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Filmkritik

Im preisgekrönten Animationsfilm Alois Nebel wirken die surrealen, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bilder wie die Schatten der Vergangenheit





Im Nebel der Erinnerung

Endlich ist nun auch in Deutschland die Verfilmung des tschechischen Kultcomics über die Erlebnisse des melancholischen Bahnwärters Alois Nebel in den Kinos angekommen. Die Graphic Novel war ein Gemeinschaftsprojekt des Schriftstellers Jaroslav Rudiš (Der Himmel unter Berlin, Roman ) und des Zeichners Jaromír Švejdík, bekannt unter dem Künstlernamen Jaromír 99, der mit kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern eine artifizielle, surreal anmutende Welt entwarf. Die Graphic Novel war beim Erscheinen 2003 in Tschechien ein unerwarteter Bestseller, dem zwei weitere Bände folgten, die auch in deutscher Sprache bei Voland & Quist erschienen sind.

Zum Erfolg des Comic trug neben der besonderen, scharfkantigen Bildästhetik offenkundig auch das Thema der Vertreibung der Sudetendeutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges bei, an die der Protagonist des Comics, Alois Nebel, sich am Ende der sozialistischen Diktatur in der Tschechoslowakei 1989 zurückerinnert. Ein Thema, das in Tschechien in den vergangenen zehn Jahren eine besondere Relevanz erhalten hat, weil es lange Zeit politisch tabuisiert war und offiziell totgeschwiegen wurde, wie Regisseur Juraj Herz anlässlich seines eigenen Spielfilms Habermann (2010) zum selben Thema erläuterte.

Im Comic und der filmischen Umsetzung setzt die Handlung im Herbst 1989 kurz vor der Öffnung des Eisernen Vorhangs in Europa ein, als sich bereits abzeichnet, dass sich die politischen Verhältnisse dramatisch zu ändern beginnen. Auch das bis dahin eintönige Leben des Bahnwärters Alois Nebel, der im kleinen Bahnhof in Bílý Potok, einem abgelegenen Ort an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, dem früheren Sudetenland, eine sehr ruhige Kugel schiebt, wird davon beeinflusst. In erster Linie jedoch nicht durch äußere Einflüsse, sondern durch seine Rückbesinnung an eine ähnliche Zeit des Umbruchs im Frühjahr 1945, als die deutschstämmigen Bewohner Tschechiens mit Zügen in Richtung des zusammenbröselnden Dritten Reiches deportiert wurden. Nebel erinnert sich besonders an eine Gräueltat, die von einem der neuen kommunistischen Machthaber an einem deutschen Ehepaar begangen wurden, kurz bevor sich die Züge gen Westen in Bewegung setzten. Denn plötzlich taucht in Bílý Potok ein stummer Mann auf, der sich merkwürdig verhält und offensichtlich eine alte Rechnung zu begleichen hat.

Doch bevor sich das Geheimnis lüftet, werden der Stumme und Nebel beide erst einmal in gewohnt schroffer Manier von den Noch-Mächtigen in die Psychiatrie verfrachtet, was Nebels Zustand eher verschlechtert, weswegen er, um eine neue Aufgabe bittend, sich nach Prag aufmacht. Dort findet der wortkarge Fahrdienstleiter vorübergehend Trost bei einer hilfsbereiten Toilettenfrau. Doch die Flashbacks hören nicht so schnell auf, immer wieder drängt sich eine Welt voll dunkler Erinnerungen und düsterer Ahnungen in Nebels Gegenwart. Erst zurück in seinem Heimatdorf, klären sich die Geheimnisse gewaltsam auf, und es lichten sich die Nebel der Erinnerungen. Leider wirkt der Rhythmus der Erzählung über Nebels Leiden an der Vergangenheit mitunter allzu elegisch, um nicht zu sagen behäbig, sodass zwischenzeitlich die Spannung in sich zusammenfällt. Visuell jedoch ist der Film von Tomáš Luňák in jeder Sekunde bestechend, gehört zu den erfolgreichsten Filmen Tschechiens und hat 2012 zu Recht den Europäischen Filmpreis in der Kategorie „Bester Animationsfilm“ errungen.




Alois Nebel - Foto (C) Neue Visionen Filmverleih



Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 14. Dezember 2013
ID 7463
Alois Nebel wurde im Rotoskopie-Verfahren realisiert, einer besonderen Form der Animation, bei der die Bilderfolgen von hinten auf eine Mattglasscheibe projiziert werden, dass der Animator sie abzeichnen kann (wie beim Durchpausen). Dies geschieht mehrere Male, damit möglichst alle Bilddetails erkennbar bleiben und die Bewegungen der Charaktere authentisch aussehen. Aber gerade im Film Alois Nebel passt der leicht verfremdete, surreale Touch der Bilder hervorragend zur Stimmung und den Erinnerungswelten seines Titelhelden, die zwar nicht unscharf, aber doch alptraumhaft verzerrt wirken sollen.

Das Rotoskopie-Verfahren, das schon seit 1915 existiert und in Einzelszenen von Walt Disneys Schneewittchen und die Sieben Zwerge (1937), Alfred Hitchcocks Die Vögel (1963) und Steven Lisbergers Tron (1982) angewandt wurde, ist im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr so aufwendig wie früher, wird aber selten für Spielfilme verwendet, sondern hauptsächlich in Musikvideos und Werbefilmen angewandt. Komplett animierte Rotoskopie-Filme haben nur wenige Regisseure inszeniert, darunter der US-Animationsexperte Ralph Bakshi mit der ersten (und gefloppten) Verfilmung von Herr der Ringe (1978), dem spektakelhaften Fire and Ice (1983) und dem Real-und Animationsfiguren kombinierenden Cool World (1992) sowie der Texaner Richard Linklater (Before Midnight, 2013) mit Waking Life (2001) und A Scanner Darkly (2006).


Weitere Infos siehe auch: http://www.aloisnebel.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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