PANORAMA
Paradise
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Bewertung:
Der Debütfilm des kanadischen Autorenfilmers Jérémy Comte zählt in diesem Jahr zu den überzeugendsten Beiträgen in einem insgesamt eher mäßigen Angebot in der BERLINALE-Reihe Panorama mit internationalen Premieren. Comte verknüpft auf intelligente Weise die Welten zweier junger Männer, die unterschiedlicher kaum sein können: Der ungestüme Kojo (Daniel Atsu Hukporti) wächst an der ghanaischen Küste allein mit seinem Vater auf, der mehr schlecht als recht seinen Lebensunterhalt als Fischer erwirbt. Im kanadischen Quebec wächst der Schüler Tony (Joey Boivin Desmeules) bei seiner alleinerziehenden Mutter Chantal (Evelyne de la Chenelière) auf. Wie alle jungen, spätpubertären Teenager verbindet auch Kojo und Tony, dass sie lieber mit ihren Freunden als mit ihren übriggebliebenen Elternteilen Zeit verbringen, weil sie gegenüber ihren Erziehungsberechtigten Geheimnisse haben, sich herumtreiben und sanfte Drogen konsumieren.
Eines Tages überschneiden sich die Schicksale der beiden jungen Männer, als der neue Freund von Tonys Mutter als Kapitän zur See vermeintlich einen schlimmen Schiffbruch erlitten hat. Die dramatische Situation, die der Verunglückte mit schwacher Stimme seiner weit entfernten, kanadischen Freundin schildert, ist jedoch ein Fake: Anstelle des echten Kapitäns hat sich bei der besorgten Lebensgefährtin nur seine von künstlicher Intelligenz nachgestaltete Stimme gemeldet. Chantal fällt auf die Geschichte des Schiffbruchs hinein und überweist viel Geld an eine Kontonummer, die sich im entfernten Ghana Kojo ausgedacht hat. Denn auch Kojos Situation hat sich verschlechtert, seit sein Vater nach einem Monsumsturm nicht mehr von See zurückgekehrt ist. Auf sich allein gestellt, schlägt Kojo mithilfe eines Paten eine Laufbahn als Mitglied in einer Bande von Kleinkriminellen ein.
Der auch bei uns schon seit Jahrzehnten bekannte Notfall-Trick, mit dem sich Menschen aus fernen Ländern Geld erschwindeln, hat dank raffinierter KI-Tools wie der Stimmennachbildung inzwischen neue Dimensionen erreicht, wie die entsetzte Chantal feststellen muss. Ihr Sohn Tony, dessen Erspartes dem Schwindel ebenfalls zum Opfer fiel, entschließt sich in einer Hauruckaktion den vorhandenen Spuren hinterher zu reisen und fliegt ohne Wissen seiner Mutter nach Ghana. In Accra fällt der blonde Teenager zwar auf wie ein bunter Hund, aber tatsächlich findet er zunächst Unterstützung der lokalen Polizei. Die muss aber rasch erkennen, dass die einzige Fährte zum Betrüger verwischt wurde, da das Smartphone, über das die Kontakte nach Kanada hergestellt wurden, inzwischen den Besitzer gewechselt hat.
Der energische Tony trifft schließlich doch noch auf den nicht minder rebellisch eingestellten Kojo, für den der weiße Nordamerikaner ein verwöhnter Erste-Welt-Repräsentant ist, den die typische Arroganz der Besitzenden herbeigetrieben hat. Die kurze, von gegenseitigem Misstrauen geprägte Kommunikation zwischen Tony und Kojo beschwört mitten im ghanaischen Dschungel eine Tragödie herauf. Mitverantwortlich sind retrospektiv auch die falschen Rücksichtnahmen der Elternteile gegenüber ihrem jeweiligen Nachwuchs, denen sie den Ernst der Lage nicht hinreichend geschildert haben. Verständlicherweise wollen auch die Eltern ihre Geheimnisse haben und ihre Kinder nicht mit jeder Krise über Gebühr beunruhigen.
Insofern ist der Film gleichzeitig als Metapher für eine digital-globalisierte, verzerrte Kommunikation zu interpretieren, die die bisher ohnehin oft gestörte Verständigung zwischen den Generationen und Nationen noch zusätzlich belastet. Neben der eleganten Inszenierung und dem wendungsreichen Drehbuch ist auch die eindrückliche Kameraarbeit und der hervorragende Cast hervorzuheben. Damit hätte der Film gut und gerne auch im Wettbewerb um die Bären seine Berechtigung gehabt.
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Paradise | (C) Entract Studios, Constellation Productions
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Max-Peter Heyne - 21. Februar 2026 ID 15711
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de
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