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Rezension


Filmstart: 1. März 2012

„Die eiserne Lady“ (USA 2011)

Regie Phyllida Lloyd


Es hat in der westlichen Hemisphäre noch nie ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt gegeben, das so viel öffentlichen und nachhaltigen Hass auf sich gezogen hat, wie die britische Premierministerin Margaret Thatcher, die 1925 im englischen Ort Grantham geboren wurde und ihr Amt von 1979 bis 1990 innehatte. Daran ändert auch die Bewunderung nichts, die sie für ihr Durchsetzungsvermögen als Frau in der Politik erntet, die ihre Position auch noch länger verteidigen konnte als die männlichen Premiers vor und nach ihr.

Zu Beginn des Films Die eiserne Lady geht eine gebrechliche alte Frau Milch kaufen. Sie stellt fest, dass der Milchpreis erhöht worden ist. Zu Hause angekommen, erzählt sie ihrem Mann davon. Mittlerweile erkennen wir, dass es sich um die gealterte und demenzkranke Margaret Thatcher (Meryl Streep) handelt. Sie ist den Sicherheitsbeamten ausgebüxt und alleine einkaufen gegangen. Ihr Mann Denis Thatcher (Jim Broadbent) ist schon vor fünf Jahren gestorben, aber im Geiste seiner Witwe und für das Kinopublikum immer noch anwesend. Mit ihm diskutiert sie auch die Ereignisse, die sie im Fernsehen sieht, als 2008 ein Terroranschlag auf ein Hotel die pakistanische Hauptstadt Islamabad erschüttert. Maggie und Denis erinnern sich an die Schrecken eines ähnlichen Anschlags, als die IRA 1982 im Grandhotel von Brighton eine Bombe zündete. Anlässlich des Parteitags der Conservative Party waren die Thatchers und alle wichtigen Parteigrößen dort untergebracht. Es gab Tote und Verletzte, aber keine schwereren Verletzungen unter den konservativen Politikern. Trotz des Schocks und der Zerstörungen in ihrem eigenen Hotelzimmer lässt Premierministerin Thatcher am nächsten Morgen den Parteitag planmäßig stattfinden.




Noch wird Margaret Thatcher (Meryl Streep) von den Männern nicht ernst genommen: Wartet nur ein Weilchen... Foto © Concorde Filmverleih


Der Film erzählt in Rückblenden die politische Karriere der als „Krämertochter“ verspotteten Margaret Roberts (Alexandra Roach), die als Underdog unter den vielfach versnobten Mitgliedern der Conservative Party Aufsehen erregt. Sie hat als junge Erwachsene den Zweiten Weltkrieg miterlebt und wie die meisten Briten das Durchhalten gelernt. Mit entsprechender Härte setzt sie sich in der Männerdomäne Politik durch. Zunächst wird sie noch belächelt, aber ihre männlichen Kollegen unterschätzen ihren enormen Willen, ihre Durchsetzungsfähigkeit, ja Kaltblütigkeit. Deswegen ist sie sich auch nicht sicher, ob sie den Heiratsantrag des wohlhabenden Unternehmers Denis Thatcher annehmen soll. Sie wird kein Heimchen am Herd sein. 1951 heiraten die beiden trotzdem und bekommen Zwillinge, Mark und Carol. Margaret Thatcher wird keine Hausfrau, sie studiert Rechtswissenschaft und gewinnt immer größeren politischen Einfluss bis hin zu ihrer Wahl zur Premierministerin.

Bei ihrem Amtsantritt 1979 ist die Wirtschaft marode und Großbritannien wirtschaftlich am Ende. Das Vereinigte Königreich gilt als „kranker Mann Europas“. Mit Konsequenz schränkt Thatcher die Macht der Gewerkschaften ein, privatisiert staatliche Unternehmen und senkt die Staatsausgaben - überwiegend auf Kosten der geringverdienenden Bevölkerung.

Im Jahr 1982 besetzt argentinisches Militär die Falkland Inseln, die als britisches Territorium gelten. Margaret Thatcher beschließt Krieg zu führen. Das lenkt die Briten vorrübergehend von ihren wirtschaftlichen Problemen ab. Thatchers Wirtschaftspolitik ist die Abkehr von einer sozial ausgerichteten Marktwirtschaft und sorgt für eine zunehmende Verarmung der Masse. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. (In den USA führt Ronald Reagan mit den „Reaganomics“ eine ähnliche Politik ein). Der „Thatcherismus“ nimmt diese soziale Ungerechtigkeit bewusst in Kauf. Zwischen 1984 und 1985 streiken die Bergarbeiter und halten ein Jahr lang durch. Dann müssen sie mit leeren Streikkassen und hohen privaten Schulden aufgeben. Dieser „Sieg“ Thatchers bricht die Macht der Gewerkschaften, gräbt aber einen tiefen Hass in die Arbeiterschaft, für deren Verelendung sie verantwortlich ist.




