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Neues deutsches Kino

Die Tat,

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Vor der Öffentlichkeit konnte im März 1996 die Entführung des Millionenerben Jan Philipp Reemtsma verheimlicht werden, nachdem er aber freigelassen wurde, brach ein medialer Sturm los, und auch heute ist das Interesse an dem Kriminalfall ungebrochen. Reemtsma lebt, und damit war das wohl „gut“ ausgegangen, was die 33 Tage der Gefangenschaft mit den Betroffenen gemacht hat, steht seltener im Fokus. Der Entführte selbst schilderte die Geschehnisse schon ein Jahr später in seinem Buch Im Keller. Im Jahr 2018 brachte sein Sohn Johann Scheerer dann seine Erinnerungen Wir sind dann wohl die Angehörigen heraus, in denen er schildert, wie er als 13jähriger Junge die Entführung seines Vaters erlebte. Er trägt den Mädchennamen seiner Mutter, um nicht sofort mit dem Fall in Verbindung gebracht zu werden, da er als Musiker und Musikproduzent in der Öffentlichkeit steht, nutzt das oft nichts.

Als Hans-Christian Schmid (Crazy, 2000; Requiem, 2006; Sturm, 2009) das Buch verfilmte, arbeiteten er und der Drehbuchautor Michael Gutmann eng mit der Familie zusammen. Obwohl die Entführung als Stoff für einen Krimi durchaus geeignet gewesen wäre, waren Schmid die Befindlichkeiten der Personen wichtiger. Im Mittelpunkt steht der jugendliche Johann, aber weil einige Einzelheiten vor ihm verheimlicht werden mussten, wurde auch die Perspektive seiner Mutter Ann-Kathrin berücksichtigt. Schmid verzichtet weitgehend auf spannungserzeugende Elemente, und er spürt dermaßen feinfühlig den Nöten seiner Protagonisten nach, dass das auch so unter die Haut geht. Mit dem Jugendlichen Claude Heinrich hat Schmid einen Hauptdarsteller gefunden, der sowohl über das richtige Alter als auch über eine ganze Menge an Schauspielerfahrung verfügt, von seinem außergewöhnlichen Talent ganz zu schweigen. Adina Vetter als seine Mutter verkörpert die angespannte Ehefrau des Opfers mit großer Intensität.

*

Von einem Moment auf den anderen ist alles anders. Was vorher wichtig schien, erscheint nun in einem anderen Licht, und die Angst, dass Reemtsma getötet werden könnte, ist ständiger Begleiter. Die Polizei agiert überwiegend im Hintergrund, es leben nun aber zwei zivile Angehörigenbetreuer mit im Haus. Dazu kommt Christian Schneider (Hans Löw) ein Freund der Familie, der sich vor allem um Johann kümmert. Seine traumatisierte Mutter lässt anfangs auch über sich bestimmen, denn der Familienanwalt Johann Schwenn (Justus von Dohnányi) übernimmt die Verhandlungen mit den Entführern und die Übergabe der 20, später 30 Millionen D-Mark Lösegeld. Aber es entstehen Spannungen mit der Polizei, die durch ihre offensichtlich erkennbare Präsenz bei den Übergaben, eben jene verhindern, denn die Entführer brechen sie mehrfach ab. Die Polizei ist an den Tätern interessiert, die Familie will ihren Angehörigen heil zurück haben.

An einem Kipppunkt sagt Schwenn der Polizei: „Wenn ich Ihre Anweisungen befolge, gefährde ich das Leben meines Mandanten.“ Die Polizei argumentiert, dass dessen Leben gefährdet sei, wenn die Täter das Geld hätten und einen möglichen Zeugen los werden wollen könnten. Reemtsma (Philipp Hauß) darf Briefe schreiben, und er beschwert sich über die Inkompetenz der Polizei. Er schlägt einen Pfarrer vor, der die nächste Übergabe übernehmen soll, der auch sofort zusagt. Ann-Kathrin Scheerer besteht nun auf einem Alleingang, die Polizei soll sich dieses Mal heraushalten. Der Fall war so spektakulär, dass das Publikum wissen wird, dass Reemtsma daraufhin frei kam. Den Erfolg verbuchte verabredungsgemäß die Polizei unter ihrem Einsatzleiter Rainer Osthoff (Fabian Hinrichs) für sich.



Die Angehörigenbetreuer (Yorck Dippe und Enno Trebs) beraten sich mit Christian Schneider (Hans Löw), dem Anwalt Johann Schwenn (Justus von Dohnányi) und der Familie |
© Pandora Film, 23/5


Rückblick: Johann wird zunächst für die Schule krank gemeldet. Damit entfällt auch die Lateinarbeit, die für den Morgen nach der Entführung angesetzt war. Sein Vater hatte ihm Latein noch über Vergil schmackhaft machen wollen, was zu Unmut zwischen Vater und Sohn führte. Der will lieber mit seiner Schülerband proben und Gitarre spielen, als sich mit einer nicht mehr gesprochenen Sprache abzuplagen. Ein paar Tage später fängt Johann dann doch an, Vergils Aeneis zu lesen. Der Vater hatte auch an ihn Briefe geschrieben und ihm seine Liebe versichert.

In dieser Zeit bilden Johann, seine Mutter, der Familienfreund, der Anwalt und die beiden Angehörigenbetreuer eine Notgemeinschaft. Sie nehmen die Mahlzeiten gemeinsam ein, schauen Fernsehen, spielen Karten und beschäftigen sich irgendwie, während sie auf den nächsten Anruf der Entführer warten. Zu Ostern gibt Johann dem Verlangen der Erwachsenen nach, Ostereier im Garten suchen zu müssen, während seine Mutter mit einem Körbchen hinter ihm her geht. Derweil wird eine rote Gitarre in seinem Zimmer versteckt, die er sich schon länger gewünscht hatte. Es gibt weitere kleine Momente der Freude, z.B. wenn Johann mit dem kleinen Familienhund spielt.

Schmid zeigt aber auch die dunklere Seite: die Mutter, die sich die Tränen verbietet, der Junge, der jeden Abend eine halbe Tablette Valium einnimmt, der Familienanwalt, der in manchen seiner Aktionen glücklos ist, der Einsatzleiter, der aufgrund des spektakulären Falles auf Ergebnisse angewiesen ist und Reemtsma damit möglicherweise gefährdet. Schmid bezieht in diesem Punkt keine Stellung und lässt die Kamera Johann und seiner Mutter folgen, deren Darsteller eine grandiose schauspielerische Leistung zeigen. Erst nachdem die Mutter aus der Erstarrung erwacht ist und der angekettete Reemtsma von seinem Keller aus Vorschläge macht, wendet sich das Blatt. Das ist schon bezeichnend. Aber: Die Polizei hat später alle vier Täter ermittelt. Sie wurden verurteilt und haben ihre Strafe abgesessen. Das Geld ist zum größten Teil verschwunden und der Haupttäter steht aufgrund weiterer Straftaten erneut vor Gericht.

Dies ist nach etlichen Jahren wieder einmal ein Kinofilm von Hans-Christian Schmid und manchmal weiß man erst, was man an jemandem hatte, wenn er wieder da ist. Trotz oder wegen seines Minimalismus' ist ihm wieder großes Kino gelungen, das empathisch ist, gesellschaftlich relevant und einfach spannend anzuschauen.
Helga Fitzner - 3. November 2022
ID 13892
https://wir-sind-dann-wohl-die-angehoerigen.film/


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