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Für Geheimdienste gibt es immer was zu spionieren, und heutzutage wird das vielfach vom sicheren Schreibtisch aus mit Computer-, Drohnen- und sonstiger Technik erledigt. Was waren das für Zeiten, als DDR-Spione wie der Techniker Jacky (Michael Gwisdek), der Logistiker Locke (Thomas Thieme) und der Romeo-Agent Harry (Winfried Glatzeder) noch selbst Hand anlegen durften. Als Kundschafter des Friedens, wie sie euphemistisch bezeichnet wurden, hatten sie die beste Zeit ihres Lebens. Als eines Tages ihr Kollege, der Stratege Jochen (Henry Hübchen), auftaucht und sie für den BND reaktivieren will, können die abgehalfterten Rentner ihr Glück kaum fassen. Ausgerechnet der ehemalige Feind ist nun auf ihre Hilfe angewiesen. Der Grund: Ein neuer Präsident soll als Lichtgestalt die ehemaligen Sowjetrepubliken Ost- und West-Katschekistan einigen und bald symbolträchtig im alten Parlamentsgebäude in Bonn vereidigt werden, wo schon die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland besiegelt wurde. Nun ist ausgerechnet dieser Hoffnungsträger entführt worden, und bei einem Befreiungsversuch ging auch der in die Jahre gekommene West-Spion Frank (Jürgen Prochnow) verloren, ein früherer Kontrahent der DDR-Brigade. Weil die damaligen "Kundschafter des Friedens" die einzigen sind, die sich mit den sowjetischen Strukturen auskennen und möglicherweise noch alte Kontakte zum russischen Geheimdienst KGB nutzen könnten, werden sie ins hinterste Katschekistan entsandt (Ähnlichkeiten mit real existierenden Republiken sind beabsichtigt). Allerdings haben sie die junge und unerfahrene BND-Agentin Paula (Antje Traue) als Aufpasserin im Schlepptau, und so macht sich die Gurkentruppe auf den Weg, den Frieden zu retten.



Auf Friedensmission in Katschekistan: Jacky (Michael Gwisdek), Locke (Thomas Thieme), Jochen (Henry Hübchen) und Paula (Antje Traue) | (C) Majestic Filmverleih


Der Berliner Theater- und Filmregisseur Robert Thalheim (Am Ende kommen Touristen, 2007) schrieb zusammen mit Oliver Ziegenbalg auch das Drehbuch zu Kundschafter des Friedens und schaffte es, einige der besten Mimen ihrer Altersklasse zusammen zu bringen. Die Ost-Spione sind mit Schauspielern besetzt, die bereits in der DDR Erfolge feierten: Henry Hübchen, Winfried Glatzeder, Thomas Thieme und Michael Gwisdek, die sonst so gesamtdeutsch daherkommen wie Jürgen Prochnow, dass das normalerweise keine Rolle mehr spielt. Aber vielleicht half das ja, ihren Rollen den nötigen Enthusiasmus zu verleihen, denn klar: Die Ostdeutschen hatten die besseren Spione, die DDR war ideologisch der BRD haushoch überlegen und – das ist Fakt – sie hatte richtig gute Schauspieler. Aber die korrekte Gesinnung allein macht nicht satt, und so lassen sich die ewig gestrigen Kundschafter für den BND anwerben. Was tut man nicht alles, wenn einem die volle West-Rente versprochen wird.

Das Drehbuch lebt von der Verklärung der DDR im Gegensatz zu den Realitäten heutiger Politik, von überholten Feindbildern und ein ganz klein wenig von der Wehmut über den Verlust eines Staatssystems, von dem unsere Helden geprägt worden waren. Der BND verfügt zwar über die neueste Technik, die Rentnerbrigade aber über Organisations- und Improvisationstalent. Die Technik versagt mitunter genau so wie der Mensch. Techniker Jacky ist mit der neuen Elektronik überfordert, und Romeo-Agent Harry hat begründete Zweifel, dass er der Sache nicht mehr gewachsen ist.



Romeo-Agent Harry (Winfried Glatzeder) wird von Selbstzweifeln geplagt | (C) Majestic Filmverleih


Es werden die Seh- und Hörgewohnheiten der 1970er Jahre evoziert, die Filmmusik von Anton Feist und Uwe Bossenz ist funkig, und Thalheim verwendet Splitscreens, einen geteilten Bildschirm, auf dem mehrere Handlungen parallel erscheinen. Jochen wird als Ost-James-Bond stilisiert, und es gibt viele weitere Anlehnungen an die Agentenfilme aus der Zeit der Kalten Krieges. Die Komik entsteht durch den Widerspruch zwischen der Ostalgie und und den Anforderungen der heutigen Zeit. Thalheim teilt kräftig und humorvoll nach beiden Seiten aus. Da es eine Komödie ist, geht die Sache gut aus und die Fähigkeiten beider Seiten tragen zum Gelingen bei. So sind bei der Entschärfung einer Kofferbombe im Bonner Bundestag die Fähigkeiten von Jacky und Locke gefragt.



Helden bei der Arbeit. Jacky (Michael Gwisdek) und Locke (Thomas Thieme) entschärfen eine Kofferbombe | (C) Majestiv Filmverleih


Thalheim erklärt dazu: „Die Sehnsucht, gebraucht zu werden, vorzukommen in dieser Gesellschaft mit ihren Biografien – das ist das, was die alten Herren in diesen Abenteuer antreibt. Sie scheitern ja von einer Situation in die nächste und doch schaffen sie es irgendwie, durch jede Menge Improvisation und Herz ihre Mission zu erfüllen.“

Zum guten Schluss noch ein kleiner Spoiler. Es geht um einen Vaterschaftstest, bei dem ein Ost- und ein Westdeutscher in Frage gekommen. Wir erfahren nicht, wer der Vater ist, weil die Tochter keinen der beiden verlieren will. Ist am Ende doch zusammen gewachsen, was zusammen gehört? Das ist ein Märchen, an das man gerne glauben möchte und das die derzeitigen Sanktionen gegen Russland und die NATO-Manöver vor Präsident Putins Nase einen Film lang vergessen macht.


Helga Fitzner - 25. Januar 2017
ID 9804
Weitere Infos siehe auch: http://www.kundschafterdesfriedens.de/


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