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Deutsches Kino

Beziehungsweise Andersum in der temporeichen, aber auch lärmigen deutschen Komödie Coming In



Bewertung:    



An dieser Komödie scheiden sich die Geister. Sie will hemmungslos unterhalten, ist dabei schrill und aufdringlich wie ein Til Schweiger-Vehikel und präsentiert Klischees am laufenden Band wie Männerhort (der ungerechterweise etwas früher gestartet ist und daher einen Teil des potentiellen Publikums schon abgeschöpft haben wird). Andererseits werden einige der Klischees (nicht alle!) gekonnt parodiert oder gar unterlaufen. Außerdem ist die Chuzpe anzuerkennen, mit der alle Beteiligten auf Entertainment-Knöpfe und Wohlfühl-Drüsen drücken, um damit für umfassende Toleranz zu werben. Der eklatante Mangel an Subtilität kann zum Teil von den exzellenten Schauspielern kompensiert werden; selbst die kleinsten Rollen sind sorgfältig besetzt.



Coming In | (C) Warner Bros. Pictures


Doch jeder, dessen Gehirnzellen auch beim Popcornverzehr in Betrieb bleiben, muss bei manchen Szenen tief durchatmen: wenn etwa ein hippes Berliner Event zum Coming Out oder ein Fernsehinterview für ein schmachtiges Liebesgeständnis genutzt wird. Bei anderen Szenen lässt man sich manche Übertreibung gefallen, weil die Darsteller so viel Spielfreude vermitteln (so z.B. Charakterstar August Zirner als zickige Obertunte). Und bei einigen Szenen kommt man um ein Lachen nicht herum, weil die Sprüche ins Schwarze treffen. Mir hat der am besten gefallen, wenn Altstar Tilo Prückner (ehemals Robert Atzorns Assistent im Hamburger Tatort) als erfahrener Ehemann zum schwulen Freund seiner Enkelin sagt: „Und sie leben also als Mann mit einem Mann zusammen? Das muss in Ihrem Leben ja vieles so viel einfacher machen!“

Aber im Gegenteil: schwer ist leicht was! Auch als Schwuler, auch in Berlin, auch als erfolgreicher Schwuler in Berlin. Der bekennende schwule Regisseur und Ko-Autor Marco Kreuzpaintner, der sich bisher mit sehr feinfühlig inszenierten Dramen (Trade, Krabat) einen Namen gemacht hat, schickt seine schwule Hauptfigur durch ein wahres Plüschgewitter an Prüfungen, die allesamt dick aufgetragen werden: Tom Herzner (Schönling mit Allüren: Kostja Ullmann) ist ein Promifriseur, der es im trendigen Berlin dank eines Salons im Regierungsviertel und einem schwulen Lifestyle-Label weit gebracht hat. Sein Lebens- und Geschäftspartner Robert (großartig klischeefrei: Ken Duken) will auch die Geldbörsen der weiblichen Kundschaft anzapfen und hat sich daher mit einem US-Investor eine Kampagne ausgedacht. Für die muss Tom, der nie etwas anderes gesehen hat als Haare an Männerköpfen und –beinen, in einem Friseurladen im prolligen Neukölln lernen, was Frauen mögen.

An dieser Stelle muss der geneigte Zuschauer bereits Zugeständnisse in Sachen Glaubwürdigkeit machen. Denn welcher abgehobene Promischwule würde schon selber an aufgetakelte und geschmackverirrte Neuköllner Muttis und Tussis Hand anlegen, wenn er dies bequem an Berater oder Vasallen delegieren könnte? Sei's drum: Nach den ersten, katastrophal verlaufenden Begegnungen mit Maja, der Schwester der Salonbesitzerin, gewöhnt sich der bisher als unnahbar geltende Tom an die chaotische, aber herzliche Atmosphäre im Salon „Bel Hair“. Maja zeigt dem abgeschotteten Tom das wahre Leben, während Tom der herzensguten, aber naiven Maja mehr Geschmack und Stil beibringt – Kreuzpaintner und seine amerikanisch-deutsche Koautorin Jane Ainscough (Hanni & Nanni I + II) bieten eine sonderbare Kombination aus Notting Hill und My Fair Lady. Das ungleiche Paar wird sich erst sympathisch, empfindet dann Respekt füreinander und schließlich Zuneigung – was vor allem den überzeugten Schwulen Tom verunsichert, während die zum Schwan reifende Maja glaubt, mal wieder den Flaschen erwischt zu haben.

