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Hollywood

Familien

und ihre

Geheimnisse



Bewertung:    



Mit Father Mother Brother Sister meldet sich der legendäre Independent-Filmemacher Jim Jarmusch zurück, sechs Jahre nach seinem letzten Film The Dead Don't Die. Dieses Mal erzählt er in drei verschiedenen Episoden von unvollständigen Familien, in denen es viel Unausgesprochenes gibt. Jarmusch setzt auf Bewährtes und hat wieder die Kameraleute Frederick Elmes und Yorick Le Saux sowie den Editor Affonso Gonçalves engagiert.

Auch vor der Kamera ist mit Tom Waits als Vater und Adam Driver als Sohn „Stammpersonal“ dabei, das von Mayim Bialik als Tochter wunderbar ergänzt wird. Der Alte lebt abgeschieden an einem See im Nordosten der Vereinigten Staaten in offensichtlich ärmlichen Verhältnissen. Seine Tochter steht ihm skeptisch gegenüber und unterstützt ihn nicht, aber der gutmütige Sohn schon. So bringt er eine Kiste mit erlesenen Speisen mit. Auch wenn es Dialoge gibt, haben sich Vater und Kinder nichts zu sagen. Sie gehen eine unsichtbare Checkliste durch und sondern eine Plattitüde nach der anderen ab ohne innere Beteiligung oder Interesse. Jarmusch betreibt das bis zur Schmerzgrenze, allerdings durchaus humorvoll. Der Vater bietet seinen Kindern nur Leitungswasser an und hat nicht einmal für eine Handvoll Snacks gesorgt. Auch seine Enkelkinder sind ihm egal, er fragt nicht einmal nach den neuesten Fotos von ihnen. Am Schluss deckt Jarmusch ein Geheimnis des Vaters auf, von dem die Kinder aber nichts erfahren, und gibt der Story eine einfallsreiche Wende.

Ähnlich monoton und stereotypisch sind die Gespräche der Mutter (Charlotte Rampling) mit ihren erwachsenen Töchtern Lilith (Vicky Krieps) und Timothea (Cate Blanchett). Sie leben alle drei in Dublin, sehen sich aber nur einmal im Jahr. Die Mutter hat eine festliche Tafel mit erlesenen Köstlichkeiten gedeckt, aber ein wirklicher Austausch findet kaum statt. Lilith verbirgt bewusst einen Lebensumstand vor ihrer Familie, einzig die verhuschte Timothea kann zumindest eine Beförderung als Neuigkeit in die Konversation einbringen. Sie arbeitet im Bereich denkmalgeschützter Gebäude in Dublin, was eigentlich ein hervorragendes Thema für ein Tischgespräch wäre, aber nichts dergleichen geschieht. Wie die Mutter in der amerikanischen Familie, fehlt hier der Vater, über den wir nichts erfahren. Die drei können oder wollen sich nichts sagen. Dabei ist die Mutter fürsorglich, lebt in einem eigenen Haus in Dublin und veröffentlicht als Autorin erfolgreich Unterhaltungsliteratur. Den Töchtern scheint das eher peinlich zu sein. Auch hier ist die Entfremdung der Familie erschreckend. In den ersten beiden Geschichten wird die Kluft als unüberbrückbar dargestellt, wobei auch der Wille fehlt. Jarmusch analysiert die Gründe nicht, stellt aber auf subtile und kluge Art ein Phänomen vor, das ziemlich verbreitet ist.

Da ist der dritte Teil des Triptychons erfreulich emotionaler. Das erwachsene Zwillingspärchen Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) hat seine Eltern durch einen Flugzeugabsturz verloren. Die beiden trauern sichtlich, sind einander aber in Zuneigung und Zärtlichkeit tröstend zugetan. Billy hat die Pariser Wohnung der Eltern bereits ausgeräumt und deren Sachen in einem Depot verstaut. Nun nehmen Skye und er in der leeren Wohnung Abschied. Die Eltern haben alle Zeichnungen und vieles andere von ihnen aufgehoben, und es scheint eine gute Beziehung zwischen ihnen bestanden zu haben. Anders als die amerikanische und irische Familie waren sie aber nicht konform. Er war schwarz, sie weiß, und sie lebten unkonventionell als Amerikaner in Paris. Das heißt, sie verfügten gar nicht über die konformen Stereotypen wie die angepassten Familien der beiden ersten Geschichten. Doch auch die beiden Kinder entdecken geheimnisvolle Unterlagen, von denen sie bislang nichts wussten.

*

In allen drei Episoden kommen als Kontrast jugendliche Skateboardfahrer vor, die sich unbekümmert die Straße zu eigen machen. Auch Blicke aus dem Fenster, auf die Kaffeetafeln, Gespräche über Wasser und Rolex-Uhren stellen kleine visuelle und thematische Verbindungen zwischen den Familien her. Die unterschiedlichen Ansichten der Protagonisten darüber lassen Rückschlüsse auf sie zu. Wenn die Familie die Keimzelle der Gesellschaft ist und diese dysfunktional wirkt, dann sagt das etwas über die Gesellschaft aus. Jarmusch beschränkt sich aufs Illustrieren. Man kann sich und andere eigentlich in jeder Person wiederfinden, und ein solch wundervolles Ensemble an Schauspielern sucht seinesgleichen. Neben den langjährigen Stars wie Waits und Rampling sowie der mittleren Generation Krieps und Blanchett erweist sich der junge Luka Sabbat als sympathischer Charmebolzen, und Indya Moore gibt ihrer Figur eine ungeheure Tiefe und Verletzlichkeit. Diese Emotionalität tut gut nach den unterkühlten Beziehungen aus den USA und Irland.

In gewisser Weise ist es ein Film über verpasste Chancen. Die beiden entfremdeten Familien könnten zusammenwachsen, aber Abhängigkeiten, Erwartungshaltungen und die Angst, nicht zu genügen, scheinen das zu verhindern, und die gesellschaftlichen Normen haben offensichtlich eine starke Auswirkung. Jarmuschs Blick auf das Unvermögen einiger seiner Figuren, über diese Beschränkungen hinauszuwachsen, ist aber immer ein empathischer.



Die Mutter (Charlotte Rampling) hat für ihre Töchter Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) eine festliche Tafel gedeckt | © Vague Notion, Foto Yorck Le Seaux

Helga Fitzner - 26. Februar 2026
ID 15725
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= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal

 


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