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Kulturspaziergang

Riga

im Herbst



Foto (C) Edward John Semon


Riga im Herbst kann ganz schön kalt sein. Als wir letzten Monat ein paar Tage in der lettischen Hauptstadt weilten, fühlten wir die einstelligen Celsiuswerte (an die 10 Grad Unterschied zum eine Zeitzone westlich gelegenen Berlin) als schier klamottendurchbeißenden Angriff. Draußen war es zwar schön sonnig, dafür allerdings sehr trocken; ja und trock'ne Kälte hat halt Biss - doch nein! rein wettermäßig gab es nichts zu klagen, so ein gleißend-helles Licht unter 'nem bilderbuchhaft-blauen Himmel: Solch eine Oktober-Stimmung findest du dann "bei uns" allenthalben an den Küsten oder in den Bergen, aber sonst wohl kaum...

Die Altstadt liegt idyllisch, und zu Fuß ist sie in weniger als zwei oder drei Stunden zu durchschlendern - je nachdem, von wo aus du dich bis wohin bewegst. Man hat sehr schnell die Übersicht. Im Zentrum gibt es kleinere Hotels, in denen man sehr atmosphärisch (und auch günstig) übernachten kann. Das Angebot - v.a. fern der Endloslichtzeiten um die Mittsommernacht - ist freilich größer als im Sommer, und entsprechend "kleiner" werden/sind die Übernachtungsentgelte. Zudem locken diverse Billigflieger mit fast unanständig tiefen Ticketpreisen. Lettland und die anderen zwei Baltenrepubliken sind EU-Mitglieder, und man zahlt mit Euro. In den Kneipen oder Restaurants ist Biergenuss und/oder Essengehen überwiegend teuer; es gibt freilich Ausnahmen, Insider-Tipps (Studentenkneipen mit Musik z.B.) müssen vorab dann im Internet entdeckt werden - - aber wer sucht, der findet.

Man hört Lettisch oder Russisch auf den Straßen, in den Läden oder anderswo. Und wenn du zufällig mit Russen (ältere Semester sprechen tatsächlich noch etwas Deutsch, was sie als Kinder oder Jugendliche in den UdSSR-Schulen zu lernen hatten) ins Gespräch kommst, werden sie dir, wie auf Knopfdruck, irgendwann dann sagen, dass sie für die Letten halt "nur Okkupanten" wären oder so. Sie fühlen sich, wenn du sie darauf ansprichst, irgendwie gedemütigt mit ihrem Jetzt-Status. "Der hohe Anteil russischsprachiger Einwohner Lettlands", schreibt Wikipedia, "beruht vor allem auf der zu Zeiten der sowjetischen Okkupation von 1944 bis 1990/1991 von der Regierung der UdSSR gesteuerten Zuwanderung aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere von Russen". Zu der vielfältigen Ethnie dieser erst 1991 wieder unabhängig gewordenen Republik (von ihr sonach als lettische Einwohner, die "Nichtbürger" sind, statistisch erfasst) zählen dann auch noch Weißrussen und Ukrainer, Polen, Litauer, Tataren, Juden und noch andere - zusammen sind das (nach der letzten statistischen Erhebung v. 1. 7. 2016) in Zahlen: 247.104.

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Lettisches Selbstbewusstein

Der vom US-amerikanischen Architekten Gunnar Birkerts entworfene Neubau der Lettischen Nationalbibliothek [worüber Iemūrētie, eine Oper von Ēriks Ešenvalds handelt!] ragt wie ein pyramidaler Glasberg am anderen Ufer der Daugava hervor. Er ist als öffentlicher Raum, zu dem auch "Nichtleser" bzw. "Nichtbelesene" freien und kostenlosen Zutritt haben, konzipiert. Diese aufs strikt Barrierelose ausgerichtete Idee scheint uns genial gelungen und (wie wir uns überzeugen konnten) absolut zu funktionier'n. Sage und schreibe drei bis vier Stunden taten wir diesen lichtschwangeren Riesenbau quasi von unten bis nach oben nach und nach erkunden und bestaunten seine allgemeine Leichtigkeit und unbedingte Helle. Es ist quasi alles offen da, was so ein Wissen in sich speichernder Benutzertempel braucht, und außer jeder Menge Bücher in den vielen Lesesälen, wo dann keiner wie der andre aussieht, kannst du auch dann an bereitstehenden Rechnern arbeiten oder auch unter Kopfhörern Musik und Leserstimmen lauschen oder Videofilme sehen usw. usf.; unten gibt es eine Kantine und ein Café... Ja, gelebte Zeit vergeht hier ausgeglichen und doch gleichsam wie im Flug.



Die Lettischer Nationalbibliothek in Riga | Foto (C) Edward John Semon


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Die Letten und der Holocaust

Das Rīgas geto muzejs bringt uns in eindrücklicher und betroffen machender Intensität das Rigaer Ghetto und den Holocaust in Lettland in Erinnerung.


