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Japanisches Kino

Vordergründige

Wahrnehmung



Bewertung:    



Ein kleiner Funken kann ein großes Feuer auslösen, und wir sehen gleich zu Anfang ein Hochhaus, das lichterloh in Flammen steht. Das erweist sich als symbolisch für den Verlauf der Handlung, in der fehlende Achtsamkeit, vor allem aber Vorurteile und erstarrte gesellschaftliche Strukturen beinahe zu einer Katastrophe führen. Im Zentrum stehen zwei 10jährige Jungen, die in die selbe Schulklasse gehen und zwischen denen es zu Auseinandersetzungen zu kommen scheint. Aus drei Perspektiven werden das Mobbing und der offensichtliche Einsatz von körperlicher Gewalt eines Lehrers beleuchtet: zuerst aus dem Blickwinkel der Mutter, die Verhaltensauffälligkeiten und Verletzungen bei ihrem Sohn entdeckt, dann aus dem des Lehrers und zum Schluss aus der Sicht des Jungen. Es wird klar, dass nichts so war, wie es zunächst den Anschein hatte, und der japanische Ausnahmeregisseur Hirokazu Kore-eda hat sich erneut seinen Lieblingsthemen, den Notlagen von Kindern und der Aufdeckung der Wahrheit, verschrieben.

Kore-eda wird seit rund 20 Jahren mit jedem seiner Kinofilme bei verschiedenen Filmfestivals für Preise nominiert, von denen er auch etliche gewonnen hat. Sein Meisterwerk Shoplifters aus dem Jahr 2018 war bei mindesten 12 Festivals nominiert und ein riesiger Erfolg. Danach drehte er erstmals im europäischen Ausland, La Verité mit den französischen Diven Catherine Deneuve und Juliette Binoche, und 2021 kam Broker dazu , der in Südkorea produziert wurde. Im Jahr 2023 waren dann alle auf Kore-edas neuen Film Monster gespannt, der unter dem entgegengesetzten deutschen Verleihtitel Die Unschuld läuft und mit dem er zu seinen japanischen Wurzeln zurückgekehrt ist. Normalerweise schreibt Kore-eda seine Drehbücher selbst, hat aber dieses Mal ein Skript des japanischen Erfolgsautors Yuji Sakamoto verfilmt, der dafür den Preis für das beste Drehbuch bei den Filmfestspielen in Cannes 2023 erhielt.

Der Schauplatz ist die kleine Industriestadt Suwo auf der Hauptinsel Honshū, in der die verwitwete Saori (Sakura Andô) ihren Sohn Minato (Soya Kurokawa) allein groß ziehen muss. Der Zehnjährige vermisst seinen verstorbenen Vater sehr und fragt, wann dieser denn endlich wiedergeboren würde. Die Mutter hat einen kleinen Altar für ihren Mann in der Wohnung errichtet, und sie feiern dessen Geburtstag mit einer Sahnetorte, von der auch der Vater ein Stück abbekommt. Das kann aber nicht über das Gefühl des Verlusts hinwegtäuschen. Als Minato immer verschlossener wird und mit Verletzungen nach Hause kommt, die er nicht erklärt, geht Saori in die Schule und findet heraus, dass ihrem Sohn die Verletzungen durch den jungen Lehrer Herrn Hori beigebracht wurden. Da die Schulleiterin und das Kollegium nicht ausreichend reagieren, verklagt die besorgte und couragierte Mutter die Schule.

Die selben Ereignisse werden nun aus der Sicht von Herrn Hori gezeigt, der Minato versehentlich verletzt hat, einmal sogar, als Minato in einem Wutanfall anfing, das Klassenzimmer zu zerlegen. Er ist überzeugt, dass Minato seinen Klassenkameraden Yori (Hinata Hiiragi) schikaniert. Diese Geschichte ist genauso überzeugend und schlüssig wie die der Mutter, und als Zuschauer weiß man nicht, welche der widersprüchlichen Versionen denn die richtige ist. Die Konsequenzen bringen Herrn Hori an den Rand des Selbstmords, denn er wird entlassen und erfährt einen gesellschaftlichen Abstieg. Die Schule musste um jeden Preis geschützt werden, was der Schulleiterin Fushimi (Yūko Tanaka) durch die Entlassung auch gelang. Ihr war es aber nicht möglich, der Sache auf den Grund zu gehen, da sie noch unter dem Schock steht, den der kürzliche Tod ihrer Enkeltochter ausgelöst hat.

