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Neues deutsches Kino

Der letzte Akt



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Frau Winkler verlässt das Haus ist der erste Film von Doris Dörrie, der in der Zukunft angesiedelt ist, allerdings in einer sehr nahen. Die künstliche Intelligenz ist unübersehbar, in Restaurants bedienen Roboter, die auch ein normaler Anblick im Straßenbild sind. Noch laufen sie staksend durch die Gegend und beherrschen einige Bewegungsabläufe nicht richtig - zumindest nach dem Drehbuch und der Regie der erfahrenen Filmemacherin. Die betagte Frau Winkler (Angela Winkler) ist davon noch weitgehend unberührt und lebt in einem großen Haus. Eines Tages stürzt sie jedoch schwer, und die Untersuchungen ergeben, dass sie sich insgesamt in einem schlechten Gesundheitszustand befindet. Ihre Tochter Emi (Laura Tonke) ist mit der Pflegebedürftigkeit ihrer Mutter überfordert und erhält als Schauspielerin nach Jahren wieder die Chance, Theater zu spielen. Also bekommt Frau Winkler nach einiger Zeit einen Pflege-Roboter (Josef Ellers), den sie heftig ablehnt und bekämpft. Ein Roboter könne keine menschliche Zuwendung ersetzen. Recht hat sie!

Wie in anderen ihrer Filme geht es bei Dörrie um Verlust, familiäre Beziehungen und den Umgang mit verdrängten Traumata, wie z.B. in Kirschblüten & Dämonen (2019) oder Grüße aus Fukushima (2016).

Diesmal kommt die von ihr so geschätzte japanische Kultur nur am Rande vor. Dieses Mal steht Anton Tschechow im Vordergrund, insbesondere sein Stück Drei Schwestern, in dem Frau Winkler in ihrer Jugend aufgetreten ist und nun auch ihre Tochter die Rolle der Olga ergattert hat. Dörrie selber war als junger Mensch so von Tschechow begeistert, dass sie russisch lernte, um ihn im Original lesen zu können. Man kann den Film auch ohne einschlägige Kenntnisse rezipieren, denn einige Stellen aus Drei Schwestern werden mehrfach gespiegelt. Wie Frau Winkler nach dem frühen Tod ihres Mannes ist auch ihre Tochter Emi alleinerziehende Mutter einer Tochter, Billie Winkler (Zoë Baier). Wie ihre Mutter spielt sie eine der Schwestern, anders als bei Frau Winkler vor Jahrzehnten, ist es heute ein multi-ethnisches Ensemble.

Die Theaterproben schreiten voran und zeigen einige Schlüsselszenen aus dem Stück. Derweil bleibt Frau Winkler nicht viel übrig, als sich mit dem Roboter abzufinden, und sie nennt ihn Pawlowitsch nach Tschechows zweitem Vornamen, denn zu ihrer Überraschung kann Pawlowitsch aus Texten des russischen Autors zitieren, und das hat zu einer gewissen Annäherung geführt. Außerdem schämt sie sich vor ihm nicht, wenn sie gewaschen wird. Für Frau Winkler ist es besonders wichtig, dass ihr ab einem kritischen Krankheitszustand ein selbstbestimmtes Sterben zugesichert wird. Pawlowitsch misst jeden Tag ihre Werte, die in die digitale Krankenakte eingespeist werden. Die Pflegereferentin Selma (Via Jikeli) kommt gelegentlich vorbei, um den Roboter zu warten und nach dem Rechten zu sehen. Sie repräsentiert die Anbieterfirma und freut sich, wie "human und volkswirtschaftlich" die Pflegeroboter doch sind.

