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BERLINALE

BILANZ

Zero Days /
Quand on a 17 ans



Berlinale-Bilanz:

Goldbär okay, Wettbewerb okay, was will man mehr? Bessere Juryentscheidungen!

Die Berlinale 2016 wird in guter Erinnerung bleiben. Vor allem, weil der Wettbewerb, der nun einmal das Kernstück der größten Kulturveranstaltung Deutschlands ist. Flieht man dort wegen langweiligen oder steif inszenierten Beiträgen aus dem Kinosaal – wie vor vier, fünf Jahren häufig geschehen – ist die Stimmung einfach im Keller. In den anderen Sektionen Panorama, Forum oder Perspektive Deutsches Kino sind Totalausfälle auch grässlich, werden aber schneller abgehakt. In diesem Jahr habe ich mich nur einmal (im Forum wegen des US-Independentfilms Fantastic, der in fast 90 Minuten nichts zu sagen hat) wirklich geärgert. Da habe ich in über 30 Jahren schon deutlich schlimmere Bilanzen ziehen müssen.

In politisch bewegten Zeiten, in denen in vielen Ländern populistische, offen rassistische Politiker wie die Rattenfänger Erfolge feiern können, wirkt ein internationales, für alle Themen offenes Ereignis wie die Berlinale umso bedeutender. Aber eigentlich müsste sie derzeit in Sachsen stattfinden und nicht in der Hauptstadt, wo ein liberales, weltoffenes Klima ohnehin verankert ist. Die Verständigungsprobleme, die zwischen humanistisch fühlenden und demokratisch denkenden Menschen und den anderen herrschen, die sich Eigenhass, Ignoranz und Missgunst hingeben, spielten auf dem Festival keine große Rolle. Flüchtlinge konnten zusammen mit den kosmopolitischen Filmschaffenden Vorstellungen besuchen. Brennende Heime, geschlossene Grenzen – all das schien weit weg.

Insofern ist es nicht nur legitim, sondern auch wichtig, dass der einzige Film im Wettbewerb, der sich direkt mit der Flüchtlingstragödie beschäftigte, Fuocoammare (Fire At Sea) den Goldenen Bären 2016 erhielt. Zumal diese Entscheidung nicht nur politisch, sondern auch aus künstlerischen Gründen gerechtfertigt ist. Selten waren so eindringliche Bilder einer Rettungsaktion im Mittelmeer zu sehen wie bei Regisseur und Kameramann Gianfranco Rosi. Allerdings muss auch hinzugefügt werden, dass Rosis dramaturgisches Konzept nur bedingt aufgeht. Etwas mehr Aufschluss darüber, was mit den Flüchtlingen passiert, die es nach Lampedusa schaffen oder wie die Behörden mit der Dauerüberforderung umgehen, hätte ich mir schon gewünscht.

Was die Vergabe der anderen, Silbernen Bären betrifft, kann ich mir kein ganz vollständiges Urteil erlauben, da ich nicht den gesamten Wettbewerb sehen konnte. Der Schauspielerinnenpreis an die immer überzeugende Dänin Trine Dyrholm (für ihre Rolle als Kommunardin im dänischen Beitrag Kollektivet (Das Kollektiv) findet mein großes Wohlwollen – was wäre das europäische Kino ohne diese wunderbare Trine? Dass aber insbesondere Filme von der Jury prämiert wurden, die von mehreren Kollegen und Kolleginnen – auch englischen und amerikanischen Kritikern – als ambitioniert, aber misslungen bezeichnet wurden, wirkt schon eigenartig.

Der bereits mit einem Oscar für den besten ausländischen Film und einem Silbernen Bären prämierte bosnische Regisseur Danis Tanovic erhielt für seinen neuen Spielfilm Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo) den Großen Preis der Jury, quasi den zweiten Platz. Obwohl viele Kritiker wie z.B. im Magazin The Hollywood Reporter Tanovics Verfilmung des Theaterstücks Hotel Sarajevo des französischen Philosophen und Schriftstellers Bernard-Henri Levy als wenig inspirierte, undramatische Lappalie empfanden. Und ausgerechnet der polnische Spielfilm Zjednoczone stany miłości (United States of Love) von Tomasz Wasilewski, der in den Berliner Tageszeitungen und bei Spiegel Online wegen seiner vielen, leidenden Frauenfiguren als unglaubwürdig und sogar „frauenfeindlich“ gebrandmarkt wurde, erhielt den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch.

