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Repertoire

Wo deutscher

Geist webt

und wabert



Wolken. Heim. von Elfriede Jelinek am Residenztheater München | Foto (C) Matthias Horn

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Grautöne, wohin man schaut in diesem leeren Raum. Fein abgestuft sind sie, aber eben doch nur grau. Wie die Menschen und Möbel darin. Stuhlreihen, ein Bildschirm, ein Apparat zum Ziehen von Nummern erinnern an ein Amt. Drei Frauen, zwei Männer. Alle haben ihre Zahl in Händen, aber der Bildschirm ruft sie nicht auf, immer sind andere dran. Die Türen nach draußen bleiben geschlossen. Besser so, denn die Außenwelt ist bedrohlich: heißes Licht und tosender Lärm. Das merkt man, wenn eine Türe nach hinten aufgeht. Drum schnell wieder zu mit ihr. Sie schützt vor den Fährnissen der Welt. Innen gegen außen.

„Wir sind wir und wohnen gut in uns“, sagt jemand aus dieser seltsamen Gruppe. Handelnde Figuren? Nein. Es wird nur geredet in diesem Wartesaal angestaubter deutscher Innerlichkeit. Doch miteinander spricht eigentlich nur ein älteres, im Alpenlook gekleidetes Paar. Man gibt Statements ab, wortreich, abstrakt, dafür aber zitatenlastig. Hegel, Fichte, Kleist, Hölderlin, Heidegger, aber auch die RAF. Die Texte kann man nun erkennen, verstehen oder auch nicht. Jedenfalls begreift man, dass diese Figuren keine wirklichen Individuen sind, sondern allenfalls Träger deutscher Versatzstück-Kultur. Unentwegt versichern sie sich ihrer gemeinsamen Identität, „ihrem“ Deutschtum. Ein Nationalismus, in dessen geistigen Wurzeln sie sich in ihren Heimatmonologen gründlich verheddern. „Wir sprechen die Sprache der Tiefe... Der Geist...ist das Bei sich selbst Sein. Wie wir. Wie wir...“ tönt es aus ihnen: „Noch sind wir ein Wort, doch reif schon zur Tat“ sagen sie, bleiben sitzen und fühlen sich überlegen: „Bei den Negern führt nichts zum Bewusstsein des Höheren.“ Wenn sie die Hand nach dem Nachbarn ausstrecken, dann nur, „um uns an seine Stelle zu setzen“. Aggressive Klänge, die zu einem grotesken Akt der Selbstentblößung führen. Den Alpen-Macho überkommt es plötzlich: mit heruntergelassenen Hosen räsonniert er über den Ungeist der modernen Gesellschaft. Und wird dabei zum grunzenden Tier.

Auf der Suche nach einem „Wir“ in den wabernden Wolken ihrer Sätze und Ängste haben sich die Protagonisten selbst verloren. Heimatklänge, schöne Verse und philsophische Sinnsprüche - sie helfen nicht wirklich, wenn draußen ein Ungeheuer die Welt niedertrampelt. Die Wände des geschützen Raumes sind dünn. Man kann es hören. Das Untier geht, die Bedrohung aber bleibt. Und nicht alle kommen ungeschoren davon. Am Ende stehen zwei rauchende Frauen und der Satz: „Ein Augenblick und Wolken.“ Wolken. Heim. Dazwischen viel dünne, graue Luft.

*

Dieses Stück von Elfriede Jelinek entstand 1988 nach ihrer eingehenden Beschäftigung mit philosophischen Schriften zum Mythos der deutschen Nation. Die deutsche Romantik, den deutschen Idealismus als Folge der Fremdherrschaft Napoleons bringt sie mit der Entstehung des Nationalsozialismus in Zusammenhang. Heute wirkt der Text wie eine Spiegelung von aktueller Fremdenfeindlichkeit und Abgrenzungsbestrebungen. Und haben wir nicht gerade deshalb ein neues Heimatministerium?

Jelineks flächige Textmontagen sind seit jeher eine Herausforderung für Regie, Dramaturgie und Darsteller (großartig alle fünf: Mathilde Bundschuh, Sibylle Canonica, Thomas Huber, Yannik Stöbener, Ulrike Willenbacher). Matthias Rippert (Regie) macht vor allem aktuelle Bezüge und nicht ohne Humor die Kommunikationsstörungen der Protagonisten deutlich. Untersützt von fein getuntem Licht (Tobias Löffler) und einer abstrakten Bühne (Fabian Liszt) gelingt eine durchaus stimmige und beklemmende Atmosphäre. Sie betont die verstörende Abgehobenheit des Diskurses und lässt die bestialische Aus- und Einbrüche im Wolkenkuckucksheim umso realer und erschreckender wirken.

Ein schwieriger Abend (wer hätte es auch anderes erwartet) – doch bestechend anregende 90 Minuten.



Wolken. Heim. von Elfriede Jelinek am Residenztheater München | Foto (C) Matthias Horn

Petra Herrmann - 7. Mai 2019
ID 11398
WOLKEN. HEIM. (Marstall, 06.05.2019)
Regie: Matthias Rippert
Bühne: Fabian Liszt
Kostüme: Johanna Lakner
Musik: Robert Pawliczek
Licht: Tobias Löffler
Videoanimation: Daniela Weiss
Dramaturgie: Andrea Koschwitz
Mit: Mathilde Bundschuh, Sibylle Canonica, Thomas Huber, Yannik Stöbener und Ulrike Willenbacher
Premiere am Bayerischen Staatsschauspiel: 29. März 2019
Weitere Termine: 25., 31.05. / 20.06.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de


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petra-herrmann-kunst.de

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