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Französisches Kino

Nackte Fakten



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Die Franzosen haben die Gabe, aus den ernstesten Themen Komödien machen zu können, sei es über Behinderung (Ziemlich beste Freunde) oder über Rassismus (Monsieur Claude und seine Töchter). Nun hat der Drehbuchautor Philippe Le Guay mit Ein Dorf zieht blank die Misere der französischen Bauern (die gilt für die gesamte EU) aufs Korn genommen. Er ist in der Nähe des Drehortes, dem Dorf Mêle-sur-Sarthe, geboren, das in der tiefsten Normandie liegt. Die Bauern bekommen real für ihre Erzeugnisse immer weniger Geld, so dass schon eine große Zahl aufgegeben hat, weil sie von ihrer Arbeit nicht existieren können. „Wir haben Frankreich Hunderte von Jahren ernährt und nun lässt man uns vor Hunger krepieren“, sagt Bürgermeister Georges Balbuzard (François Cluzet) zurecht im Film. Doch eines Tages gerät der berühmte amerikanische Akt-Fotograf Blake Newman (Toby Jones) in einen Stau, der durch die streikenden Bauern verursacht wurde. Er befindet sich auf Motivsuche und entdeckt in dem rebellischen Dorf die perfekte Wiese, auf der er nun die Dorfbewohner in einem Massengruppenbild ablichten will, unbekleidet versteht sich. Hier treffen zwei völlig konträre Welten aufeinander. Le Guay kennt die Bauern, die noch bei 40 Grad in Gummistiefeln herumliefen und auch im Sommer ihre Pullover nicht auszögen. Nacktheit gäbe es auf dem Lande in dem Sinne nicht, weiß er aus Erfahrung.

Das Fotoprojekt wäre eine dringend benötigte Finanzspritze für das Dorf, denn fast alle leben am Rande des Bankrotts. Bürgermeister Balbuzard unterstützt den Fotografen und seinen dolmetschenden Assistenten Bradley (Vincent Regan), stößt aber auf vehementen Widerstand bei den meisten Dorfbewohnern, obwohl sie dadurch die gewünschte Aufmerksamkeit der Medien bekämen. Stattdessen kochen Eifersüchteleien und uralte Fehden hoch, die die Aktion zu verhindern und das Dorf zu spalten drohen.



Blake Newman (Toby Jones) erläutert dem Bürgermeister Balbuzard (François Cluzet) seine Wünsche, Assistent Bradley (Vincent Regan) übersetzt | © Concorde Filmverleih


Zwei der Bauern behaupten, dass ihnen die Wiese gehört, auf der das Foto entstehen soll. Maurice (Patrick d'Assumçao) besitzt sie nur, weil Eugène (Philippe Rebbot) seine Ansprüche nicht beweisen kann. Der alte Streit zwischen beiden Familien kann nicht geklärt werden, weil im Zweiten Weltkrieg die Urkunden vernichtet wurden. Es muss erst die ungelöste Vergangenheit bereinigt werden, bevor sich die Kontrahenten der Zukunft widmen können. Derweil aber läuft Maurice mit dem Jagdgewehr über die Wiese, um sie vor dem Akt-Fotografen zu verteidigen. Der arme Künstler versteht die Welt nicht mehr, als er auch noch von einem eifersüchtigen Ehemann (Grégory Gadebois) attackiert wird, dessen Ehefrau bei der Nacktaufnahme dabei sein will.

*

Der Hauptdarsteller François Cluzet hat in der Erfolgskomödie Ziemlich beste Freunde den Schwerbehinderten gespielt und eine sehr gute Balance gefunden, trotz der Komik die Würde von Betroffenen nicht zu verletzen. In Ein Dorf zieht blank gelingt das nicht ganz so gut. Er will sich als Balbuzard aufhängen, aber seine Freunde retten ihn in einer Szene, die ziemlich burlesk geraten ist. Le Guay hat sie extra ins Drehbuch aufgenommen, weil sich in der Realität mehr als 300 französische Landwirte im Jahr aus Verzweiflung das Leben nehmen. Diese Sequenz ist eine ziemliche Gratwanderung, will aber den Betroffenen Rechnung tragen. Dadurch wird der Film aber immer wieder von der Realität eingeholt, zudem die einheimischen Darsteller aus dem Dorf einfach überzeugend sind. Das macht den Film aber um so sympathischer. Insgesamt kommt er ohne große Derbheit oder Geschmacklosigkeiten aus. Den reißerischen deutschen Verleihtitel hat er nicht verdient, denn der Film ist relativ dezent und ohne Voyeurismus inszeniert. Letztendlich ist er etwas zu nachdenklich und realistisch für eine reine Komödie, doch er versöhnt die Welten der Landwirtschaft und der Kultur, vereint Vergangenheit und Gegenwart. Am Ende des Films dämmert am Horizont ein Silberstreifen. Den heutigen Landwirten wäre das auf jeden Fall auch zu wünschen.
Helga Fitzner - 16. August 2018
ID 10851
Weitere Infos siehe auch: http://www.eindorfziehtblank-film.de


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