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24. FilmFestival Cottbus

Thema: Ausgrenzungen

Festivalbericht (Teil 2)



Ein wirklich bemerkenswertes Special gelang dem Cottbuser FilmFestival mit dem diesjährigen Fokus QUEER EAST, bei dem insgesamt 18 Produktionen aus 10 Ländern auf dem Programm standen. Eine herausragende Manifestation des Ringens um Akzeptanz in Ländern, in denen es durchaus noch gefährlich sein kann, sich offen zu seinen nicht der allgemeinen Norm entsprechenden sexuellen Neigungen zu bekennen. Besonders junge Menschen leiden unter dem Druck sich verstecken zu müssen. Auch fehlt es oft komplett am Willen der Älteren sich mit Toleranzfragen überhaupt nur zu befassen. In den meist noch patriarchal ausgerichtete Gesellschaften ist das nahezu ein Tabu und eine öffentliche Aufklärung somit nicht möglich.

So hat auch der 14jährige Beso im ländlichen Georgien kaum eine Vorstellung von den Wünschen und dem Leidensdruck seines schwulen Bruders. In Ich bin Beso von Regisseur Lasha Tskvitinidze kämpft er - allein gelassen von der Vätergeneration, der es nur um Ehre und Stärke geht - mit dem Erwachsenwerden und dem Erwachen der Sexualität.



Ich bin Belso beim 24. FilmFestival Cottbus | (C) FilmFestival Cottbus


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Unverständnis und Ablehnung haben auch die russischen Jugendlichen erfahren, die sich der Plattform „Deti 404“ (Kinder 404) anvertrauen. Das von der Journalistin und lesbischen Aktivistin Elena Klimova gegründete Internet-Forum bietet homosexuellen Jugendlichen die Möglichkeit sich anonym auszutauschen und Rat zu erhalten. Grund für ihre Hilflosigkeit ist das neue Gesetz, das „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen in Anwesenheit von Minderjährigen“ unter Strafe stellt. Der russische Dokumentarfilm Children 404 von den Regisseuren Askold Kurov und Pavel Loparev stellt das Projekt und ihre Macherin vor und zeigt Ausschnitt aus den anonymen Internetbotschaften der Jugendlichen, die hier frei über ihre Probleme mit den Eltern und der homophoben Gesellschaft berichten, die sie für pervers oder satanisch erklärt. Und nicht nur deshalb ist die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen in Russland überdurchschnittlich hoch. Sogar Psychologen und Sozialarbeiter reden den verunsicherten Jugendlichen ein, selbst an der wachsenden Homophobie schuld zu sein.

Weiter begleitet das Filmteam den 18jährigen Pasha, der nach dem Abschluss der Schule, in der er wegen seines Outings ständigen Repressionen durch Schüler und Lehrer ausgesetzt war, nach Kanada auswandern will. Er hat keine Lust mehr sich zu verstecken und sieht daher auch keine Chance für sich in Russland. Den minderjährigen und von ihren Familien verstoßenen Jugendlichen bleibt oft nur die Straße oder ein Zufluchtsort auf dem Land. Durch das Gesetz sind Schwule und Lesben ständiger Verfolgung und Denunziation ausgesetzt, was die Dokumentation auch belegt. Trotz dass Elena Klimova ihren Job verloren hat und auch juristisch verfolgt wurde (das Verfahren gegen „Deti 404“ ist zwischenzeitlich eingestellt worden), gibt sie die Hoffnung nicht auf, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis sich in Russland alles zum Guten ändert.

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In Ungarn scheint das Thema erstaunlicherweise schon reif für einen Kino-Hit zu sein. Allerdings hat Regisseur Dénes Orosz hier zu einem Trick gegriffen. Wie im vor Kurzem gestarteten deutschen Kinofilm Coming In zeigt der schwule Radiomoderator Erik plötzlich ein unerklärbares Interesse für das weibliche Geschlecht. Allerdings bedarf es hier eines direkten Zusammenstoßes auf der Straße, um den Liebling der Budapester Schwulenszene und angehenden Vorsitzenden der Schwulen Liga umzupolen. Das soll ja tatsächlich bei einem britischen Jungen schon mal in die andere Richtung funktioniert haben. Ansonsten ist der Film eine ziemlich matte Komödie, die mit sexuellen Klischees, Vorurteilen und dem komischen Potential der Verwechslung spielt. Orosz nennt seinen Film dann auch ganz konventionell Coming out.

