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Lear hat

ausgetwittert



Thomas Schmauser und Christian Löber in König Lear an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



„Passt auf, Ihr Männer von Pappe. Wir falten Euch zusammen, denn wir können Origami“, drohen Lears machthungrige Töchter Goneril und Regan in Thomas Melles erfrischender Neuübersetzung am Anfang von Skakespeares König Lear. In der Tat hat nicht nur Lear ausgedient. Die Männer der Töchter, ihre „Pappkameraden“, kommen nicht mal mehr vor, Gloucester ist eine Frau, und Edmund, der „Bastard“ und Objekt der Begierde, androgyn. Doch was macht weibliche Macht – anders?

König Lear hat sein Reich verteilt. Vorzeitig, denn er ist noch nicht alt: aktivgebräunt, Sonnenbrille, geblümter Anzug. Da will und kann einer noch was haben vom Leben. Und gibt deshalb das operative Geschäft an die Töchter ab. Leider an die beiden, die ihm am meisten nach dem Mund reden. Die dritte, die ehrliche Cordelia, wird verstoßen und nach Frankreich verheiratet. Wirklich loslassen kann Lear jedoch nicht, er mischt weiter mit – zeitgemäß per Twitter - und kostet die Jungen mit seinem überreichen Gefolge, den „Followern“, Geld und Nerven. „Die Zeit steht auf Veränderung“, doch Lear ist ihr im Weg. Er, der das althergebrachte Patriarchat vertritt, eine Welt, in der sich die Männer die Macht beständig weiterreichen und die Frauen ins Kinderzimmer sperren, wird von den Töchtern bald vom Hof gejagt. Es bleibt ihm nur sein getreuer Weggefährte Kent, der in der Verkleidung des Narren sagt: „Du hättest erst klug und dann alt werden sollen.“

Bei Shakespeare sind Goneril und Regan die „Bösen“, Edgar der „Verräter“. Doch hier leuchten ihre Ansprüche erst einmal ein. Ein narzistischer Patriarch steht gegen vernünftige Jugend. Ihr Wunsch nach eigener Wirksamkeit und Zukunft ist berechtigt, ihr Willen zur Macht notwendig - angesichts konservativer Erstarrung und selbstverständlicher Ungerechtigkeit. Die „privaten“ Konflikte zwischen Lear und seinen Töchtern werden in dieser Inszenierung freilich schnell zu politischen Grundsatzfragen. Braucht es einen Wechsel im System? Wie radikal darf er sein? Welchen Weg soll der Feminismus gehen?

Darauf geben nach vielen Theater-Toten die anders als bei Shakepeare überlebenden Töchter eine eindeutige Antwort. „Noch einmal müssen wir´s machen wie sie!“ Nämlich wie die Männer, denn: „Ohne Gewalt kein Wechsel.“ Deshalb muss auch Cordelia dran glauben, als sie warnt: „Wer nur die Figuren austauscht/ Ohne die Regeln zu ändern, spielt das alte Spiel.“ Goneril und Regan wissen das sehr wohl - und sind es zufrieden, „Zwischenstufen“auf dem Weg in eine neue Gesellschaft zu sein.

*

Eine atmosphärisch dichte, anspruchsvolle Inzenierung (Stefan Pucher) im Altrosa einer untergehenden Zeit: „The End“ steht denn auch in wechselnd bunten Neon-Schriftzügen über dem Königspalast. Video-Projektionen spitzen die Szenen grotesk zu, verzerren die Protagonisten zur Kenntlichkeit. Dazu einfallsreich poppige Kostüme (Annabelle Witt), poppige Songs (Christopher Uhe). Ein Überraschungscoup vor allem die Version von Edgar als Major Tom (Christian Löber), Gloucesters legitimem Sohn, der seinem intriganten Bruder zum Opfer fällt. Wobei nicht jede Aktualisierung greift: Wieso ist Edmund, der uneheliche Sohn aus dem Kreis der Macht, plötzlich das „Volk“?

Stefan Pucher riskiert zweieinhalb Stunden Spektakel ohne Punkt und Komma. Das gelingt. Dank dieser klugen und originellen Textfassung und vor allem dank der großartigen schauspielerischen Leistungen. Alle Mitwirkenden setzen die Melle´schen Textpointen präzise und ganz nebenbei. Thomas Schmauser spielt bravourös alle nur denkbaren Facetten zwischen Verzweiflung, Jähzorn, Sturheit, Egozentrik, Irrsinn, Sarkasmus, Debilität und schließlich Ergebenheit. Samouil Stoyanov als Kent und Narr steht ihm wunderbar zur Seite in den dunklen Zeiten, „wenn Irre den Blinden den Weg weisen“. So wie auch Wiebke Puls im rosa Hosenanzug als aufrecht vermittelnde Gräfin von Gloucester. Ihr Shakespeare befindet: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg der Tod.“



Gro Swantje Kohlhof und Thomas Hauser in König Lear an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Arno Declair

Petra Herrmann - 13. Oktober 2019
ID 11743
KÖNIG LEAR (Kammer 1, 12.10.2019)
Übersetzt und bearbeitet von Thomas Melle

Inszenierung: Stefan Pucher
Bühne: Nina Peller
Kostüme: Annabelle Witt
Licht: Stephan Mariani
Musik: Christopher Uhe
Videodesign: Ute Schall
Live-Video: Hannes Francke und Ute Schall
Mit: Thomas Hauser, Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljić, Christian Löber, Wiebke Puls, Thomas Schmauser, Anna K. Seidel, Samouil Stoyanov und Julia Windischbauer
Dramaturgie: Helena Eckert und Tarun Kade
Premiere an den Münchner Kammerspielen: 28. September 2019
Weitere Termine: 14., 20.10. / 17., 25.11.2019


Weitere Infos siehe auch: https://www.muenchner-kammerspiele.de


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petra-herrmann-kunst.de

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