Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



DVD-Besprechung

Liebe, Verbrechen und andere Spiele (1)

4 Filme von Claude Lelouch (Box 1)



Der französische Filmregisseur Claude Lelouch hat hierzulande nie den Status der Kollegen Claude Chabrol, Francois Truffaut oder Eric Rohmer erreicht, obwohl auch er (geb. 1937) derselben Generation wie die selbsternannten Autorenfilmer angehört und mit den Stilmitteln des Films experimentiert hat. Doch er war nicht Filmkritiker wie die anderen Genannten, sondern Dokumentarfilmer, bevor er zum Spielfilm wechselte. Auch hat er nie wirklich harte Gangsterfilme wie Jean-Pierre Melville (Der eiskalte Engel) oder Thriller wie George-Henri Clouzot (Die Dämonischen) gedreht, die ihn berühmt-berüchtigt gemacht hätten – und er hat nie mit Romy Schneider gedreht wie Claude Sautet (Die Dinge des Lebens), der in Deutschland schon deswegen bekannter wurde. Lelouchs berühmteste Filme sind Ein Mann und eine Frau, für den er 1966 in Cannes die Goldene Palme und 1967 Oscars für den besten fremdsprachigen Film und das beste Originaldrehbuch (auf Französisch!) erhielt sowie die Ensemble-Dramen So sind die Tage und der Mond (1990) und Männer und Frauen – eine Gebrauchsanleitung (1996).

Die NDR-Tochterfirma Studio Hamburg, die wohl die Rechte an den Synchronfassungen von Lelouchs Filmen besitzt, hat diese dankenswerteweise nun auf bisher fünf Boxen mit je vier Titeln veröffentlicht. Getrübt wird die Freude über das Wiedersehen dadurch, dass keine untertitelten Fassungen, sondern entweder die französischen Original- oder die eingedeutschten Fassungen angeschaut werden können. Von der Tragikomödie Une fille et des fusils (Das Mädchen und die Gangster) existiert sogar nur die Originalversion, was Nicht-Frankophile vor eine kleine Herausforderung setzt. Leider gibt es auch keinerlei Extras auf den DVDs, nicht einmal Bildergalerien.



Die Fahndung von Claude Lelouch | (C) Studio Hamburg Enterprises


Dennoch lohnt die Anschaffung der Boxen, denn die Filme sind Grund genug. Box 1 beginnt mit Lelouchs erstem, schwarz-weiß-Spielfilm von 1962, Die Fahndung (L’Amour avec des si), der im semi-dokumentarischen Stil mit damals revolutionärer Handkamera gedreht wurde. Dennoch sind bereits in diesem wie aus der Hüfte geschossenen wirkendem Thriller viele Merkmale von Lelouchs späteren Markenzeichen erkennbar: der manipulative Wechsel von subjektiver und betrachtender Kameraperspektive, das Hineinschneiden historischer Aufnahmen mitten in die Handlung und Spielereien mit Kamera-Techniken (z.B. signalisiert das Heranzoomen per Objektiv das Ein- und Ausatmen der Hauptfigur).

Die ersten Bilder sind kennzeichnend für die „auf Tatsachen“ beruhende, zugleich hochmanipulative Gestaltung des Films: Zu Beginn ist nur eine grobe Oberflächenstruktur zu sehen, die sich als Mauer entpuppt, von der ein unbekannter Mann herunterspringt. Als nächstes sehen wir einen Autofahrer (Guy Mairesse) am Steuer eines Wagens, der die aktuelle Warnung vor einem flüchtigen „Triebtäter“ und „Notzuchtverbrecher“ im Autoradio hört, während er durch die Nacht fährt. Er nimmt eine attraktive junge Anhalterin (Janine Magnan) mit, die von dieser Fahndung nichts weiß, aber selbst dann, als sie es erfährt, gegenüber dem Autofahrer recht unbefangen agiert und sich sogar zu den verlassenen Felsklippen der Normandie fahren lässt…

Zwischengeschnitten hat Lelouch authentische Straßeninterviews, bei denen Passanten zu den Themen sexuelle Nötigung, deren gesellschaftliche Einordnung und juristische Bestrafung befragt werden – was angesichts der #MeToo-Debatte einen unerwartet zeitlosen Bezug herstellt. Lelouch nutzt sowohl dramaturgische Kniffe wie auch Schnitt und Kameraästhetik, um Spannung zu erzeugen und den Zuschauer bis zum Schluss aufs Glatteis zu führen. Das an Originalschauplätzen und mit jazziger Musik untermalte Roadmovie erinnert in Tonalität und Tempo an Louis Malles fintenreichen Erstling Mord im Fahrpreis inbegriffen (Compartiment tueurs), der etwas später entstand (1964).

*

Auch in der Groteske Une fille et des fusils (Das Mädchen und die Gangster) über eine Gruppe junger, übermütiger Möchtegern-Krimineller, deren Vorbilder die cool posierenden Gangster- und Westernhelden aus Hollywoodfilmen sind, wird schon nach wenigen Szenen deutlich, dass Lelouch zu jenen Avantgardisten gehörte, die auf die Konventionen des Nachkriegskinos gepfiffen hatten – und dass man diese mutige, experimentierfreudige Herangehensweise heute sehr viel seltener antrifft. Der Film ist nur im Französischen Original vorhanden, aber da die meisten Szenen wie aus alten Slapstick-Filmen inszeniert sind, kann man auch mit (und sogar ohne) Schulfranzösisch den Sinn der Handlung verstehen.