Umgekehrt wundert es, welche emotional packenden und künstlerisch tadellosen Filme von der siebenköpfigen Jury unter Vorsitz von Meryl Streep nicht ausgezeichnet wurden: Das betrifft auch den deutschen Beitrag 24 Wochen, dem es als einem der wenigen gelang, die Zuschauer über die Identifikation mit dem betroffenen Paar immer stärker in die Handlung hineinzuziehen. Auch der zweite Dokumentarfilm im Wettbewerb, Zero Days, hätte durchaus einen Preis verdient.


* * *

Der US-Regisseur Alex Gibney, der schon einen Dokumentarfilm-Oscar besitzt (2007 für Taxi To The Dark Side) und mit We Steal Secrets 2011 den ersten Film über Wikileaks-Gründers Julian Assange filmte, rollt in seinem neuen Film die Geschichte eines der mysteriösesten Computerviren auf: Stuxnet. Mit der gewohnten Hartnäckigkeit recherchierte Gibney zusammen mit einem Reporter der New York Times bei Computerexperten, aktiven und ausgeschiedenen Mitarbeitern von CIA und Mossad und Außenpolitikern der USA und Israel, wie es zu der Entwicklung und dem Einsatz des Stuxnet-Virus kam. Offenkundig wurde der hochspezialisierte Wurm auf Betreiben der US-Geheimdienste unter den Regierungen von George W. Bush, aber auch Barack Obama, programmiert, um einen Krieg zwischen Israel und dem Iran zu verhindern und um die iranische Führung unter Druck zu setzen, sich wieder an den internationalen Verhandlungen zur friedlichen Nutzung der Atomenergie im Iran zu beteiligen. Stuxnet war ein so ausgetüftelter Virus, dass er gezielt die Überwachungscomputer und damit auch die physische Beschaffenheit der iranischen Uranspaltungsanlagen zerstören konnte.

Der extrem aggressive Virus wurde aber in veränderter Form – laut Gibneys Recherchen auf Drängen der israelischen Regierung – auch dann noch eingesetzt, als die Decodierung bereits möglich war. So fiel Stuxnet der Gegenseite in die Hände und multiplizierte sich in Varianten über unzählige PCs mit Microsoft-Programmen in aller Welt. Die Büchse der Pandora für zukünftige Cyberkriege öffnete sich. Wie Gibney darstellt, investieren die US-Geheimdienste bereits Milliardenbeträge in ihre Nerds und Systeme, um solche Cyberkriege erfolgreich führen zu können. Wir wissen längst, dass kriminelle Hackerbanden oder autoritäre Regierungen sich regelmäßig gezielt in die Computersysteme von ausländischen Konzernen oder Behörden einhacken. Aber dass inzwischen auch die Möglichkeit besteht, z.B. die computergesteuerte Energieversorgung einer anderen Nation zu beeinflussen, ist keine Science-Fiction mehr, so Gibney. Zero Days offeriert eine kleine, optimistischen Perspektive: Große Staaten könnten den bisher versteckt und unkontrolliert geführten Cyberkrieg durch eine internationale Übereinkunft eindämmen, so wie es bei chemischen und atomaren Waffen geschehen ist. Derzeit aber scheinen die Möglichkeiten des digitalen Kalten Kriegs allen Seiten noch zu verführerisch, um ihn bändigen zu wollen.






