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BERLINALE 2026

Had fun,

didn´t die!

Eine Bilanz




Weder Wim Wenders noch andere Mitglieder der diesjährigen BERLINALE-Jury haben bei Events oder Pressekonferenzen etwas über den Bürgerkrieg im Sudan gesagt. Das ist bedauerlich, immerhin ist es nach Angaben von UN und internationalen Ärzteorganisationen mit über 40.000 Toten, darunter viele Kinder, und geschätzt bis zu 14 Millionen Flüchtlingen, die akut vom Hungertod bedroht sind, der derzeit weltweit blutigste Konflikt. Berichte finden sich zwar gelegentlich in deutschen Zeitungen, aber mediale Aufmerksamkeit sieht anders aus. Sie sieht aus wie der Streit über den Krieg der israelischen Armee gegen Hamas-Terroristen in Gaza, der auch das Leben vieler Unschuldiger kostet. Warum das eine häufiger viral geht als das andere, darüber kann man spekulieren. Vielleicht, weil die meisten west- und mittel-europäischen Staaten die sudanesischen Konfliktparteien nicht mit Waffen versorgen und "wir" Westler daher nicht direkt involviert sind. Vielleicht ist die Situation im Sudan aber schlicht noch unübersichtlicher als anderswo. Und auch Intellektuelle haben nur begrenzte Kapazitäten, sich um das Unrecht in der Welt zu kümmern.

Inzwischen herrscht unter ihnen allerdings ein Gruppendruck, dass sich ihresgleichen, also auch Filmschaffende, Festivalleiter*innen und Jurys, zum Thema Gaza ganz klar und unmissverständlich positionieren. Ansonsten gibt es böse offene Briefe wie den, den eine Reihe aktivistischer Künstler*innen an die BERLINALE-Leitung richtete, der eigentlich aber auf Wenders zielte. Der wird sehr wohl gewusst haben, warum er sich zu Beginn des Festivals zurückhielt. Was nämlich sonst passiert, konnte man am Ende miterleben, als pro-palästinensische, (zu Recht) preisprämierte Filmemacher die Chance nutzten, der Bundesregierung coram publicum Mitwirkung an einem Genozid in Gaza vorzuwerfen. Es könnte lachhaft sein, wenn das Hick-Hack nicht so traurig wäre. Zumindest verdeutlichte der neuerliche skandalöse Moment im Rahmen einer ansonsten harmonischen Preisverleihung, dass die Vorwürfe der Briefverfasser*innen, die BERLINALE-Leitung würde politische Äußerungen zensieren, ungerechter Unfug ist. Politische Statements tropfen insbesondere bei diesem Filmfest aus jedem Saal, von jeder Leinwand.

Die deplatzierten Vorwürfe der Aktivisten wurden natürlich nicht nur gedruckt, sondern flirrten tagelang durch die Sozialen Medien, was ihnen eine unverhältnismäßig große Bedeutung verlieh. Der gesamte Vorgang störte das Festivalgeschehen nur punktuell, illustrierte aber auf deprimierende Weise, dass ein Großteil der öffentlichen (gesellschafts-)politischen Kommunikation durch den unendlichen Mahlstrom der in den Sozialen Medien verbreiteten Plattitüden und Parolen bereits erodiert ist. An die Stelle argumentativen Austausches und besonnener Differenzierung tritt eine Unkultur aus unreflektierten, schnell rausgeschossenen Empörungen und Rechthabereien. Eine Unkultur, die offensichtlich auch jene erfasst, die es besser wissen und handhaben müssten, denn intellektueller als mit der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy geht es kaum noch. Aber auch sie als Hauptautorin des Offenen Briefes hat sich nicht etwa bei der Festivalleitung über Details erkundigt, warum was im fernen Berlin geschehen ist, sondern umgehend Mittrommler gesucht und auf die Pauke gehauen.

Wenn die bedauernswerte Tricia Tuttle genervt und verzweifelt war, so hat man ihr das nicht angesehen. Stoisch und ohne Öl ins Feuer zu gießen, hat sie die Misstöne ausgehalten und vernünftigerweise auf das gesetzt, was das Festival eigentlich ausmacht: die Filme und die Filmschaffenden.

*

Die Auswahl im Wettbewerb war erneut stilistisch und thematisch ausgesprochen vielfältig und insgesamt sehenswert. Vor allem: Wann immer ich einen Wettbewerbsfilm gesehen habe, langweilte ich mich nicht. Es gab immer etwas Inspirierendes, das die Aufmerksamkeit auch nach langen Tagen wachgehalten hat. Das war in den BERLINALE-Wettbewerben der vergangenen 40 Jahren beileibe nicht immer so; die Erinnerung an etliche Schlafattacken sind unvergessen. Auch die Filme und Serien, die als Specials präsentiert wurden, konnten sich sehen lassen und boten einen aufschlussreichen Querschnitt über das weltweite Filmschaffen. Die Abgrenzung des Hauptprogramms zu den Reihen Perspectives mit internationalen Entdeckungen und dem Panorama war allerdings äußerst fließend. Ausgerechnet Letzteres war in diesem Jahr sehr durchwachsen, und wenn einmal Perlen gesichtet wurden, dann waren die gleich so wertvoll, dass sich die Frage stellte, warum die Filme (Vier minus drei oder Paradise z.B.) nicht im Wettbewerb platziert waren.

Dass neben vielen Nachwuchskräften auch veritable Stars mit thematisch gewichtigen oder skurrilen Filmen den Weg ins tief winterliche Berlin wagten, spricht dafür, dass sie alle nach wie vor gerne auf ein aufmerksames und diskussionsfreudiges Publikum stoßen – und die BERLINALE unter Tuttle & Co auch angesichts offener Unkenrufe und widriger äußerer Umstände seine Anziehungskraft bewahrt hat. Die langen Schlangen an disziplinierten Zuschauer*innen, die sich brav um die Spielorte wickelten, bis der Einlass begann, waren ein neues Phänomen. Dass auch Nischenfilme fast immer ausverkauft sind, ist schöne Tradition. Sogar der Glamourfaktor funktionierte trotz Schnee und Regen, auch wenn Tricia Tuttle nicht gerade zur großen Geste neigt. Das größte Manko war der teils gespenstisch unattraktive Potsdamer Platz und die beschwerlichen Wege, die man durch ein von Pendel- und Ersatzverkehrsmitteln dominiertes, verdrecktes und durch Baustellen geschundenes Berlin zurücklegen musste. 30 Jahre nach der Wende muss unverdrossen renoviert werden. Dagegen sind die Baustellen der BERLINALE ein Witz!

Max-Peter Heyne - 23. Februar 2026 (2)
ID 15722
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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