Toms Schwulenclique – darunter verdiente Aktivisten – ist entsetzt über das sich anbahnende heterosexuelle Treiben, zumal Tom gerade zur Gallionsfigur für die Gleichstellung Homosexueller gekürt werden soll. So muss das Drehbuch wieder etwas nachhelfen, was heißt: Sowohl in der Beziehung zwischen Tom und Robert als auch in der zwischen Maja und ihrem prolligen Freund Didi (wie die Faust aufs Auge: Frederick Lau) kriselt es. Und schließlich geben sich auch Toms ältere Freunde (wunderbares Paar: André Jung/Zirner), für die das schwule Bekenntnis auch als ein politischer Akt zu verstehen ist, einen jener Rucks, der eines Ex-Bundespräsidenten würdig gewesen wäre. Weg mit den Denkverboten, her mit den kleinen Neuköllnerinnen! Marco Kreuzpaintner: „Ich als Schwuler darf selbstironisch mit diesen Facetten spielen. Ich darf, ja, ich muss politisch unkorrekt sein, denn alles andere wäre peinlich und engstirnig.“



Coming In | (C) Warner Bros. Pictures


Ein Schwuler, der die heimliche Hete in sich entdeckt – ein Novum auf der Leinwand, wie jetzt vielerorts zu lesen ist? Mitnichten! Im Gefolge der ersten Liberalisierungserfolge der Schwulen- und Lesbenbewegung wurde 1978 in den USA die Gesellschaftskomödie Beziehungsweise Andersrum (A Different Story) produziert. Darin heiratet eine New Yorker Lesbe ihren schwulen Freund, um ihm eine Aufenthaltserlaubnis für die Staaten zu verschaffen – und die beiden verlieben sich ineinander. Auch damals wurde bereits „um Liberalität in jeder Hinsicht“ geworben, die Kreuzpaintner nach eigenen Worten mit Coming In anstrebt, nur sind Thema und Terrain heute gesellschaftlich akzeptierter und bekannter als in den siebziger Jahren. Dazu Kreuzpaintner: „Wir können dieses Thema aus den Schlagzeilen verdrängen, erwachsener damit umgehen, auch weil es inzwischen in fast jeder Vorabserie einen ‚Quotenschwulen‘ gibt.“

Der Regisseur meint: „Aufgrund jahrzehntelanger Diskriminierung hat sich in dieser Szene eine gewisse Abschottung entwickelt. Sie ist inzwischen zwar aufgebrochen, aber immer noch werden die Menschen in Schubladen gesteckt. Ich als Jüngerer wehre mich dann regelmäßig gegen das Klischeedenken wie ‚die da‘ und ‚wir‘. Tatsächlich handelt es sich um einen Generationenkonflikt zwischen älteren und jüngeren Schwulen – und um die Forderung der Liberalität in den eigenen Reihen.“ Nun sollte man die frohe Botschaft, jedem sein Pläisierchen zu lassen, nicht gar so stark bewerten, denn in erster Linie werden in Coming In nicht Denkverbote aufgebrochen, sondern Milieus und ihre Ausprägungen durch den Kakao gezogen. Dass der Stoff von Kreuzpaintner zusammen mit der Hilfe seines Mentors Roland Emmerich (Executive Producer) ursprünglich als amerikanische Produktion geplant war, merkt man bei jenen Passagen, in denen – mit wimmernden Pseudoblues unterlegt – geradezu aufdringlich um Toleranz geheischt wird (Liebeserklärungen aller Couleur!).
Dagegen gewinnt der Film immer dann an Überzeugungskraft, wenn er Berliner Lokalkolorit und die merkwürdige Mischung aus gelebter Kiezigkeit und angestrebtem Weltflair auf die Schippe nimmt. Das geht dann in der Tat SO nur in Berlin, und falls der Film im Ausland vermittelt, dass die deutsche Hauptstadt nicht nur sexuell, sondern auch in anderen Lebensdingen sehr bunt ist, wäre das ein schöner Nebeneffekt. Und wie hieß es schon bei Insterburg & Co anno '77: Jetzt kann ich nicht mehr weiterschreiben, denn mir ist die Tunte ausgegangen…



Coming In | (C) Warner Bros. Pictures


Max-Peter Heyne - 23. Oktober 2014 (2)
ID 8190
Weitere Infos siehe auch: http://www.comingin.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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