Zero Days | (C) Berlinale


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Auch der neue Film des französischen Altmeisters André Téchiné, Quand on a 17 ans (Being 17) bekam von der Jury trotz herausragender darstellerischen Leistungen und einfühlsamer, origineller Regieführung leider keinen Preis. Nouvelle Vague-Veteran Téchiné (72), von dem leider seit Diebe der Nacht (1996) nur wenige Filme in die deutschen Kinos gelangten, führt den Zuschauer in die herrliche Gegen der südfranzösischen Pyrenäen. Inmitten der prächtigen Panoramen von Bergen und Tälern erzählt Quand on a 17 ans in drei großen Abschnitten vom sehr wechselhaften Verhältnis zwischen zwei pubertierenden Schülern: dem in großbürgerlichen, städtischen Verhältnissen lebenden Damien (Frankreichs "Shooting Star" der Berlinale 2016: Kacey Mottet Klein) und dem farbigen, von einer französischen Bauernfamilie adoptierten Tom (Corentin Fila), der auf dem Hof seiner Familie wohnt, der drei Stunden vom Tal entfernt in den Bergen liegt.

Der missgünstige, von innerer Unzufriedenheit geplagte Tom mobbt Damien, was in der Folge zu mehreren Handgreiflichkeiten und Feindseligkeiten führt, die schließlich auch den Schuldirektor auf dem Plan rufen. Damiens Mutter Marianne, eine idealistische Ärztin (die gertenschlanke Sandrine Kiberlain) verdonnert Damien dazu, sich mit Tom zu vertragen. Außerdem bietet sie Tom und dessen Eltern an, dass Tom eine Weile bei ihnen im Haus in der Stadt wohnen kann – auch deshalb, wie wir als Zuschauer wissen, weil Marianne Tom sexuell attraktiv findet. Doch dass sich wohlmöglich zwischen Marianne und Tom eine Beziehung entwickelt und deshalb die Aggressionen zwischen den ungleichen Schülern zusätzliche Nahrung erhalten, ist eine der vielen unzutreffenden Erwartungen, die André Téchiné mit seiner Geschichte schürt. Stattdessen bahnt sich eine schwule Liebesgeschichte an, deren Verlauf allerdings etliche Umwege verkraften muss, bevor sie sich die beiden Protagonisten ihre Gefühle füreinander sich und anderen einzugestehen vermögen.






Being 17 | (C) Luc Roux


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Sicher ist Téchinés Wettbewerbsbeitrag [s.o.] kein Meisterwerk, aber die Story (eine Mitsiebzigers über das Coming Out bei jungen Leuten!), die Schauspieler und vor allem die souveräne Regie hätten mehr Beachtung der Jury verdient. Meryl Streep, Lars Eidinger, Clive Owen, Alba Rohrwacher und die anderen nicht-schauspielenden Jurymitglieder haben sich stattdessen nahezu durchgehend dafür entschieden, Filmen mit unpopulären Themen und unpopulärer Machart die Silbernen Bären zu verleihen. Dahinter mag eine Strategie stecken, den Beiträgen, die wahrscheinlich nie den Weg in den Kinoalltag schaffen werden, wenigstens zur Preisverleihung etwas Aufmerksamkeit zu verschaffen. Alles, was auch nur ansatzweise konventionell strukturiert oder zuschauerfreundlich erzählt wurde (wie z.B. die meisten amerikanischen und europäischen Beiträge), ließen sie Streep und Co leer ausgehen.

Insofern hätten auch die beiden sehr skurrilen, amüsant-unterhaltsamen, aber konventionell erzählten belgisch-französischen Koproduktionen, Saint Amour (für den Gérard Dépardieu an die Spree gereist war) und Des nouvelles de la planète Mars (News from planet Mars) auch keine Chance auf Preise gehabt, wenn sie im Wettbewerb in der Konkurrenz gezeigt worden wären. Tröstlich ist aber, dass die Filme außerhalb der Konkurrenz und in den Berlinale Special-Galas nicht durchgängig besser gewesen sind als die innerhalb des Wettbewerbs, wie es leider in den vergangenen Jahren der Fall war. Berücksichtigt man noch die vielen interessanten Beiträge in den anderen Sektionen, bleibt die Berlinale das abwechslungsreichste Festival der Welt. Das Wetter war gottlob nicht so vielseitig, sondern mühte sich um Trockenheit. Auch das war schön in 2016.
Max-Peter Heyne - 22. Februar 2016
ID 9162
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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