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Exklusiv-Interview

TERRY

GILLIAM

"Der Wahnsinn regiert!"


Das ist Terry Gilliam. | (C) Alex Sturrock / Bildquelle: filmstarts.de


Nach 25 anstrengenden Jahren ist es Terry Gilliam doch noch gelungen, seine Version der weltberühmten Sage des spanischen Nationalhelden Don Quixote auf die Leinwand zu bringen: The Man Who Killed Don Quixote. Der einzige gebürtige Amerikaner der legendären englischen Monty Python-Komikgruppe, deren Cartoonist, Drehbuchautor und Regisseur er meist war, fing nach Finanzierungsproblemen schon im Jahr 2000 in Spanien mit dem Drehen an, was jedoch an vielerlei Widrigkeiten, darunter sintflutartiger Regen vor Ort, scheiterte. Ursprünglich als Making Of gedacht, entstand aus den Drehberichten über das Desaster der preisgekrönte Dokumentarfilm Lost in La Mancha. Das Filmmaterial als auch die Drehbuchrechte fielen an eine deutsche Versicherungsgesellschaft, die für die Schäden haftete. Erst nach jahrelangen Verhandlungen konnte Gilliam mit anderer Besetzung neu starten. Die Filmhandlung erinnert an die realen Turbulenzen: Ein desillusionierter Regisseur (Adam Driver) besucht seinen ehemaligen Hauptdarsteller (Jonathan Pryce), der nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein scheint und erlebt Don Quixote-artige Abenteuer mit ihm. Ein wilder Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen inklusive – ein echter Gilliam eben.



The Man Who Killed Don Quixote von Terry Gilliam | (C) Concorde Filmverleih


Ich sprach mit Terry Gilliam beim diesjährigen Filmfestival in Karlovy Vary (Karslabd), wo der Film ebenso wie beim Festival in Cannes vorab zu sehen war.


* * *


Herr Gilliam, woher nehmen Sie Ihre Inspirationen, aus Träumen?

Terry Gilliam:
Drogen! (Lacht laut.) Nein, die meisten Einfälle basieren auf Büchern, die ich zum Teil als Kind gelesen habe. So z.B. im Falle von Quichote und des Münchhausen-Films. Es gibt so viele Quellen – ich lese viel und hoffe, dass mich eine Idee anspringt. Manchmal greife ich auch fremde Ideen auf. Fisher King war nicht mein eigenes Drehbuch. Ich habe kein System, mein Leben läuft unorganisiert (lacht).


Sie bringen aber immer eigene Ideen in die Geschichten mit ein.

TG:
Klar, da sind überall meine Fingerabdrücke drauf. Manchmal läuft es unbewusst, und ich merke erst am Schluss des Drehens, was ich eigentlich mit der Story angerichtet habe (Lacht.). Aber fragen Sie mich nicht, was genau mich als Person ausmacht! Ich mache Filme und andere Arten von Kunst, weil ich vor mir selbst fliehen möchte. Ich existiere eigentlich gar nicht – wenn ich zu Hause sitze und nicht kreativ bin, besteht die Gefahr, dass mein Ego mein Leben übernimmt. Wenn ich an einem Drehbuch oder anderen Projekten arbeite, diene ich der Idee dahinter. Durch solche Dinge kann ich sehr gut vor meinem Ego flüchten!


Woher kam die Besessenheit mit Don Quichote?

TG:
Ich war gar nicht besessen, aber ich bin nun mal ein Dickkopf. Und ich wollte es ausprobieren, mir beweisen, dass ich die Story verfilmen kann. Alle haben mir ständig abgeraten. Das klang mir aber zu vernünftig. Ich lebe lieber an der Grenze zur Verrücktheit und schaue, was passiert. Eine Seite in mir ist ein kleines Kind, das sich gegen alle Widerstände durchsetzen will. Wenn ich gesagt bekomme, dafür gibt’s kein Geld, die Zeit reicht nicht, lass es bleiben, dann will ich es erst recht – das kommt wahrscheinlich daher, dass ich nie richtig erwachsen geworden bin. Ich kämpfe gern gegen Windmühlen! (Lacht.)


Sie glauben also nicht, dass ein Fluch auf den Don Quichote-Verfilmungen liegt, an denen schon Orson Welles gescheitert ist?

TG:
Die Medien erzählen gerne so eine Geschichte. Das klingt besser als zu sagen, das Wetter und die Finanzen haben es verhindert. Ich glaube nicht an so etwas. Immerhin gab es auch viele Verfilmungen, die geklappt haben wie etwas die von Georg Wilhelm Pabst 1933.


Die Dreharbeiten vor zwölf Jahren waren ja teils alptraumhaft. Hat Sie das zusätzlich motiviert, das Beste aus dem Neustart zu machen?

TG:
Es stimmt, das war hart, aber es gab auch immer witzige Situationen. Ich finde Dreharbeiten grundsätzlich ziemlich hart, es gibt immer Probleme. Und ich liebe Probleme, denn die zwingen mich zur Konzentration. Ich bin nämlich sehr gierig und mache am liebsten alles. Nur die Knappheit an Zeit und Geld mäßigt mich. Wenn man einen Film dreht, findet man heraus, wie die ganzen Ideen in der Realität, unter den Beschränkungen noch funktionieren. Dann muss man instinktiv an die Sache herangehen. Manchmal denke ich – wie auch in diesem Film, als wir einen großen Brand gedreht haben –, dass ich die Szene ruiniert habe, weil ich mich nicht genug an das Skript gehalten habe. Aber wenn dieser deprimierende Tag zu Ende ist, dann findet man später eine Lösung im Schnittstudio. Und diese Lösungen zu finden, macht dann wieder Freude.


