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EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM

Ein heilsamer Zwang zur Erinnerung



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Der Mann steht am Zaun eines Schulhofs und will sich von dem Lehrer nur Feuer für seine Zigarette geben lassen, als er anfängt zu zittern. Der Auschwitz-Überlebende erkennt in ihm einen der Männer wieder, die im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau Dienst getan hatten. Er wendet sich an einen Journalisten, aber niemand will davon wissen. Der Massenmörder kann unbehelligt weiter Kinder unterrichten.

*

Seit 2004 halten wir in unserer Reihe EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM nach Filmproduktionen Ausschau, die Möglichkeiten aufzeigen, wie man mit einem so verheerenden Trauma wie dem Holocaust umgehen kann. Das Naheliegendste war in diesen Jahren noch nicht dabei: Man stellt die Täter vor Gericht. Das ist nach dem Zweiten Weltkrieg bedingt geschehen. Während der Nürnberger Prozesse von 1945 bis 1949 wurden die meisten der Hauptkriegsverbrecher, derer man noch habhaft werden konnte, vom amerikanischen Militärgericht verurteilt. Aber das waren nicht sehr viele. Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 begannen deutsche Gerichte mit der Strafverfolgung und verurteilten in den Jahren 1950 bis 1952 noch 5.678 Kriegsverbrecher. Die Zahl der Prozesse ging aber stetig zurück. Die Deutschen waren mit dem Wiederaufbau beschäftigt und wollten die Vergangenheit hinter sich zurück lassen. Viele Flüchtlinge und Vertriebene trauerten um den Verlust ihrer Heimat und versuchten trotzdem wieder Fuß zu fassen. Die Kriegswunden der Deutschen waren oberflächlich zugeheilt. Die Altnazis führten ein bürgerliches Leben, und das schien sehr gut zu gehen. So senkte sich der Mantel des Verdrängens über die aufstrebende Bundesrepublik, die sich im Wirtschaftswunderrausch befand und von dem Mord an Millionen von Menschen nichts wissen wollte, und so verschwand auch der Name Auschwitz als Synonym für die Gräuel in den Konzentrationslagern mehr und mehr aus dem kollektiven Gedächtnis...

… bis eines Tages im Jahr 1959 der investigative Journalist Thomas Gnielka (1928-1965) in den Besitz von Beweismaterial aus Auschwitz kam, das von einem in Frankfurt am Main wohnenden Auschwitz-Überlebenden stammte. Gnielka wurde von den Behörden abgewiesen, konnte aber schließlich die Dokumente dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1963) übergeben. Bauer war Jude und wollte die Unterlagen nicht an die zuständige „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ weiterleiten. Er erwirkte einen Beschluss des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe, die Ermittlungen bei sich in Frankfurt durchführen zu können. Der große Teil der KZ-Unterlagen ist vor Kriegsende noch vernichtet worden. Nun hatte Bauer endlich Beweismaterial in der Hand und zog sich damit den vehementen Widerstand des Leiters der Frankfurter Staatsanwaltschaft Heinz Wolf (1908-1984) zu, der zwar entnazifiziert, aber einstmals ein einflussreiches Mitglied der NSDAP war. Die Vorbereitungen zu den Frankfurter Auschwitzprozessen dauerten über sechs Jahre, waren sehr umständlich und kräftezehrend, setzten aber ein sehr bedeutendes Zeichen der noch jungen Demokratie.



Thomas Gnielka (André Szymanski) hält die Akten des Auschwitz-Überlebenden in der Hand. Die versammelte Staatsanwaltschaft lehnt die Annahme des Falls zunächst ab | Foto © Universal Pictures Germany


