Hommage an ein
wahrhaftiges
Kino
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Bewertung:
Ende der 1950er Jahre in Paris haben die Kritiker des legendären Magazins Cahiers du Cinéma genug von den oft schablonenhaften Filmen, die aus dem Studiosystem stammen, von dem die Filmkunst in ein enges Korsett geschnürt wird. Einige der Journalisten haben den Schritt von der Theorie in die Praxis schon vollzogen und drehen eigene Filme nach eigenen Maßstäben, darunter François Truffaut (Adrien Rouyard). Der junge Kritiker Jean Luc Godard (Guillaume Marbeck) hinkt seinen Kollegen etwas hinterher: Doch als er bei den Filmfestspielen in Cannes die erste Sternstunde der Nouvelle Vague miterlebt, als Truffauts Erstlingswerk Sie küssten und sie schlugen ihn frenetisch gefeiert wird, wächst in ihm der Entschluss, dass auch er selbst Regie führen will. Nach einem Drehbuch von Truffaut dreht er Außer Atem, mit dem auch er Kinogeschichte schreiben wird. Nur das weiß er noch nicht, und der US-amerikanische Independent-Regisseur Richard Linklater (Boyhood) zeichnet in Nouvelle Vague die chaotischen Dreharbeiten zu Außer Atem und die Befindlichkeiten Godards nach. Richard Linklater erklärt:
"Es schien der perfekte Moment zu sein, um die Radikalität und den Wagemut dieses Films wieder zu erleben. Um uns daran zu erinnern, dass das Kino sich immer wieder neu erfinden kann. Ein verspieltes Porträt einer eng verbundenen Gemeinschaft von Filmfanatikern zu zeichnen, die Kino leben, in sich aufnehmen und atmen. Um zu erforschen, wie eine neue Art des persönlichen Filmemachens entstand. Und um zu zeigen, dass das Kino ein innovatives Medium ist – und immer sein wird."
Linklater hat in einem langen Casting-Prozess Schauspieler ausgesucht, die noch nicht berühmt sind, aber den Originalen möglichst ähnlich sehen. Man muss zwar kein Cineast sein oder über Vorkenntnisse verfügen, um den Film zu genießen, doch Linklater spart nicht an „Personal“, er lässt etliche Größen der Zeit kurz wieder auferstehen, darunter Claude Chabrol, Roberto Rosselini, Suzanne Schiffman, Éric Rohmer und viele, viele andere, denn die Nouvelle Vague war eine regelrechte Bewegung. Bei Linklater stehen aber Godard und seine Konflikte mit dem Produzenten Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst) im Mittelpunkt, sein freundschaftliches Verhältnis zu Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) und eine zunehmende Krise mit der US-Schauspielerin Jean Seberg (Zoey Deutch), die mit seiner Regieführung nicht klar kommt. Herrlich inszeniert ist Godards Zusammenarbeit mit dem Kameramann Raoul Coutard (Matthieu Penchinat), an dem die Sprunghaftigkeit und die Launen des Regieneulings abperlen. Coutard hatte beim französischen Militärinformationsdienst während des Indochinakriegs gedient und ist abgehärtet. Er lässt sich sogar in eine Transportkiste für Postpakete stecken, um mit unsichtbarer Kamera auf einem Pariser Boulevard drehen zu können.
Die Radikalität und Kompromisslosigkeit Godards lässt die Dreharbeiten chaotisch, bei Linklater fast dilettantisch wirken. An manchen Tagen dreht Godard nur zwei Stunden, manchmal gar nicht, und er nimmt grundsätzlich die erste (und einzige) gedrehte Version, denn er steht auf dem Standpunkt, dass durch die Wiederholung einer Einstellung die Echtheit verloren ginge. Es geht ihm um Authentizität, weswegen er sich nicht sonderlich an die Vorlage von Truffaut und Chabrol hält. Godard interessiert sich nicht für den sonst üblichen möglichst "unsichtbaren" Schnitt, im Gegenteil benutzt er exzessiv Jump Cuts, indem er einfach Teile aus einer Szene herausschneidet. (Heute findet man das häufig in Vlogs, wenn Versprecher oder unnötige Teile einfach entfernt werden und dadurch das Bild „springt“). Das illustriert die Hektik und Unruhe, mit der die von Belmondo gespielte Figur vor der Polizei flieht. Einstellungen, die das klassische Kino als (verpönte) Achsensprünge oder gar Anschlussfehler bezeichnen würde, sind von Godard gewollt. Die meisten Protagonisten gehen davon aus, dass der Film ein Misserfolg wird, weil er einfach zu innovativ ist. Sie konnten nicht wissen, dass die Zeit und das Publikum reif für die Veränderung waren.
Ob sich die Dreharbeiten tatsächlich so abgespielt haben, sei dahingestellt. Wie bei Godard geht es auch Linklater darum, die Menschen echt wirken zu lassen, was bei zu intensiver Vorbereitung und Gängelung nicht entstehen kann. Linklater benutzt Schwarz-Weiß-Film und das Format 1:1,37, wie Coutard bei Außer Atem. Wie Godard öffnet er Räume für die Schauspieler, sich natürlich vor der Kamera zu bewegen. Linklater ist als Filmemacher Autodidakt, und er erfand neue Arten Menschen zu beobachten, bei ihrer Entwicklung und ihrer Reflexion über alles, was das Leben ausmacht. Hier zeigt er auf vergnügliche und eindrucksvolle Art, wie ein Filmemacher seinem inneren Kompass folgt und trotz Unsicherheiten konsequent seine Ideen umsetzt. Filme über das Filmemachen haben ihren ganz eigenen Reiz, und in diesem Fall haben die Zuschauer noch den Wissensvorsprung, dass hier gerade Filmgeschichte geschrieben wird.
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Godard hatte Glück, dass die technische Entwicklung, vor allem in Sachen Handkamera und Lichtempfindlichkeit, so weit fortgeschritten war, dass Außenaufnahmen bequemer und weitgehend ohne künstliches Licht möglich wurden. Davon machte er reichlich Gebrauch, und irgendwie hat diese Technik das Kino ein Stück weit in die Freiheit geführt. Truffaut zählte einmal nach und fand heraus, dass in den Jahren 1959 bis Ende 1962 die beachtliche Zahl von 162 Regisseuren ihren Debütfilm drehten. Die Nouvelle Vague war natürlich auch auf andere Länder übergeschwappt, und in Deutschland war der Neue Deutsche Film entstanden, deren prominentester Vertreter Rainer Werner Fassbinder gewesen sein dürfte. Von diesen Autorenfilmern sind z.B. heute noch Wim Wenders, Edgar Reitz, Werner Herzog und Volker Schlöndorff aktiv. Die Nouvelle Vague war ein Kino im Aufbruch, das auf der Suche nach Wahrhaftigkeit war und das erstarrte System der Nachkriegszeit herausforderte.
Zitat von Linklater:
"Vergesst niemals, dass das Filmemachen an sich optimistisch ist. Und wie François Truffaut zu dieser Zeit sagte: 'Der Film der Zukunft wird ein Akt der Liebe sein.'"
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Nouvelle Vague: Jean Luc Godard (Guillaume Marbeck) hat seinen Kameramann in eine Transportkiste für Postpakete gesteckt, damit er Jean Paul Belmondo (Aubry Dullin) und Jean Seberg (Zoey Deutch) auf der Straße filmen kann. | © Jean Louis Fernandez
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Helga Fitzner - 24. Juni 2026 ID 15918
https://nouvelle-vague-film.de/?starts_at=1780704000000
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