Erik fühlt sich nun zu der taffen Motoradfahrerin und Neurologin Linda (Ursache des Zusammenstoßes) hingezogen. Kurz vor der Hochzeit mit seinem Freund Balázs in Amsterdam erfindet er sich einen Zwilling und beginnt erst zögerlich, dann aber mit voller Leidenschaft ein doppeltes Spiel. Dazu ist ihm noch eine Journalistin der reaktionären Zeitung „Die wandernde Rechte“ auf den Fersen. So läuft der Film zielsicher und vorhersehbar auf den titelgebenden Showdown zu, nach dem sich aber alles in allgemeinem Wohlwollen auflöst. Coming out ist sicher gut gemeint und wirbt auch für Verständnis und Toleranz, ist aber in dieser Konstellation für Ungarn im Moment vielleicht nicht ganz das richtige Signal. Trotzdem lockte der Film dort ein großes Publikum in die Kinos.



Coming out beim 24. FilmFestival Cottbus | (C) FilmFestival Cottbus


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Man muss in einigen Ländern Osteuropas als Jugendlicher nicht unbedingt schwul sein, um in große Schwierigkeiten zu gelangen. In mehreren Filmen des Wettbewerbs standen Jugendliche mit ihren ganz alltäglichen Problemen im Zentrum der Handlung. Wie etwa der junge spielsüchtige Lette Modris, der im gleichnamigen Spielfilm von Juris Kursietis wegen einer Diebstahlbagatelle zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt wird und infolgedessen nach vergleichsweise noch geringeren Delikten wie Schwarzfahren und Biertrinken in der Öffentlichkeit sogar im Jugendstrafvollzug landet.

Im polnischen Spielfilm Hardkor Disko von Krzysztof Skonieczny gibt sich die aus begüterten Verhältnissen kommende Ola bei nächtlichen Partys Sex-, Alkohol,- und Drogenräuschen hin, während sich der gutaussehende Streuner Marcin zu einer brutalen und blutigen Rachetour gegen Olas Eltern aufmacht. Was in beiden Fällen nicht unbedingt schlüssig wirkte.

Völlig aus der Bahn aber wirft ein kroatisches Elternpaar der gewaltsame Übergriff von Mitschülern auf ihren Sohn. Nachdem der im Koma liegende Junge gestorben ist, sucht der verzweifelte Vater nach Hilfe und Erklärung, trifft aber nur auf das Unverständnis unsensibler Ärzte und die langsame Bürokratie der Ermittlungsbehörden. In So sind die Regeln klagt Regisseur Ognjen Sviličić eine zunehmend verrohende und materiell orientierte Gesellschaft an, die sich an die Gewalt gewöhnt hat. Emir Hadžihafizbegović bekam für „die innere Kraft seiner unaufdringlichen Darstellung und seine feinfühlige Abbildung des Innenlebens eines Vaters“ den Preis für den besten Darsteller.

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Der aber vielleicht eindrucksvollste Spielfilm im Wettbewerb zum Thema Jugend und Schule, der russische Wettbewerbsbeitrag Corrections Class von Ivan I. Tverdovsky, überzeugte gleich drei Jurys. Für seine eindrucksvolle Studie über eine Sonderklasse an einer russischen Schule, in der psychisch wie physisch gehandicapte Schüler, um sie zu verstecken, in einen separaten Flur abgeschoben werden, erhielt der Regisseur neben dem Preis der Ökumenischen Jury und dem FIPRESCI-Preis der Filmkritiker auch den Hauptpreis für den besten Film.

Die junge Lena, durch eine Muskelschwäche auf den Rollstuhl angewiesen, will unbedingt wieder zur Schule gehen. Aber es fehlt an behindertengerechten Zugängen und dem echten Willen der Verantwortlichen etwas daran zu ändern. Der Zusammenhalt der Klasse ist zunächst sehr groß, wird aber, nachdem zwischen Lena und dem Epileptiker Anton eine zarte Zuneigung aufkeimt, auf eine harte Probe gestellt. Eifersüchteleien, Vorurteile und die permanente Ausgrenzung durch die ignorante Umwelt bedingen schließlich auch in der Gruppe Gewalt und Intoleranz. Mit dem hervorragend und überzeugend spielenden Ensemble von Corrections Class hat sich zumindest ein Team aus Laien und professionellen Schauspielern gefunden, das man als ein geglücktes Projekt für eine gelungene Inklusion bezeichnen kann. Im Film muss da noch ein kleines Wunder für Hoffnung sorgen.



Ivan I. Tverdovsky (Mitte), Regisseur des Hauptpreisträger-Films Corrections Class mit seinem deutschen Produzenten und der Preistifterin Gerti Müller-Ernstberger vom GWFF | Foto (C) Stefan Bock


Damit ging dann am Samstagabend bei der Preisverleihung in der Cottbuser Stadthalle auch ein sehr interessantes Festival mit einem insgesamt hochklassigen Wettbewerbsjahrgang zu Ende. Und die international besetzten Jurys haben bei der Verteilung der Preise diesmal auch wirklich alles richtig gemacht.


Stefan Bock - 11. November 2014
ID 8240
Weitere Infos siehe auch: http://www.filmfestivalcottbus.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

Siehe auch: Festivalbericht (Teil 1)

Festivalbericht (Teil 3)



 

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