Es waren eine ganze Reihe von Anwälten mit den Recherchen beauftragt. Im Film Im Labyrinth des Schweigens sind einige von ihnen in der fiktiven Figur des jungen Anwaltes Johann Radmann (Alexander Fehling) zusammengefasst, der sich als Neuling in die Materie einarbeitet. Zu Beginn ist er noch mit Verkehrsdelikten beschäftigt und fällt dadurch auf, dass er die Paragrafen über den Menschen stellt. Aber es ist genau diese Sturheit und Besessenheit, die ihn letztendlich befähigt, die Vorbereitungen der Auschwitz-Prozesse durchzuziehen. Fritz Bauer (gespielt vom kürzlich verstorbenen Gert Voss) hält sich im Hintergrund, unterstützt aber die Recherchen, wo er kann. Trotzdem stößt Radmann immer wieder an seine Grenzen. Um zu überprüfen, ob es noch Überlebende gibt, die in der Bundesrepublik wohnen, muss er sich ALLE deutschen Telefonbücher kommen lassen und mit den Namenslisten aus Auschwitz abgleichen. Das sind ganze Wagenladungen, die dann in umständlicher Kleinarbeit durchgesehen werden müssen. Tatsächlich gelingt es ihm, Überlebende zu finden, die auch bereit sind, ihre Aussagen zu machen.



Johann Radmann (Alexander Fehling) fühlt sich allein gelassen. In den Wirtschaftswunderjahren will keiner von Auschwitz wissen. Im roten Kleid seine Freundin Marlene Wondrak (Friederike Becht) | Foto © Universal Pictures Germany


Die Arbeit ist zeitlich und seelisch sehr belastend, und darunter leidet auch die Beziehung zu seiner Freundin Marlene Wondrak (Friederike Becht). Radmann überschreitet dabei einige Grenzen. So schnüffelt er in der Vergangenheit seines Schwiegervaters in spe herum, was Marlene zur Trennung veranlasst. Radmann hat sich auch in die Suche nach dem KZ-Arzt Josef Mengele verbissen, der grausame Experimente an lebenden Menschen durchführte, sich nach Südamerika abgesetzt hatte und gelegentlich geheime Familienbesuche in Deutschland abstattete. Radmann merkt gar nicht, dass er anderweitige Ermittlungen mit seinen Einsätzen beeinträchtigt und lässt sich nicht belehren. Das geht soweit, dass er einen Zusammenbruch erleidet, nachdem er erfahren hat, dass sein von ihm verehrter Vater, der seit 15 Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft ist, auch Parteimitglied der NSDAP war. - Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gibt derweil einen der entscheidenden Hinweise über den Verbleib von Adolf Eichmann, dem Hauptorganisator der Massenmorde an den Juden, und hilft dabei, dass dieser nicht in Deutschland, sondern in Israel angeklagt wird.



Die graue Eminenz im Hintergrund: Fritz Bauer (Gert Voss) | Foto © Universal Pictures Germany


Radmann sieht sich als gescheitert an und will aus den Ermittlungen aussteigen. Doch er überlegt es sich dann anders. Er hat gemerkt, dass es weder um ihn oder um einzelne Kriegsverbrecher, wie Mengele, geht. Fritz Bauer hatte 1952 schon dafür gesorgt, dass ein deutsches Gericht feststellte, dass das NS-Regime ein Unrechtsstaat war.

*

Vor seinem Tod gab Gert Voss, der Fritz Bauer im Film verkörpert, noch ein Interview: „Nun, wenn man bedenkt, dass im ersten Frankfurter Prozess von den 8000 SS-Tätern in Auschwitz nur knapp 20 verurteilt wurden, ist das natürlich gespenstisch. Aber Fritz Bauer ging es ja vor allem darum, die Deutschen über die begangenen Verbrechen aufzuklären und dazu zu bringen, sich überhaupt mit den furchtbaren Dingen auseinanderzusetzen. Die Welt sollte sehen, wie das deutsche Volk sozusagen über sich selbst Gericht hält. Diesen Wert kann man im Nachhinein gar nicht hoch genug bemessen. Für Fritz Bauer war die Juristerei keine bloße Abfolge von Gesetzen – ihm war es wichtig, dass man die Menschen versteht. Er wollte niemanden dämonisieren und hat immer dafür plädiert, die Würde des Menschen zu wahren. Auch die Würde der Täter.“

Helga Fitzner - 6. November 2014
ID 8230
Weitere Infos siehe auch: http://imlabyrinth-film.de/


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