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Tanztheater

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Egon Madsen gehört zu jenen Stars aus John Crankos Balletttruppe, denen die Fans die Treue über den Tod des Meisters und über das Alter hinaus, in dem man gemeinhin tanzt (der Ausnahmetänzer Merce Cunningham hat diese Regel bravourös durchbrochen), die Treue halten. Die Treue hält ihm auch Eric Gauthier, der ihn regelmäßig ins Theaterhaus einlädt. Diesmal beschäftigt sich der 77jährige Däne nach seiner bejubelten Verkörperung von Don Quijote mit dem alten Mann der Weltliteratur par excellence, mit König Lear. Die Choreographie schrieb ihm der Italiener Mauro Bigonzetti auf den Leib. Dass Figur und Darsteller eine Einheit bilden sollen, signalisiert bereits der Titel des Abends: EGON king MADSEN lear.

Tanz ist, was man zu sehen bekommt, nur bedingt. Die Ankündigung spricht von „Tanztheater“. Richtiger wäre: Pantomime mit getanzten und gesprochenen Einlagen. Die Bühne von Carlo Cerri zeigt eine Rumpelkammer mit Kisten (Aufschrift: „zerbrechlich“), Koffern, Tonbandgeräten, Überresten einer Rüstung. In der Mitte steht ein Thron. Zu Beginn stellt Lear die Frage: „Wer bin ich?“ Aus den Magnetofonen ertönen wenige Sätze der Figuren, die hier nicht auftreten, und von Lear selbst. Eine Tochter des malträtierten Königs erklärt: „Alte Leute sind wie Kinder, und Kinder, wenn sie frech sind, muss man schlagen.“ Madsen-Lear setzt sich wie zur Antwort eine Krone auf, um zu demonstrieren, wer er noch zu sein hofft. Lears Bademantel mit wulstigem Schalkragen – Kostüme: Gudrun Schretzmeier –, der zugleich an einen Königsmantel und an eine irische Strickjacke erinnert, wird zur Fessel und zur Peitsche, mit der sich der Unglückliche geißelt.

Sein eigentlicher Partner ist das Licht. Aber das wird so exzessiv eingesetzt, dass die Hell-Dunkel-Tricksereien die Figur, für die wir uns interessieren sollen, gelegentlich auszublenden scheinen. Die Musik tut ein Übriges zur Fragmentarisierung der nur einstündigen Performance. Sehen wir der Wahrheit ins Auge: Egon Madsen könnte auch das Telefonbuch aufsagen, er bekäme in Stuttgart Standing Ovations. Sein King Lear ist eine minimalistische Studie über das Alter. Die Fülle von Shakespeares Tragödie fehlt hier wie das Panorama von Gegen- und Parallelfiguren, wie die drei Töchter Goneril, Regan und Cordelia, wie Gloucester und seine Söhne, wie der Narr, die der Titelfigur erst ihre Größe und dem Stück seinen noch nach Jahrhunderten wirksamen Schrecken verleihen.

Nun kann man mit Reduktionen experimentieren, aus einem Stoff den Kern herausarbeiten und ihn von allem Fleisch befreien. Dafür gibt es gelungene Beispiele. Einigermaßen überraschend allerdings mutet es an, wenn der Dramaturg Pasquale Plastino erklärt, für ihn sei „King Lear seit jeher das Drama eines Mannes, der in einem Raum eingeschlossen ist und keinen Weg heraus findet“. Der Hinweis auf Das letzte Band von Samuel Beckett, auf das die Stuttgarter Inszenierung anspielt, verleiht dieser Auffassung eine scheinbare Plausibilität. Aber auf ein Drama, dessen Schlüsselszenen ausdrücklich auf einer „Heide“ („the heath“) stattfinden, passt sie nicht. Plastinos Lear ist seine Erfindung. „Seit jeher“ kontrastiert der geschlossene Raum, in den Lear gerät – sein Wahnsinn –, gerade mit der stürmischen Unwirtlichkeit des „freien Felds“. Das freilich lässt sich in einem Solo nicht darstellen.

Thomas Rothschild – 23. Januar 2020
ID 11952
Weitere Infos siehe auch: https://www.theaterhaus.com


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