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Repertoire

Pop-Revue

mit radikal-

feministischen

Fremdtext-

einlagen



Wedekinds Lulu an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Julian Röder

Bewertung:    



Ob als Nuttenrepublik mit echten Frauen aus dem horizontalen Gewerbe von Volker Lösch, düster ästhetischer Totentanz zu Lou-Reed-Klängen von Robert Wilson, oder halber Pornodreh von Nuran David Calis, es sind doch immer noch vorwiegend Männer, die Frank Wedekinds um die Jahrhundertwende in zwei Teilen entstandenes Skandalstück Lulu inszenieren. Ist die Hauptfigur ein Männer verführender Vamp oder nur Projektion geiler Männerphantasien, die am Ende vollkommen runtergekommen Jack The Ripper zum Opfer fällt? Dazwischen scheint es nicht viel zu geben, was aus Wedekinds „Monstretragödie“ an Erkenntnissen zu gewinnen ist. Dass man Lulu tatsächlich als feministisches Ermächtigungsstück lesen kann, will uns Stefan Pucher (also wieder ein männlicher Regisseur) in seiner Neuinszenierung an der Berliner Volksbühne erzählen. Die Dramaturgie denkt hier die Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte einfach mal mit und dementsprechend um.

*

Dazu braucht es - wir sind an der Volksbühne - nur noch ein paar moderne, radikalfeministische Fremdtexte zum Thema und das Problem mit der Aktualität scheint gelöst. Gegen sabbernde Geilheit, toxische Männlichkeit und männliche Allmachtphantasien führt die Inszenierung Texte aus dem Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer S.C.U.M. von Valerie Solanas, der feministischen Streitschrift King Kong Theorie von Virginie Despendes und dem erotischen Pop-Roman M. aus der Berliner Kunstszene von Anna Gien und Marlene Stark ins Feld. Aber auch Mark Fisher, Jaques Lacan und Antonin Artaud kommen kurz zu Wort. Kaum ein Aufritt, der nicht mit einer Ladung Fremdtext angereichert wird, fast so als wolle sich die Regie für das altbackene Frauenbild des Stücks entschuldigen. So wirkt es aber auch, als würden sich Stück und Inszenierung immer wieder im Weg stehen. Und sehr viel besser macht es die Sache nun auch nicht gerade, wenn in Bild und Ton doch nur wieder die alten Klischees reproduziert und neue hinzufügt werden.

Schön gerahmt ist die Inszenierung nicht nur durch einen 5fachen Bühnenrahmen, der sich zu stufenförmiger Showtreppe und Spielfläche verschieben lässt, sondern auch durch live gespielte Pop-Musik. Aus dem Rahmen fällt hier aber niemand, auch wenn die Rollen und Geschlechter kurz mal wechseln, was kaum jemandem auffällt, der den Text nicht kennt. Schon 2009 gab es an der Volksbühne eine von David Marton inszenierte Lulu nach Wedekind und Alban Berg. Auch damals schon mit dabei Lilith Stangenberg als eine von drei Lulus. Hier hat sie die Hauptrolle ganz allein und doch gleich zu Beginn gemeuchelt, steht dann aber trotzig gleich wieder auf. Nach diesem vorgezogenen Ende, das den Mord des Rippers (Waldemar Kobus) an Lulu wie eine von Männern angefeuerten sexuellen Übergriff zeigt, wird aber erstmal brav die Story um den männermordenden Vamp gespielt, bei der Lilith Stangenberg zu jedem neuen Mann auch ein neues Kostüm trägt. Ob Lulu, Nelli, Eva oder Mignon, wer bezahlt, darf bestimmen. Nur dass hier Lulu die Herren Dr. Goll (Andreas Leupold), Maler Schwarz (Jan Bluthardt), Dr. Schön (Waldemar Kobus), und Schön-Sohn Alwa (Theo Trebs) auch ein ums andere Mal wortwörtlich am Gängelband führt.

Recht theatralisch scheiden zumindest Goll und Schwarz aus dem Leben. Auf Schön und Sohn Alva, der als aufstrebender Bühnenautor am Ende auch noch den Wedekind persönlich gibt, warten die Kugeln der Damen Lulu und Geschwitz (Sandra Gerling), die wie Thelma und Luise bzw. killende Despendes-Romanfiguren die Männer aus dem Weg räumen und aus ihren Bühnenrollen nach draußen auf den Rosa-Luxemburg-Platz fliehen. Die Inszenierung rettet sich nach einem etwas dahin plätschernden ersten Teil immer mehr in eine Bühnenrevue mit Gesangs- und Tanzeinlagen. Bis dahin herrscht allerdings auch sehr viel Krampf und übertriebenes Rampenposing. Regisseur Pucher versucht seine Popästhetik mit Brüll- und Kotzorgien à la Castorf zu kombinieren. Als übergriffiger Regisseur treibt hier Waldemar Kobus‘ Schön die Varieté-Tänzerin Lulu an. Auch Jürgen Kuttner, der am Deutschen Theater schon Valerie Solanas S.C.U.M. Manifest zu einem Feminista Baby! verwurstet hat, wird hier kurz ironisch paraphrasiert: „Kunst ist Kunst, oder sie ist Scheiße.“

Ex-Castorf-Schauspielerin Lilith Stangenberg beherrscht ihre Rolle natürlich aus dem Effeff. Auch Silvia Rieger gibt einen herrlich nöligen Schigolch. Die Herren tun sich da etwas schwerer, was sicher auch am Konzept liegt, sie als Deppen darzustellen, die sich ihr rollengerechtes Frauenbild schönreden. Dagegen setzt Pucher Passagen über den Mann als biologische Katastrophe und Gummipeter auf zwei Beinen aus dem S.C.U.M. Manifest, was hier herrlich im Duett von Stangenberg und dem ihr auf den Knien liegenden Leupold vorgetragen wird, oder King-Kong-Texte von Virginie Despendes, die Lulus lesbischer Liebhaberin Geschwitz in den Mund gelegt werden, und das Trugbild der perfekten Frau, normierter Geschlechterrollen und Sexualität zerstört. Hure oder Heilige, Raubtier oder Haustier, King Kong oder weiße Frau; das steht als Videogroßbild gewordene Frage im Raum. Ein wirklich spielerischer Umgang mit diesen Klischees gelingt der Inszenierung aber nicht. So bleibt am Ende nur Jeanne Moreaus bitteres Fazit: Each Man Kills The Thing He Loves.



Wedekinds Lulu an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Julian Röder

Stefan Bock - 2. Juni 2019
ID 11458
LULU (Volksbühne Berlin, 01.06.2019)
Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Licht: Kevin Sock
Musik: Christopher Uhe
Video: Meika Dresenkamp
Dramaturgie: Florian Feigl
Mit: Jan Bluthardt, Sandra Gerling, Waldemar Kobus, Andreas Leupold, Silvia Rieger, Sarah Maria Sander, Sylvana Seddig, Lilith Stangenberg, Theo Trebs und Moritz Carl Winklmayr sowie den MusikerInnen Réka Csiszér, Michael Mühlhaus und Sarah Maria Sander
Premiere war am 30. Mai 2019.
Weitere Termine: 06., 13.06.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne.berlin/de/


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