Dörrie erlaubt sich in der Darstellung der Roboter einige Freiheiten. Pawlowitsch wird von dem Musicalsänger und Tänzer Josef Ellers gespielt, der auch in den Rückblenden die Rolle von Frau Winklers jung verstorbenen Mann übernommen hat. Der Film zeigt das Spektrum von Pro und Contra der Technologie. Auf der einen Seite ist ein Roboter nicht emotional überfordert oder beleidigt, wenn z.B. mal das Tablett mit dem doch so gesunden Mittagessen durch die Gegend fliegt. Doch gibt es bei Dörrie eine Hackordnung unter den Robotern, denn der lernfähigere Pawlowitsch fühlt sich dem Saugroboter überlegen. Bei Dörrie verhält er sich auch einmal wie ein Co-Abhängiger, als er Frau Winkler im Restaurant ein Glas Wodka erschwindelt, das der Bedienroboter aufgrund ihrer Werte strikt ablehnt. Auch Frau Winklers Kühlschrank redet ein Wort mit, wenn es um die Einkäufe geht. Die Gefahr einer Überwachung durch KI ist durchaus gegeben, wirkt bei Dörrie aber nicht bedrohlich. Im Gegenteil sorgt sie für die bei ihr so typische Leichtigkeit trotz der ernsten Themen.

In den Drei Schwestern gibt es mehrere Bemerkungen zu Kranichen. Diese folgen ihrem Instinkt und kommen und gehen mit den Jahreszeiten, ohne sich über den Sinn des Lebens Gedanken zu machen. Sie stehen für die „Gleichgültigkeit“ der Natur, in der Tiere und Pflanzen ihrem vorgegebenen Weg folgen. Das ist analog zu den Robotern, die sich - normalerweise - nur im Rahmen ihrer Programmierung bewegen und keine eigenen echten Gefühle entwickeln können. Bei Dörrie bekommt Pawlowitsch allerdings eine Depression, als er erfährt, wie verloren sich die heutige Jugend fühlt, die keine Zukunft zu haben glaubt. Die Depression ist zwar unlogisch, aber die Szene beleuchtet die Parallele zur Endzeitstimmung in Tschechows Dramen und die Beschreibung des nahenden Untergangs seiner Epoche um die Jahrhundertwende. Auch die uns bekannte Welt steht vor riesigen Veränderungen, die durch die technische Entwicklung vor allem auch der KI kommen werden. In wenigen Jahren werden wir sie vermutlich nicht wiedererkennen, wie das seit der Einführung des Internets auch geschehen ist.

*

Es ist wunderbar, dass Doris Dörrie die Schauspiel-Ikone Angela Winkler in einer so grandiosen Hauptrolle vor die Kamera bekommen hat. - Winkler hat sich von 1969 an einen Namen als Filmschauspielerin gemacht mit Autoren des Neuen Deutschen Films. Aber sie ist überwiegend für ihre Theaterauftritte bekannt und hat mit erstklassigen Regisseuren wie z.B. Peter Zadek und Robert Wilson (Lulu, 2011) zusammengearbeitet -. Dörrie hat ihr die erstklassige Laura Tonke an die Seite gestellt, die hier viele Facetten ihrer Schauspielkunst zeigen kann. Da sind die teilweise erbitterten Auseinandersetzungen mit der Mutter, aber auch sehr viel Liebe und Zärtlichkeit in der Beziehung der beiden. Der Film zeigt die Bandbreite der Pflegebedürftigkeit und ihre Auswirkung auf die Betroffenen und ihre Angehörigen. Echte Pflege-Roboter können da im Idealfall durchaus für Entlastung sorgen, auch wenn sie nicht so drollig sein können wie Pawlowitsch und keine menschliche Nähe ersetzen.

Am Ende von Dörries Film und Tschechows Stück wissen wir immer noch nicht "warum wir leben, warum wir leiden". (Ende letzter Akt). Während die drei Schwestern wie gelähmt und handlungsunfähig sind, (Tschechow hielt da seinen Zeitgenossen einen Spiegel vor), erfahren wir zumindest vom Filmtitel her, dass Frau Winkler willensstark genug ist, um das Haus zu verlassen...



Gruppenbild mit Roboter. Frau Winkler (Angela Winkler), Emi Winkler (Laura Tonke), Billie Winkler (Zoë Baier), Pawlowitsch (Josef Ellers) und Selma (Via Jikeli) | © Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany / Mathias Bothor

Helga Fitzner - 30. September 2026
ID 16066
Weitere Infos siehe auch: https://www.wildbunch-germany.de


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