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Interview

Schön und schlau: Kostja Ullmann & Aylin Tezel

Die "Coming In"-Paar im Gespräch


(C) Warner Bros.



Die Handgriffe müssen sitzen


Coming In ist in vielen Szenen eine sehr physische Komödie, in der also die Körpersprache eine entscheidende Rolle spielt. Hat Ihnen dabei Ihre Tanzausbildung genutzt?

Aylin Tezel:
Ich denke schon. Ich bin immer dankbar, wenn ich eine Rolle spielen kann, bei der ich mein Körpergefühl einsetzen kann, und die Heidi ist ja eine sehr fidele Figur, die den ganzen Tag durch ihren Laden turnt und nie aufhört, etwas zu erzählen. Da denke ich schon, dass mein Tanztraining etwas genutzt hat, auch wenn ich im Film nicht wirklich tanze.


Kostja Ullmann, haben Sie sich überlegt, wie Sie die Homosexualität angemessen "verkörpern"?

Kostja Ullmann:
Naja, ich wollte es nicht übertreiben, nicht zu sehr mit den Klischees spielen, was ja eine Gefahr war. Aber da hatte ich mit Marco Kreuzpaintner, den ich persönlich schon seit 10 Jahren kenne, einen Regisseur an meiner Seite, dem ich voll und ganz vertraut habe. Marco, der selber schwul ist, hat mich schon während des Einprobens unserer Rollen einige Wochen vor Drehbeginn beruhigt und gesagt, „entspann dich, ist alles okay“. Und spätestens am zweiten Drehtag denkt man dann nicht mehr so viel darüber nach, sondern spielt die Rolle. Ich wollte auch vermeiden, ständig zu überlegen, ob ich eine bestimmte Bewegung machen darf, sondern habe die dann einfach so gemacht, wie ich es gefühlt habe oder weil ich in dem Moment der Tom war. Die Schwierigkeit lag tatsächlich eher im Haareschneiden, also dem Erlernen der Friseurhandgriffe, und das gut aussehen zu lassen.


Sie haben tatsächlich in Friseursalons gelernt?

A. T.:
Ich habe das Handwerk in einem Neuköllner Friseursalon gelernt. Das war eine Friseurin, die war exakt so crazy wie meine Rolle, nur in älter. Ich bin da auch nicht als Aylin, sondern als Heidi hingegangen und habe mich als neue Auszubildende vorgestellt. Ich durfte an den Kunden Haare waschen, und ansonsten hatte ich einen Puppenkopf, an dem ich gearbeitet habe. Während also nebenan die wirkliche Arbeit stattfand, habe ich mit der gleichen Leidenschaft an meinem Puppenkopf gearbeitet.

K. U.: Ja, ich habe passend zum Film in einem Salon in Charlottenburg gelernt, das war auch recht spannend – eine ganz andere Klientel als bei Heidi. Ich musste aber erstmal dieselben Dinge machen wie jeder Auszubildende, Harre waschen und wegfegen und so, und irgendwann durfte ich auch mal ran und kämmen und föhnen und schließlich Spitzen schneiden. Ich hatte auch an einem Puppenkopf zu üben, wie Aylin. Wir haben uns dann immer Bilder geschickt, wer weiter ist und schon einen stufigen Schnitt gemacht hat. Das ging immerhin rund sechs Wochen so, und auch während der Dreharbeiten haben wir nach Drehschluss noch weiter geübt und Gas gegeben, weil die Szenen, in denen wir selber schneiden, ja gut aussehen sollten. Ich hatte als Mann auch immer das Problem, dass ich einen neuen Schnitt bei Frauen oft nicht gesehen habe bzw. schon sehr viel weggeschnitten sein musste, damit ich überhaupt einen Unterschied sehe. Und so habe ich dann meistens schön viel abgeschnitten.

A. T.: Ja, auf Kostjas Puppenkopf war am Ende nicht mehr viel übrig, während meiner noch schöne lange Haare hatte. (Lacht.)


Inwieweit durften Sie mit den Klischees spielen?

A. T.:
Das Schöne bei einer Komödie ist ja, dass man sich durchaus mal auf die Klischees setzen und gemeinsam drüber lachen kann. Wir haben ja auch nachdenklichere Momente, weil Marco Kreuzpaintner darauf geachtet hat, dass im Genre Romantische Komödie die Romantik nicht zu kurz kommt. Wir haben uns Mühe gegeben, die Herzlichkeit, die Marco in den Stoff gelegt hat, auch zu zeigen und die Liebe, egal zwischen welchen Personen und Geschlechtern sie stattfindet, ernst zu nehmen – und dass auch das jeweilige Umfeld der Figuren diese Liebe ernst nehmen sollte.

K. U.: Ich finde auch, dass mit den Klischees liebevoll gespielt wird und wir niemandem damit auf die Füße treten. Das war uns auch wichtig. Ich hoffe, dass der Film nicht nur junge Frauen anspricht und nicht nur schwule Männer, sondern auch Hetero-Männer. Und ich würde mir wünschen, dass man schwule Themen als etwas Selbstverständliches ansieht. Ich glaube, in Ländern wie Russland ist eine solche Selbstverständlichkeit noch Zukunftsmusik, das wird länger dauern. Aber auch bei uns sind wir noch am Anfang und müssen weitere Schritte unternehmen.

