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Britisches Kino

Mach mir

den Churchill



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Vor einigen Jahren titelte Der Spiegel über Winston Churchill „Allein gegen Hitler“, worin die Autoren eindringlich beschrieben, wie weitsichtig der britische Premierminister war, als er den deutschen Reichskanzler als ernstzunehmenden Verhandlungspartner ablehnte. Wobei ernstzunehmend so gemeint ist, dass Churchill Hitler keine Kompromisse und diplomatische Gepflogenheiten zutraute, sehr wohl aber dessen Fanatismus und Brutalität als ernste Bedrohung für die Länder Europas ansah. Damit lag der in begüterten Verhältnissen der Upper Class aufgewachsene Churchill im Gegensatz zu vielen seiner englischen Politikkollegen richtig. Aber Antipathien gegenüber einem ausländischen Staatsmann sind eben auch noch keine Diplomatie; es muss schon ein Geschick hinzukommen, seine Partei, andere Parlamentarier und vor allem Wähler von der Bedrohung zu überzeugen.

Genau diesen zunächst äußerst zähen und unpopulären Kampf gegen die übermächtige Zahl der Appeasement-Verfechter in der englischen Gesellschaft und Politik im Frühjahr 1940 zu führen, schildert das britische Biopic Die dunkelste Stunde. Der beeindruckendste Aspekt des Films ist die Verwandlung des Charakterschauspielers Gary Oldman in Winston Churchill. Dieser ist dank einer lebensechten Maskierung und seinem enormen Talent der Nachahmung der Macken und Ticks des früheren britischen Premiers nicht wiederzuerkennen. Verblüffend auch, dass Oldman die Stimme und die Art des Sprechens so perfekt nachahmen kann, denn Churchills schwere und aufgequollenen Stimme war in der Tat einmalig – von Alfred Hitchcocks Organ einmal abgesehen.

Das Drehbuch von Anthony McCarten greift den Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Benelux-Staaten und Frankreich auf, der in der Schlacht um Dünkirchen kulminiert, die vor einem halben Jahr bereits ausführlich in Christopher Nolans Kriegsfilm Dunkirk illustriert wurde. Regelrechte Kriegsszenen sind fast gar keine zu sehen, denn McCarten und Regisseur Joe Wright fokussieren sich auf die Figur Churchills, der in einer Mischung aus Exzentriker, Hasardeuer und Bohemian (Zigarren und Scotch zum üppigen Frühstück) versucht, seine in Dünkirchen belagerte Armee anhand ziviler Boote und Schiffe zu retten und gleichzeitig die britische Politikerelite und Bevölkerung auf einen umfassenden Krieg einzuschwören.

Die Filmemacher erinnern in mehreren, die Dramatik um Dünkirchen zuspitzenden Szenen an die vielen Widerstände, mit denen Churchill konfrontiert war – und an die US-amerikanische Zurückhaltung von Präsident Roosevelt, der noch auf Neutralität bedacht war, als die Wehrmacht schon Blitzsiege in Westeuropa feierte. Im Film muss Roosevelt einem verzweifelt um handfeste, kriegstechnische Unterstützung bettelnden Churchill am Telefon damit vertrösten, dass er aus Kulanz höchstens ein paar Gerätschaften per Pferdefuhrwerk über die kanadische Grenze verbringen könnte. Diese und andere Szenen sind spannend, weil sie zeigen, wie sehr Churchill mit seiner Anti-Appeasement-Politik auf Messers Schneide wandelte und die Geschichte auch anders, weniger glimpflich für England hätte verlaufen können.

Andere Szenen wirken hingegen vorhersehbar und bieder, vor allem, wenn Churchills junge, neue Sekretärin (Lily James) ins Spiel kommt, die hinter die Kulissen blicken kann, um die gemeinschaftliche Versöhnung von Macht und Volk, Elite und niederem Volk, Mann und Frau und Alt und Jung zu verkörpern. Noch peinlicher gerät schließlich eine Szene bevor Churchill seine berühmte „blood, toil, tears and sweat“-Rede vor dem britischen Parlament hält, als er seine Gewohnheiten durchbricht und mit der U-Bahn fährt, wo er unmittelbar mit Passanten konfrontiert ist, die das gemeine Durchschnittsvolk repräsentieren.

Natürlich muss man positiv konstatieren, dass es Drehbuch und Regie vermeiden, Chruchills gesamtes Leben wie am Schnürchen nachzuerzählen. Dennoch hätte die Auswahl des schmalen Ausschnitts aus dem Frühjahr 1940 nicht so konventionell ausfallen müssen, wie es leider bei vielen heutigen hochbudgetierten europäischen Produktionen und insbesondere Biografien der Fall ist: wieder diese allseits bekannte Art der dramaturgischen Verdichtung und Zuspitzung von Konflikten, diese gediegene Mischung aus Dekor, Lichtsetzung und Schauspielkunst, das übertriebene Pathos und die durchschaubare Gefühlsmobilisierung, wie sie schon in unzähligen Filmen über ungewöhnliche (englische) Politiker (z.B. Margaret Thatcher in Die eiserne Lady, 2011; Königin Victoria in Victoria und Abdul, 2017) eingesetzt wurden. Originelle Extravaganzen wie in Filmen Danny Boyles (Trainspotting, 1996, Slumdog Millionär, 2008) oder Ben Wheatleys (A Field in England, 2013) sucht man in Darkest Hour (so der Originaltitel) vergebens. Dafür glänzt Gary Oldman – und wird dafür zu Recht den Oscar erhalten.



Die dunkelste Stunde | (C) Universal Germany

Max-Peter Heyne - 18. Januar 2018
ID 10480
Weitere Infos siehe auch: http://upig.de/micro/die-dunkelste-stunde


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