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Don´t Worry, He Won´t Get Far On Foot



Wer vor Kurzem den französischen Film Lieber Leben (Patients) gesehen hat, wird auf der BERLINALE ein Déjà-vu-Erlebnis gehabt haben: Denn der US-amerikanische Regisseur Gus van Sant (Good Will Hunting) legte mit Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot eine schwarze Komödie vor, die nicht nur das gleiche Thema hat – ein Querschnittgelähmter versucht, zurück zur Lebensfreude zu finden –, sondern auch einen ähnlichen Tonfall anschlägt. In beiden Filmen geht es um junge Männer, die nicht an ihrem Schicksal verzweifeln wollen, sondern einen Weg suchen, trotz ihrer Lähmung ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen. Und ebenso wie Lieber Leben basiert auch Don’t Worry, He Won’t Get Far On Foot auf einem realen Fall, nämlich der Lebensgeschichte des Karikaturisten John Callahan (1951–2010).

Im Unterschied zu seinem französischen Leidensgenossen war John Callahan schon vor dem verhängnisvollen Autounfall gewissermaßen eine gebrochene Existenz, nämlich Alkoholiker. Gus van Sant zeigt einen heruntergekommenen Hippie (grandios: Joaquin Phoenix) ohne rechtes Lebensziel, der den Griff zu Hochprozentigem gleich nach dem Aufstehen nötig hat. Wie alle Schwerstabhängige versucht John, die fatale Sucht vor anderen und sich selbst zu verheimlichen und zu verharmlosen. Eine exzessive Sauftour mit einem Kumpel (Jack Black) führt schließlich zu dem fatalen Unfall.

Aber selbst nach dem Verlust der Gehfähigkeit hängt Callahan weiter an der Flasche, bis er den Mut fasst die örtliche Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker aufzusuchen. Zwar empfindet der zum Zynismus neigende Callahan manche Sitzung als nervig. Aber nach und nach helfen ihm die anderen Gruppenteilnehmer (gespielt u.a. von den Musikerinnen Beth Dito von der Gruppe Gossip und Kim Gordon von Sonic Youth sowie dem deutschen Kultstar Udo Kier), vor allem aber der exzentrische Gruppenleiter Donny (ein rührender Jonah Hill), sich vom Alkohol loszusagen. Dabei muss John vor allem sein Trauma und sein Selbstmitleid verarbeiten, die daher rühren, dass er als Säugling von seiner leiblichen Mutter zur Adoption freigegeben wurde und sie nie kennenlernen konnte.

Gus van Sant erzählt diese Entwicklung im ersten Drittel des Films nicht linear, sondern als komplexe Montage, die mehrere Zeitebenen durch Rückblenden miteinander verschachteltet. Dramaturgisch ist das nicht nur eine attraktive, zum Mitdenken anregende Form, sondern auch eine, die das unstete Leben des Protagonisten, der sowohl vor als auch nach seinem Unfall emotionale Extremsituationen erlebt, adäquat wiederspiegelt. Das Zeitkolorit der Hippieära der 1970er Jahre haben van Sant und sein Set Designer Jahmin Assa sehr gut nachempfunden. Eine Zeit, in der in linken Kreisen nicht nur Sex und Drogen enttabuisiert wurden, sondern in der Barrierefreiheit als Vokabel noch nicht existierte und Menschen mit Handicaps noch stärker benachteiligt waren als heute.

Nachdem John sich an den Rollstuhl gewöhnt hat und eine Weile trocken ist, wird er zufällig dazu inspiriert, seinen bitteren Galgenhumor zu seiner Profession zu machen, indem er Cartoons zeichnet. Obgleich John auch seine Arme und Hände nur schwer bewegen kann, gelingen ihm mit zittrigem Strich gezeichnete Karikaturen, in denen er sich ohne Angst vor falschen Rücksichtnahmen – heute würde man sagen: politische Korrektheit – auch über die Schicksale von Behinderten lustig macht. Obwohl Johns Talent zu hintersinnigen und absurden Cartoons, die an den Humor der Monty Python-Truppe erinnert, von manchen Redakteuren geschätzt wird, verläuft seine Karriere nicht steil nach oben – wir schreiben die 70er, in denen trotz Liberalisierung vieler Lebensbereiche in Sachen Spaß noch nicht alles verstanden wurde.

Der Film lebt - wie sein französisches Pendant - trotz des schweren Themas von vielen optimistischen und heiteren Momenten, die bisweilen ebenso sarkastisch ausfallen wie die Karikaturen Callahans. Dass für den Zuschauer immer wieder auch erfahrbar wird, welche Probleme Alkoholiker und Rollstuhlfahrer in unserer Gesellschaft haben, verdankt der Film in erster Linie der bravourösen Leistung Joaquin Phoenix‘, der allen Anspruch auf den Silbernen Bären als Bester Darsteller des diesjährigen Wettbewerbs hat.

Bewertung:    



Don´t Worry, He Won´t Get Far On Foot | (C) AmazonContent/Scott Patrick Green

Max-Peter Heyne - 24. Februar 2018
ID 10552
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


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