A. T.: Ich denke, in dem Moment, wenn man als Publikum gemeinsam über etwas lachen kann, ist man schon einen Schritt gegangen. So habe ich es mit dem Film Almanya – Willkommen in Deutschland erlebt, als es so wirkte, als hätten alle Sehnsucht danach gehabt, endlich über das Thema Integration einmal befreiend lachen zu können. So etwas könnte Coming In auch erreichen: Dass Heterosexuelle und Homosexuelle, Männer und Frauen über eine Thematik gemeinsam lachen, die sonst als kompliziert angesehen wird und hier aber gerade nicht als Drama erzählt wird. Es kann schließlich jedem jeden Tag passieren, dass man sich in jemanden verliebt, mit dem man nicht gerechnet hat. Andersherum wurde die Geschichte ja schon mehrfach erzählt, dass also ein Mann, der in einer heterosexuellen Beziehung lebt, sich in einen Mann verliebt. Bei unserer Geschichte geht es in die andere Richtung, und so passiert es, dass Tom eine ihm ganz unbekannte Seite an sich entdeckt, was ihn völlig verunsichert, bis er nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist. Und damit entfernt er sich von seiner bisherigen Gruppe. Deshalb gibt es in der schwulen Community schon aufgrund des Trailers, der sehr auf Komödie geschnitten ist, vielleicht eine gewisse Angst, was denn hier für eine Message erzählt werden soll. Aber im Film sagt Tom ganz klar, „ich bin schwul“ und ist sich dessen auch ganz sicher, verliebt sich aber trotzdem in eine Frau. Das ist keine Bekehrungsgeschichte oder so etwas, sondern als eine Ode an die Liebe zu verstehen, so pur und unplanbar, wie sie nun einmal ist.

K. U.: Da brauche ich nichts mehr erklären. (Lacht.)


Sie hatten bisher eine sehr große Bandbreite an Rollen. Gehen Sie an die ernsteren Rollen genauso heran wie an komische (wie in Coming In), oder ist das gleich?

A. T.:
Ich glaube, die Basis ist gleich. Egal, in welchem Genre, die Nöte seiner Figur muss man sehr ernst nehmen. Die Figur der Heidi, die sich in einen schwulen Mann verliebt, ist für mich genauso bedeutend und kann mit derselben Empathie nachempfunden werden wie die Figur in Am Himmel der Tag, in dem ich eine Frau gespielt habe, die ihr Kind tot gebären muss. Natürlich geht man durch unterschiedliche Prozesse, und natürlich kann es sein, dass man bei einem Drama nach dem Drehen länger braucht, bis man das Thema aus seinem Kopf hat. Bei dieser Komödie haben wir selbst sehr viel beim Drehen gelacht, aber trotzdem nimmt man ja die eigene Figur und das, wo sie hindurch muss, ernst.

K. U.: Ich finde auch, es ist eine ähnliche Herangehensweise bei Komödie oder Drama, indem man sich mit der Figur identifiziert, sich vertraut macht mit dem, was sie will, was sie erreichen möchte, um sie besser kennenzulernen. In einer Komödie, wo ich noch nicht so zu Hause bin, ist es allerdings nicht ganz einfach, immer ganz sicher zu sein, ob das, was man gerade gespielt hat, wirklich witzig rüberkommt oder nicht. Dieser Druck ist nicht ganz ohne, aber ein solcher Ausflug Richtung Komödie macht Spaß, gerade wenn es mit Aylin und Marco passiert. Inzwischen bekomme ich zwar mehr Angebote für Figuren, die über 30 Jahre sind, aber ich habe immer noch eine große Bandbreite, die von Rollen von Anfang 20 bis Mitte 30 reicht. Wenn ich mir den Bart abrasiere, sehe ich wieder aus wie 12. (Lacht.)

A. T.:
Ich darf immer noch keine Rollen spielen, die über 30 sind! (Beide lachen schallend.) Aber ich denke mir, die kommen sowieso irgendwann, da brauche ich nur abzuwarten. Auch ich werde mal nicht mehr nach dem Ausweis gefragt, wenn ich mir Schnapspralinen kaufen möchte. (Lacht.) Ich habe aber gemerkt, dass mit 30 ein anderer Drive ins Leben kommt. Früher bin ich staunend und mit großen Augen durch die Welt gelaufen – allein Berlin und dann der Schauspielberuf, was man alles lernen und erleben kann! Ich komme immerhin aus Bielefeld, und meine Eltern hatten mit Kunst gar nichts zu tun. Jetzt bin ich an dem Punkt, an dem ich denke, jetzt habe ich ein bisschen verstanden, wo ich stehe und was das mit der Schauspielerei auf sich hat.

K. U. (schmunzelt): Das habe ich immer noch nicht verstanden.

A. T.: Ich glaube, dadurch, dass ich aus so einer bodenständigen Familie komme, bin ich gut geerdet. Ich habe weniger Angst hinzufallen und wohlmöglich nicht mehr aufstehen zu können. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich dann nicht mehr weiß, was ich tun soll.


Jetzt können Sie immer noch Friseurin werden!

(Beide lachen schallend.) A. T.:
Ich glaube, meine wahren Talente liegen doch woanders.



Kostja Ullmann und Aylin Tezel in der Filmkomödie Coming In | (C) Warner Bros.


Interviewer: Max-Peter Heyne - 31. Oktober 2014
ID 8213
Weitere Infos siehe auch: http://www.comingin.de


Post an Max-Peter Heyne

Filmkritik zu Coming In



 

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