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Lena Geyer als Elfriede Jelinek in In and Out Hannah Arendt am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

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1964 interviewte der Journalist Günter Gaus (1929-2004) im ZDF die Publizistin Hannah Arendt (1906-1975). Nach 16 männlichen Gesprächspartnern, zu denen Politiker wie Willy Brandt, Ludwig Erhard und Franz Josef Strauß gehörten, war Arendt die erste Frau in Gaus Interviewreihe "Zur Person". In dem ernsthaften Gespräch ging es auf hohem intellektuellem Niveau um große Fragen - wie um das Verbrechen des NS-Genozids und das Festhalten am Deutschen als Muttersprache. Die jüdische politische Theoretikerin erzählte über ihre Erfahrungen in Deutschland, ihre eigene Flucht vor den Nationalsozialisten, den Prozess gegen Adolf Eichmann und ihre beibehaltene Ironie beim Schreiben. Das über 70-minütige Gespräch wurde 2013 in voller Länge auf Youtube eingestellt, einem Netzwerk, das beide Gesprächspartner nicht mehr erleben würden. Während die Fernsehausstrahlung 1964 nur mäßig Aufmerksamkeit fand, entwickelte sich das Interview auf Youtube zu einem veritablen Hit, auch in Versionen mit englischen und spanischen Untertiteln.

*

Nicht nur die erhöhten Klickzugriffe auf Social Media stehen für eine fortwährende Gültigkeit von Arendts Gedanken. Das Theater Bonn bettet nun im Stück In and out Hannah Arendt Ausschnitte des legendären Interviews in szenisches Spiel ein. Bereits in Eure Ordnung ist nur auf Sand gebaut widmete sich Regisseur Emanuel Tandler in einem multimedialen Projekt einer großen Denkerin, damals Rosa Luxemburg. Wie in der Collage über die promovierte jüdische Politikerin Luxemburg interagieren zwei Figuren vor, während und nach auf die Bühnenwand projizierten Videosequenzen. Teilweise werden so Aussagen Arendts aus ihrem Zusammenhang gerissen und vor einen neuen Bedeutungshintergrund gestellt. Wie in Eure Ordnung ist nur auf Sand gebaut lockert Maria Strauch die Skip-and-play-Videoanmutung durch ein vieldeutiges Bühnenbild, detailreiche Requisiten und originelle Kostüme zweier auftretender Frauen auf.

Lena Geyer – die 2018 noch Rosa Luxemburg mimte – verkörpert diesmal nicht die Titelfigur, von der das Stück eigentlich handeln sollte. Sie spielt eine mindestens ebenso bedeutende Schriftstellerin; die Österreicherin Elfriede Jelinek. Ihr zur Seite steht Annina Euling in der Rolle der amerikanischen Schriftstellerin Susan Sontag (1933-2004). Hier unterhalten sich also zwei bedeutende Autorinnen als Figuren auf der Bühne unter Rückbezug auf Hannah Arendt. Es geht mal um den Lebensweg als Schriftstellerin, das Schicksal als Schreibende und eine eigene Verortung in der Welt. Machogehabe und patriarchale Strukturen werden kritisiert, wenn sich Jelinek etwa bei Sontag einhakt und schier in Endlosschleife wiederholt: „Ich mag im Allgemeinen sehr junge Männer, also alles, was unfertig ist, was sich noch nicht in diesem System wohnlich eingerichtet hat, um Karriere zu machen.“ Jelinek sagte dies übrigens tatsächlich 1989 in einem Interview mit Alice Schwarzer.

Natürlich darf auch ein Rückbezug auf die großen Männer dieser Zeit nicht fehlen. Donald Trump wird mit seinem legendären Ausspruch zitiert: “It's freezing and snowing in New York--we need global warming!“ Wie ernst muss man diesen egoistisch-weltfremden Ausruf nehmen? Wie nah an der Realität kann ein Kalauer sein?

Auch der Name von Wladimir Putin fällt. Putin ließ drei Aktivistinnen der russischen Punk-Band Pussy Riot zu je zwei Jahren Straflager verurteilen, weil sie in der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche gegen ihn als Kremlchef protestierten. Lena Geyer erklärt in der Rolle der Jelinek, dass sie sich dagegen entschied, eine eigene Anteilnahme am Schicksal der Pussy Riot-Aktivistinnen durch sympathisierende Bilder auf ihrer Homepage zu veröffentlichen, weil sie selbst die Beschränkungen nicht teilen würde, die russische Frauen erleiden müssten.

Annina Euling problematisiert als Sontag hingegen die Folteraffäre im Abu-Ghuraib-Gefängnis während der Besetzung des Irak durch die Vereinigten Staaten. US-amerikanische Soldaten posierten damals neben gefolterten und getöteten Gefangenen. Der Ausspruch „to shoot a picture“ bekäme hier eine ganz andere Dimension, so Euling in der Rolle der Sontag.

Leider hält das Stück nicht durchgehend das geistreiche Niveau der Autorinnen, von denen es handelt. Sprache wird allgemein befragt, wenn scheinbare Konnotationen etwa am Beispiel des Substantivs „Engel“ willkürlich umgekehrt werden sollen. Die Darstellerinnen tanzen auch mal mit stilisierten Riesenbleistiften zu Musik von Elvis Presley oder Riders on the storm von den Doors; oder kugeln sich übereinander.

Eine Begegnung von Sontag und Jelinek hat es wohl real nie gegeben. Schier haarsträubend und sehr weit hergeholt erscheint jedoch die Idee, dass beide einen gemeinsamen Wellness-Urlaub in New York genießen könnten. Trotz kleiner Ausrutscher in die Banalität samt Theaterrauch und Glitzerkonfetti ist In and out Hannah Arendt insgesamt ein recht anregungsreicher, politisch hintergründiger und manchmal überraschend witziger Theaterabend.



Lena Geyer als Elfriede Jelinek und Annina Euling als Susan Sonntag in In and Out Hannah Arendt am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 14. Juni 2019
ID 11499
IN AND OUT HANNAH ARENDT (11.06.2019, Werkstatt)
Regie: Emanuel Tandler
Bühne und Kostüme: Maria Strauch
Licht: Maximilian Urrigshardt
Dramaturgie: Carmen Wolfram
Besetzung:
Susan Sontag … Annina Euling
Elfriede Jelinek … Lena Geyer
Premiere am Theater Bonn: 23. Mai 2019
Weiterer Termin am 22.06.2019


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/


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