Lelouch zeigt den drängenden Wunsch der Jüngeren jener Zeit (1965) nach Veränderung, nach mehr Liberalität und Anarchie im Alltag, aber auch deren Naivität und Machogebaren, welche ihnen letztlich zum Verhängnis werden. Die jugendliche Bande erkennt nicht rechtzeitig genug, dass Gewalt, selbst wenn sie ohne nötigen Ernst ausgeführt wird, kein Spiel ist, sondern Folgen hat. Der sozialistische Impuls der 1968er Generation ist in diesem Film nur ein Robin-Hood-Motiv, wie überhaupt alle Handlungen so wirken, als könnten die Anti-Helden nicht zwischen Film und Realität unterscheiden. Auch Lelouch treibt ein doppeltes Spiel, indem er alles wie eine Stummfilm-Groteske inszeniert, bei der es vor allem darum ging, dass alle ihren Spaß haben, bis alles ein bitteres Ende findet. Nur das taubstumme Mädchen (Janine Magnan), die Randfigur, entgeht dank weiblicher Umsicht dem Untergang.



Smic, Smac, Smoc von Claude Lelouch | (C) Studio Hamburg Enterprises


Smic, Smac, Smoc – Die Drei vom Trockendock (Smic, Smac, Smoc) von 1971 ist der schwächste aller acht DVD-Filme, obwohl bzw. weil er den dokumentarischsten Charakter hat und ohne besondere dramaturgische Höhepunkte recht zäh wirkt. Ausführlich zeigt Lelouch das Milieu der Dockarbeiter im Süden Frankreichs, deren Existenz von finanziellen Engpässen und strapaziöser, körperlicher Arbeit geprägt ist. Zwei jüngere und ein älterer Arbeiter haben sich zu einer WG zusammengetan, wo sie von einem besseren Leben träumen, in der die permanente Geldnot überwunden ist. Einer der beiden Jüngeren will heiraten und verlässt deshalb seine Schicksalsgefährten, die ihm nur kurz gram sind, sondern versuchen, ihm einen unvergesslichen Hochzeitstag zu bereiten.

Dafür schlägt vor allem der ältere Charles (Charakterdarsteller Charles Gérard) über die Stränge und verleitet die anderen zum Auto- und Benzinklau. Bei der Spritztour ins sündhaft teure St. Tropez gehen die Monatslöhne drauf, um zum Schein einmal Millionär zu sein. So charmant und authentisch die Story um die Möchtegern-Millionäre (und fast auch wieder Möchtegern-Gangster) gespielt wird, umso unterkomplex und einschichtig wirkt sie im Vergleich mit den anderen Lelouch-Filmen.



Ein glückliches Jahr von Claude Lelouch | (C) Studio Hamburg Enterprises


Bei Ein glückliches Jahr (La bonne année) von 1973 ist hingegen schon der Titel ironisch-doppelbödig. Und die Geschichte um einen raffinierten Juwelendieb (König des Understatements: Lino Ventura) und seinen etwas begriffsstutzigen Komplizen (wieder Charles Gérard), die noch einmal ein großes Ding durchziehen wollen, um ihr Dolce Vita in Luxushotels an der Côte d‘ Azur weiterführen zu können, bietet Essenzen aus verschiedenen Genres: den großen Coup für Krimifreunde, burleske Komödienanteile mit Wortwitz und Verkleidungen wie aus den Fantomas-Filmen mit Louis de Funés, eine Prise Gesellschaftskritik mit Breitseiten gegen die Bourgeoisie und nicht zuletzt eine bittersüße Romanze. Denn der abgeklärte, aber vereinsamte Gauner Simon (Ventura) verliebt sich in die Antiquitätenhändlerin Francoise (Lilo), die er zunächst nur als Mittel zum Zweck (des Einbruchs bei ihrem Nachbarn, dem Juwelier) nutzen will. Dann aber erträumt er sich eine Zukunft mit der Bürgerlichen, die eigentlich in besseren Kreisen als den seinen verkehrt.

Dass jedoch wird nicht der Grund sein, weswegen der selbstsichere Simon Fehler begehen und statt eines glücklichen Jahres ein anderes Schicksal erleiden wird. Lelouch nutzt hier u.a. eine Rahmenhandlung mit falschen Fährten wie auch die Liebesgeschichte als Nebenhandlung, um Erwartungshaltungen zu schüren und den Zuschauer elegant zu manipulieren. Die überzeugenden Darsteller und die authentischen Schauplätze wiegen die Schwächen einer bisweilen an die Grenzen des Absurden und der Schmonzette reichende Dramaturgie locker auf, die zudem sehr originell und kurzweilig ausfällt.


Max-Peter Heyne - 11. Januar 2018
ID 10464
4 Filme von Claude Lelouch (Box 1)
Anbieter: Studio Hamburg (Cinéma Classique)

- Die Fahndung (L’Amour avec des si), 80 Min, Schwarz-Weiß
- Une fille et des fusils (Das Mädchen und die Gangster), 100 Min, Schwarz-Weiß
- Smic, Smac, Smoc – Die Drei vom Trockendock (Smic, Smac, Smoc), 87 Min, Farbe
- Ein glückliches Jahr (La bonne année), 110 Min, Farbe


Bildformat: 4:3
Tonformat: Stereo
Sprache: Deutsch / Französisch
Keine Extras
FSK: ab 16 Jahren
Preis: 19,95 EUR
EAN: 4052912672680


Post an Max-Peter Heyne

DVD-Besprechungen

4 Filme von Claude Lelouch (Box 2)



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



 

FILM Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

BERLINALE

DOKUMENTARFILME

DVD

EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM
Reihe von Helga Fitzner

FERNSEHFILME

FEUILLETON
Beiträge zu Film und Festivals

INTERVIEWS

NEUES DEUTSCHES KINO

SPIELFILME

TATORT IM ERSTEN
Gesehen von Bobby King

UNSERE NEUE GESCHICHTE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal

 


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2018 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de