder -schreien möchte. Elias, der kleine Junge, bleibt stumm und denkt sich seinen Teil.



Teheran Tabu | (C) Camino Filmverleih / Little Dream Entertainment

Max-Peter Heyne - 17. November 2017
ID 10378
Weitere Infos siehe auch: http://www.teherantabu-film.de


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