Sie zeigen in der Rahmenhandlung einen Regisseur, gespielt von Adam Driver, der sich hat korrumpieren lassen. Wenn er ein Alter ego von ihnen ist, dann haben Sie es im Gegensatz zu dieser Figur geschafft, integer zu bleiben.

TG:
Naja, ich weiß, welche Verführungskraft Geld hat. Ich habe zweimal in meinem Leben Werbefilme gedreht und habe für ein paar Tage Arbeit mehr Gehalt bekommen als für die Spielfilme, die ich zuvor inszeniert hatte. Und ich habe auch einige Male mit großen Hollywood-Studios kooperiert, um Filme wie Fisher King und 12 Monkeys drehen zu können. Aber ein großes Budget zu haben, kann zu Bequemlichkeit führen. Man muss nicht improvisieren und sich anstrengen, wie man aus dem Wenigen das Beste macht.


Sie schwärmen sehr von Ihrer Besetzung.

TG:
Oh ja! Wir hatten diese wunderbaren Schauspieler, mit denen zu arbeiten jeden Tag großen Spaß gemacht hat. Es war eine Kombination ganz unterschiedlicher Charaktere. Jonathan (Pryce) mit Adam (Driver), Adam mit Joana (Ribeiro), Joana mit Jonathan – immer wieder Überraschungen. Joana hatte besonders viel Spaß als Blondine. Alle hatten Perücken, Jonathan seine falsche Nase – das mögen Schauspieler. Als ob so eine Maske einen großen Unterschied macht! (Lacht.) Adam Driver war "hot"! Und ist es noch, auch nach den Star Wars-Filmen. Die hatte ich übrigens nicht gesehen, als er mir von einem der Produzenten empfohlen wurde. Er war so ganz anders als die Figur, die ich mir beim Schreiben vorgestellt hatte. Er war viel leibhaftiger, echter, ohne dieses Schauspieler-Gehabe. Ich finde ihn außergewöhnlich. Er spielt ja einen Mann, der Jahrzehnte altert. Schauen Sie ihn sich an: Er sieht ganz anders aus als älterer Mann, und das ist nicht die Maske. Erst spielt er ein totales Arschloch, später viel sanfter. Genauso Stellan Skarsgard – er ist so überzeugend, man glaubt gar nicht, dass er spielt. Dagegen Jonathan Pryce: der spielt wie um sein Leben! (Lacht.) Es ist unglaublich – als packe er alle seine Shakespeare-Rollen in eine einzige hinein. Und Joana war sowieso ein Schatz. Wir waren alle verliebt in sie am Set. Und dann ist da diese wunderschöne Frau, die wir unter eine Maske stecken, die sie alt aussehen lässt…! (Lacht.)


Denken Sie manchmal daran, wie es mit der ursprünglichen Besetzung mit Jean Rochefort oder Robert Duvall als Quichote oder Johnny Depp und Ewan McGregor als Sancho Pansa gewesen wäre?

TG:
Nein, ich denke grundsätzlich nur nach vorn. Das ist die Version, die wir haben, und ich bin glücklich damit.


Versuchen Sie mit Ihren Spielfilmen, sich von den Monty Python-Zeiten zu entfernen oder wieder daran anzuknüpfen? Manche Szene erinnert jedenfalls an die Sketche.

TG:
Auf so eine Frage habe ich gewartet. Wir haben solche Szenen, aber es ist hart, immer so sein zu wollen wie Monty Python es waren. Denn was wir damals in den Fernsehsendungen gemacht haben, war seiner Zeit weit voraus, Das Leben des Brian war seiner Zeit sehr voraus. Wir haben vieles angestoßen, was erst später Teil der Wirklichkeit wurde. Jemand hat mir einmal in den USA gesagt, ich müsste eigentlich George W. Bush und Dick Cheney verklagen, weil sie unerlaubterweise ein Remake des Films Brazil aufführen. (Lacht.)


Die Pythons waren also prophetisch?

TG:
Es ist eine Sache, sich die Gegenwart genau anzuschauen und das als Material für sich zu verwenden. Aber es ist viel schwieriger vorherzusagen, wie sich Dinge entwickeln. Niemand von uns hat voraussehen können, wie der Wahnsinn sich ausbreitet, den wir gerade erleben, vor allem mit Donald Trump oder Teresa May und dem Brexit. Es wirkt, als würde das Chaos regieren und niemand weiß, wann es wieder in vernünftige Bahnen zurückgeht. Der Nationalismus greift immer mehr um sich. Ich habe mich lange um die englische Staatsbürgerschaft beworben, um nicht mehr Amerikaner zu sein, sondern ein Europäer zu werden. 2006 habe ich sie endlich erhalten – und nun kommt der Brexit! (Lacht.)


Sehnen Sie sich nach den Zeiten zurück, als man noch haufenweise Tabus brechen konnte?

TG:
Oh ja, vor allem in die Zeit vor der Political correctness, als Worte, die man benutzt hat, noch nicht aus dem Kontext gerissen wurden und wie ein Verbrechen wirkten. So als seien Äußerungen genauso schlimm wie die Handlungen selbst. Alle fühlen sich heute von etwas auf den Schlips getreten. Jeder fühlt sich heute gekränkt. Das führt zu Verrenkungen, alle verhalten sich, als müssten sie wie auf Zehenspitzen über Glasscherben gehen. Besser wäre es aber, sagen zu können, was man denkt.


Interviewer: Max-Peter Heyne - 26. September 2018
ID 10940
Weitere Infos siehe auch: http://www.donquixote-film.de/


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