"Die ersten Juden siedelten sich im 17. Jahrhundert in Riga an. Trotz mehrfacher Vertreibungen wuchs die Stadt zum politischen und kulturellen Zentrum der lettischen Juden heran. 1935 betrug der jüdische Anteil an der Stadtbevölkerung 11 % (43.000 Personen); etwa die Hälfte der lettischen Juden lebte in Riga. Es gab ein jüdisches Theater, jüdische Schulen und Krankenhäuser und drei jiddische Tageszeitungen. Auch die Deutschen waren eine Minderheit in Lettland, und in der demokratischen Zeit der Unabhängigkeit Lettlands zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kam es häufig zur Zusammenarbeit zwischen Juden und Deutschen.

Nach dem Geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts 1939 sollte Lettland unter sowjetischen Einfluss kommen, und die deutsche Regierung siedelte präventiv etwa 50.000 Deutschbalten ins Reich um, die meisten davon ins ehemals polnische Wartheland. Im Sommer 1940 besetzten Truppen der Sowjetunion Riga und begannen im Winter mit Deportationen der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes. Zwischen dem 13. und 19. Juni 1941 kam es zur Verschleppung mehrerer tausend Juden aus Lettland in sowjetische Lager; zumeist handelte es sich dabei um Angehörige jüdischer Organisationen und Zionisten. Der sowjetische Diktator Josef Stalin wollte damit vermutlich auch die Situation Hitler gegenüber entspannen: Eine Belassung der Nationalisten und Juden im Baltikum hätte als Provokation missverstanden und als Kriegsvorwand dienen können."
(Quelle: Wikipedia)



Die Nationalsozialisten nutzten das Rigaer Ghetto zunächst als Arbeitslager, später diente es als "Umschlagplatz" zu den Vernichtungsstätten. Etwa 25.000 deutsche Juden wurden nach hierher und weiter (nach Auschwitz) deportiert. Kaum jemand überlebte.

Das in der sog. Moskauer Vorstadt und an der Grenze des ehemaligen Rigaer Ghettos gelegene Museum gibt es seit 2010. Großflächige Schrifttafeln weisen, nach Herkunftsstädten sortiert, sämtliche Namen aller hierher deportierten deutschen Juden aus. Jeweils am Ende dieser Aufzählungen stehen dann die wenigen, die die Vernichtungslager lebend überstanden hatten; es sind verschwindend wenige.



Auf dem Freigelände des Rīgas geto muzejs| Foto (C) Edward John Semon


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Ostseefeeling, lettisch

Was Warnemünde für die Rostocker ist für die Stadtbevölkerung von Riga der ca. 20 Kilometer von der lettischen Hauptstadt entfernte Nationalpark Jūrmala mit seinen malerischen Küstenstädtchen. Mit dem Zug gelangt man (für 1,40 Euro pro Person) in etwa einer halben Stunde dort hinauf - also direkt zur Ostsee. Das ist quasi Rigas Lunge und sein sommerliches Fluchtortdomizil. Der kilometerlange Strand erstreckt sich weit und fühlt sich fest unter den Schuhen an; du sinkst also nicht in ihn ein, sondern kannst schnell und zügig auf und ab gehen.

Jūrmala hat, außer Natur und Sand und Meer, auch jede Menge anders Sehenswertes noch zu bieten. So gibt es zum Beispiel den fast futuristisch anmutenden Kunstbahnhof in Dubulti; d.h. die Bahnstation dient gleichsam als Bahnticket-/Wartehalle wie als Galerie, in der man sich die (Warte-) Zeit mit Kunst-Betrachtungen verkürzen kann. Die lettische Malerin Džemma Skulme hat hier (noch bis 13. November) neue Bilder von sich hängen.

In den anderen Kleinstädtchen (wie Kemeri, Sloka oder Tukums) wird man außerdem noch jeder Menge Ein- und Mehrfamilienhäuser, Villen und beinahe wie Paläste aussehender Feriendomizile angesichtig. Irgendwie scheint hier ein Bau-Boom für eine doch zahlungskräftigere Klientel (als man sie herkömmlicher Weise kennt) zu existieren. Den Gerüchten nach sollen zig Olligarchen oder Ölmagnaten, wohl auch aus dem fernen Russland, ihre Gelder hier in Immobilien angelegt haben. Kyrillisches ist jedenfalls dort auf sehr vielen Absperrschildern lesbar.



Der Kunst-Bahnhof von Dubulti (Jūrmala) | Foto (C) Edward John Semon


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Und als schönes Mitbringsel empfehlen wir natürlich den Black Balsam, einen über 40prozentigen Rigaer Kräuterlikör - schlechthin das "Nationalgetränk" der Letten. Schmeckt und dreht, ja: Wohl bekomm's!!


Andre Sokolowski - 1. November 2016
ID 9653
Für die informelle (Wegbeschreibungen, Karten etc.) sowie sachdienliche Reisevorbereitung wurde auf die Riga-Reiseführer von DuMont direkt sowie Polyglott on tour zurückgegriffen.

Weitere Infos siehe auch: https://www.liveriga.com/de/


http://www.andre-sokolowski.de

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