Öffentlicher Protest und Hasstiraden gegen Margaret Thatcher (Meryl Streep) - Foto © Concorde Filmverleih


Als sie 1989 die Kopfsteuer einführt, ist der Bogen überspannt. Die Poll Tax ist für jeden Untertan gleich hoch, egal wie hoch bzw. niedrig sein Einkommen ist. Es kommt zu Massendemonstrationen, die zu Hunderten von Verletzten, großem Sachschaden und Plünderungen führen. Danach erreicht Thatcher parteiintern nicht mehr den Rückhalt, den sie für eine weitere Kandidatur bräuchte. Uneinsichtig und unbeugsam zieht sie sich zurück.

Regisseurin Phyllida Lloyd zeigt das sensible Portrait einer alternden Frau mit zunehmendem Gedächtnisverlust. Meryl Streep wurde für ihre schauspielerische Leistung 2012 mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin belohnt. Der Film ist teilweise sehr subtil umgesetzt. Zumindest in Großbritannien gibt es noch genug Zeitzeugen, die sich daran erinnern, dass Margaret Thatcher als Kultur- und Wissenschaftsministerin 1970 die kostenlose Ausgabe von Schulmilch zurücknahm, weswegen sie als Milchdiebin in die Geschichte einging. Da ist es für Betroffene schön zu sehen, dass Margaret Thatcher sich im Film nun ihrerseits über den Milchpreis aufregt. Die filmischen Hinweise auf Kriegserfahrung und die Härte der Politik wirkt nie sentimental. Im Gegenteil, wir erleben zwar, welche äußeren Umstände zu bestimmten Reaktionen geführt haben mögen, über die inneren Beweggründe erfahren wir so gut wie nichts. Da diese rein spekulativ wären, war das vermutlich eine gute Entscheidung. Letztendlich bleibt Margaret Thatcher auch nach einigen Einblicken in ihr Privatleben unzugänglich, auch wenn man, zum Beispiel, die Sehnsucht nach ihrem Sohn, der in Südafrika lebt, nachvollziehen kann. Die gespaltene Rolle der Tochter Carol (Olivia Colman) rührt sogar an. Einerseits kümmert sie sich um ihre Eltern, andererseits ist sie der gebieterischen Mutter nie gut genug. Die über 50 Jahre währende Ehe mit Denis Thatcher wird übrigens als sehr innig dargestellt.

Die eiserne Lady ist ein Biopic, das gleichzeitig ein Ausflug in die britische Geschichte ist. So wurden Originaldokumentaraufnahmen von den politischen Ereignissen, wie den Falkland-Krieg, verwendet. Da Lady Thatcher noch lebt, gab es kritische Stimmen, ob man sie in ihrer Hinfälligkeit überhaupt darstellen sollte. Meryl Streeps Verkörperung ist nie respektlos, im Gegenteil führt ihre Margaret Thatcher einen heroischen Kampf gegen das Altern und die Vergesslichkeit. Die Beziehung zu ihrem verstorbenen Mann ist fast metaphysisch.

Vor allem Frauen können nachvollziehen, dass Lady Thatcher sich nicht mit der Rolle als Hausfrau begnügen wollte. Sie hatte es als „Krämertochter“ in das höchste Amt geschafft und offensichtlich geglaubt, eine Politik zu bewerkstelligen, die anderen einen solchen Aufstieg auch ermöglichen könnte. Aber dazu sind Fleiß, eine Vision und der Wille vonnöten, und das hat nicht jeder. Der Film bedient keines der Lager: weder die Bewunderer von Margaret Thatcher noch diejenigen, denen sie als Feindbild dient. Er schafft es bestenfalls, ein etwas ausgewogeneres und realistischeres Bild der Politikerin zu kreieren, bleibt allerdings das, was er in erster Linie ist: Ein Kinofilm mit herausragenden Darstellern und übrigens einem magischen Ende.


Helga Fitzner - 8. März 2012
ID 5805

Weitere Infos siehe auch: http://eisernelady-derfilm.de/


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