Odyssee aus
Hühner-
perspektive
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Bewertung:
Mit seinem Kinofilm Lebensansichten eines Huhns ist dem ungarischen Regisseur und Drehbuchautor György Pálfi ein äußerst origineller Beitrag über das ambivalente Verhältnis zwischen Tier und Mensch gelungen. Originell, ironisch, bissig und an entscheidenden Stellen abgründig – aber vor allem nahezu ausschließlich aus der Perspektive eines Huhns erzählt. Hätte der polnische Altmeister Jerzy Skolimowski nicht vor fünf Jahren einen in Dramaturgie und Tonlage ähnlichen Spielfilm namens Eo über einen umherirrenden Esel inszeniert (der wiederum eine Reminiszenz auf Robert Bressons Eselsfilm Zum Beispiel Balthasar von 1966 ist), könnte man Pálfi sogar als Pionier bezeichnen. Immerhin: Die Perspektive eines Huhns ist nicht vergleichbar mit der eines Esels, der noch deutlich beweglicher und größer ist und damit auch mehr Potential besitzt, sich von seinen Haltern unabhängiger zu machen.
Pálfi und sein Ko-Autorin Zsófia Ruttkay illustrieren hingegen, wie schwer es für ein strauchelndes, schwarzes Huhn ist, sich tierischer oder menschlicher Feinde zu erwehren und eine Nische zum Überleben zu finden. Die Perspektive ist oft eine des Aufsehen-Müssens oder der sturen Geradlinigkeit. Das Huhn in diesem Film entkommt zuerst den Züchtern und Schlachtern, die Hühner am Fließband produzieren und verarbeiten, dann einem Fuchs, einem Habicht und einem Hund, bis es in sicherer, aber auch trister Gefangenschaft eines älteren Mannes (Yannis Kokiasmenos) landet, der in der griechischen Provinz inmitten einer Hügellandschaft mit Tochter und Enkelin ein Einsiedlerleben führt.
Die anfängliche Odyssee (keine Anspielung auf den derzeitigen Blockbuster von Christopher Nolan) des Huhns gleicht in Tempo und Tonfall derjenigen des Esels in Eo, ist aber komödiantischer erzählt. Hat der Zuschauer im ersten Drittel des Films noch das Gefühl, die Fokussierung auf ein Huhn und seine oft knappen Überlebenschancen gehen in Richtung einer spannenden Nachhilfe in vegetarischer Lebensführung, nimmt die Geschichte nach dem ‚Umzug‘ der beschränkten Heldin in den Hühnerstall des alten Griechen zunächst absurde und schließlich bittere, tragische Züge an. Wie Regisseur Pálfi bei der Premiere in Berlin ausführte, wollte er das dramaturgische eher schlichte Terrain der Hühnerflucht mit einer Tiefe anreichern, die den griechischen Kulissen als Geburtsort der Tragödie als Genre entspricht.
Raffiniert verweben Pálfi und Ruttkay die Geschichten um das Huhn und dessen menschlichem Herrscher miteinander – die naturgemäß widerstrebende Wünsche bzw. Vorstellungen von Freiheit haben – bis zu einer überraschenden und spektakulären Wendung. Denn der alte Herr erlaubt nicht nur den Schmuggel von elektronischen Waren auf seinem Gelände, sondern auch von Menschen aus Nordafrika. Das Huhn wird als Zeugin, aber auch als Verursacherin von heiklen Situationen schuldlos schuldig – eine geschickte Verknüpfung von harmlosen und hochdramatischen Elementen, die den Zuschauer nicht erlaubt, eine amüsierte Konsumhaltung einzunehmen. Eine große und wohltuende Leistung ist der fast völlige Verzicht auf eine Vermenschlichung des Huhns per Voice-Over. Das Huhn kreischt und gurrt und bleibt immer ein armes Huhn, das nicht viel zu tun, aber einiges zu erleiden hat. Dabei wächst es über sich hinaus, um seinen Zustand zu verbessern. Diese Charakterentwicklung der tierischen Hauptdarstellerin ist das Zugeständnis des Drehbuchs an traditionelles Erzählen mittels einer identifikationsstiftenden Hauptfigur. Das vermeintliche Reflexionsvermögen des Huhns ist gerade noch glaubwürdig. Die mutige Fokussierung des Regisseurs auf ein Tier als Heldin hinterlässt nur einen schalen Nachgeschmack: Ich esse noch viel zu viel Geflügel.
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Lebensansichten eines Huhns von György Pálfi | (C) Neue Visonen Filmverleih
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Max-Peter Heyne - 6. August 2026 ID 15977
Weitere Infos siehe auch: https://www.neuevisionen.de
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