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Französisches Kino

Von 100

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Als die wunderbare, lebenskluge Tragikomödie Lieber leben kürzlich als Abschlussfilm auf der Französischen Filmwoche Berlin präsentiert wurde, war ich einmal mehr über mein eingerostetes Schulfranzösisch enttäuscht. Wenn von „Grand Corps Malade“ (Großer, kranker Körper) die Rede war, musste doch wohl die Pariser Produktionsfirma des Regieduos gemeint sein, die sich frohgelaunt den Zuschauern präsentierten. Erst bei der späteren Lektüre der Informationen stellte ich fest, dass ich mich keineswegs verhört hatte: Grand Corps Malade hat sich einer der beiden Regisseure als Künstlernamen zugelegt. Denn die Geschichte eines jungen Mannes, der nach einem Badeunfall vorübergehend mit einer Querschnittlähmung zurechtkommen muss, ist die des Ko-Regisseurs. Wie Grand Corps Malade beim Publikumsgespräch betonte, hat er alle Situationen, die im Film beschrieben sind, am eigenen Leibe erlebt und auch alle Figuren, die im Film auftauchen, gab oder gibt es tatsächlich. Lieber leben ist daher ein überzeugender Beweis dafür, dass das Leben die besten Geschichten schreibt, zumindest wenn man einer emotionalen, aber unsentimental erzählten Story, die nicht ständig auf die Tränendrüsen der Zuschauer abzielt, Gefallen findet.

Der Originaltitel Patients ist ein Wortspiel, da es im Französischen sowohl Patienten meinen kann, aber auch Geduld – die man als Querschnittgelähmter bei der Bewältigung des Alltags in erster Linie aufbringen muss. Die Regisseure Malade und Mehdi Idir nötigen das Publikum in den ersten Szenen in die Position von Benjamin, genannt Ben (grandios: Pablo Pauly), der mit verschwommenem Blick nur Menschen in weißen Kitteln, mitleidigen Gesichtern und Deckenleuchten zu sehen bekommt. Nach und nach macht der an sich lebensfrohe und sportliche Ben, der über ein lockeres Mundwerk und rotzigen Humor verfügt, nun aber hilfsbedürftig im Bett liegend verharren muss, Bekanntschaft mit: einem unablässig frohgelaunten Pfleger, einer robusten Krankenschwester, einem engagierten Therapeuten und einer Handvoll Schicksalsgenossen, deren Lebensumfeld sich auf die Reha-Klinik und jene Wege beschränkt, die sie mit ihren Rollstühlen zurückzulegen vermögen.

Da ist der herzensgute, immer um Optimismus bemühte Farid (Soufiane Guerrab), der wegen seiner zunehmenden Verbitterung unberechenbare Steven (Franck Falise) und der wasserscheue, resignative Toussaint (Moussa Mansaly), der Waise und afrikanischer Herkunft ist. Sie alle versuchen, mit einer Portion Galgenhumor und solidarischem Miteinander ihr schweres Los in den Griff zu bekommen, was aber umso schwerer fällt, je geringer die Fortschritte bei der Genesung ausfallen. Fortschritte ist im wörtlichen Sinne gemeint, denn jede kleine Bewegung mit Fingern, Händen oder gar Beinen wirkt wie ein Schritt bei der Eroberung fremder Welten, eröffnet die – manchmal vage – Aussicht, nicht bis zum Tode pflege- oder hilfsbedürftig zu sein.

Später kommt noch eine ebenso schöne wie resolute Schicksalsgenossin, Samia (Nailia Harzoune), hinzu, von der Ben sich vom ersten Moment an sehr angezogen fühlt und die seine Zuneigung auch erwidert. Doch abgesehen von den Problemen, die Flirtende in einer Reha-Klinik zu bewältigen haben (soziale Kontrolle, eingeschränkte Intimsphäre), befallen Ben ungewohnte Hemmungen, als er die Hintergründe erfährt, die zu Samias Behinderung geführt haben.

Den beiden Drehbuchautoren Grand Corps Malade und Fadette Drouard und dem Regie-Duo Malade-Idir ist nicht nur eine ausgewogene Mischung aus heiteren und ernsten, dramatischen und absurden Momenten gelungen. Vor allem gelingt es ihnen erstaunlich gut, trotz der dramaturgischen Verdichtung des Genesungsverlaufes der Hauptfigur Ben, die der gesunde Pablo Pauly sehr überzeugend verkörpert, die Entschleunigung eines Lebens und den langsamen, bisweilen zähen Kampf um jedes bisschen Mehr an Bewegung und Unabhängigkeit. Dass sogar in der Klinik gedreht wurde, in der Regisseur Grand Corps Malade nach seinem Unfall behandelt wurde, trägt zusammen mit den vielen, auf eigenem Erleben beruhenden Details zur besonderen Authentizität der Filmhandlung bei. Zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass die meisten Leidensgenossen von Ben, der zwar unter Qualen seine Ambitionen als Profisportler aufgeben muss, aber das Laufen wieder erlernt, solche Genesungsfortschritte nicht erleben konnten. Diese tragische Dimension kann der Film zwar nur ansatzweise vermitteln. Ansonsten aber ist er ein seltenes Beispiel einer humorvoll und mitfühlend erzählten, ernsten Geschichte, die mitten aus dem Leben gegriffen ist.



Lieber leben | (C) Neue Visionen Filmverleih

Max-Peter Heyne - 16. Dezember 2017
ID 10427
Weitere Infos siehe auch: http://www.lieberleben-film.de


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