Erst im letzten Teil klären sich die meisten Sachverhalte auf, und die beiden ersten Interpretationen spiegeln nicht die eigentlichen Hintergründe wider. Denn niemand hat sich darum gekümmert, was mit den Jungen wirklich los ist und warum sie sich für Monster halten. Der kleine Yori wird von vielen Klassenkameraden gemobbt, weil er zartbesaiteter und fantasiebegabter ist als die meisten Jungen. Seine Mutter hat sich scheiden lassen, und er lebt bei seinem Vater, einem gewalttätigen Trinker, der es sich zur Mission gemacht hat, aus seinem Sohn einen harten Kerl zu machen. Wie so oft bei Kore-eda stehen dysfunktionale Familien und vernachlässigte oder missverstandene Kinder im Vordergrund. Yori erweist sich als erstaunlich resilient, ist ein freundliches, liebenswürdiges und offenes Kind, das die Dinge weitgehend so annimmt, wie sie kommen.

Minato hat es mit seiner ihm liebevoll zugewandten Mutter vergleichsweise gut, doch vermutlich, weil er sie liebt, vertraut er sich ihr nicht an. Sein Verhalten signalisiert, dass er leidet, was sich aber aus Unkenntnis über den Grund niemand erklären kann. Spoiler wären an dieser Stelle einfach zu schade, denn die Auflösung ist schon sehr eindrücklich.

Die Gründe für das Versagen der Schule liegen in der Angst davor, einen schlechten Eindruck zu erwecken und das Gesicht zu verlieren. Aufgrund des enormen gesellschaftlichen Drucks, unter dem die Schule steht, wird Herr Hori entlassen, obwohl eine böse Absicht Minato gegenüber nicht nachweisbar ist. Dabei bleiben die Kinder auf der Strecke, die, wenn sie wie Yori der gängigen Erwartungshaltung nicht entsprechen, Ausgrenzung erfahren. Für zehnjährige Kinder ist das ein ernstzunehmendes Problem, und der Anpassungsdruck ist enorm, den Kore-eda auch ungeschönt zeigt. Es handelt sich um eine Ent-Individualisierung von Kindern, die zu funktionstüchtigen Mitgliedern der Gemeinschaft erzogen werden, unter der auch die Erwachsenen leiden. Nun ist Gemeinschaftsfähigkeit an sich eine Notwendigkeit im Zusammenleben, aber in Kore-edas Filmen geht sie zu Lasten der Fantasie, der Kreativität, der Liebesfähigkeit, der Originalität und der Individualität. Was für eine Gemeinschaft könnte das sein, wenn man den Kindern erlaubte, all das zu entwickeln und es als Erwachsene ungezwungen in das Miteinander mit einzubringen. Kore-eda ist erneut ein cineastisches und humanistisches Meisterwerk gelungen, in dem er sich feinfühlig in das Befinden von Kindern hineinversetzt, ihre Ängste und Nöte schildert, aber auch ihre kindliche und wundersame Welt in seiner unnachahmlichen Weise illustriert.



Die Jungen Yori (Hinata Hiiragi) und Minato (Soya Kurokawa) sind in einen schweren Sturm geraten | © Plaion Pictures


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Die fantastische Filmmusik stammt von dem preisgekrönten Komponisten und Musiker Ryuichi Sakamoto, der 2023 einem Krebsleiden erlag und im Abspann gewürdigt wird.

Helga Fitzner - 20. März 2024
ID 14670
Weitere Infos siehe auch: https://www.wildbunch-germany.de


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