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Premierenkritik

Wenn Islamkritik

lebensgefährlich

wird



Wut von Elfriede Jelinek am Schauspiel Köln | Foto © Judith Buss

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Ersan Mondtags spektakuläre Drehbühne stellt Bildgewalt in den Mittelpunkt. Das komplexe und anspielungsreiche Wut-Drama von Elfriede Jelinek wird erst nach und nach abwechselnd oder im Chor vorgetragen, vielfach gekürzt, erweitert oder variiert. Der sich öffnende Vorhang gibt den Blick frei auf zwei riesige abgeschnittene Adlerbeine und –krallen, die im Bühnenzentrum als Minarette fungieren. Dazwischen liegt so etwas wie ein Ei oder eine Reaktorkammer eines Atomkraftwerks. So wie die Ehrenfelder Moschee äußerlich einem Atomkraftwerk ähneln mag, so erinnert diese Kuppel an eine Moschee. Auch die Rückseite, die im Inneren ein Greenscreen-Studio beherbergt, kommt während der Vorführung vielfach zum Einsatz. Zu Beginn erschallt aus einem Fenster oben im rechten Adlerbein so etwas wie der eindringliche Gebetsruf eines Muezzin (Benny Claessens). Bald variiert Claessens jedoch die Rhythmen seines Gesangs, und es werden Motive aus Elton Johns „Circle of Life“ oder Shakiras „Waka Waka (This time for Africa)“ hörbar. Claesens, der von Elfriede Jelinek höchstpersönlich für diese Rolle ausgewählt wurde, mimt den exzentrischen Bösewicht. Er changiert dabei zwischen Herakles, der dem antiken Mythos nach vor Wut seine Kinder erschlägt, und islamistischen Terroristen. Seine Darstellung erinnert dabei vielfach an schwule Klischeerollen einer Diva. Alle anderen Figuren haben sichtlich Mühe, sich neben ihm zu behaupten. Die Vorführung wird laut, brutal, schrill, trashig und heftig.

In Elfriede Jelineks 2016 uraufgeführtem Drama Wut geht es um politisches Versagen, Ohnmachtsgefühle einfacher Bürger; und es eröffnet sich ein komplexes Verweissystem intertextueller Ebenen. "Wutbürger" war bereits 2010 Wort des Jahres. Verschiedene Facetten der Empfindung Wut werden in einer wortgewaltigen Analyse der Jetztzeit ausgelotet. Die Vorführung handelt von allgemeiner Unzufriedenheit, dem Aggressionspotential und Terror in unserer Zeit.

Anlass für das Drama war der Januar 2015 verübte Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris. Zwölf Menschen wurden ermordet. Als Grund für das Verbrechen galten Mohamed-Karikaturen, die sich kritisch mit dem islamistischen Terrorismus auseinandersetzten und mit den Mitteln der Satire für Religionsfreiheit einsetzten. Denn Religionsfreiheit heißt nicht nur selbst entscheiden zu dürfen, was und woran jemand glaubt, sondern auch Religion kritisieren zu dürfen.

Genau am Tag der Köln-Premiere wurde in Paris erneut ein islamistisches Attentat verübt, bei dem zwei Journalisten schwer verletzt wurden. Anlass war, dass Anfang September 2020 zum Auftakt des Prozesses gegen die Täter die Karikaturen aus der Zeitung Charlie Hebdo erneut veröffentlich worden sind. In der Inszenierung erschießt Claesens in der Rolle als Terrorist mehrere Darsteller, die unkenntlich gemachte Zeichnungen hochhalten. Vermutlich soll es sich um derartige Karikaturen handeln. Doch warum sind sie unkenntlich und abgedunkelt? Wird hier Rücksicht auf Gefühle von Muslimen genommen, oder ist es die blanke Angst vor islamischen Terrorismus? Immerhin hatte das ZDF den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard 2010 ausgeladen und ihn erst nach Protesten doch noch zu einem Interview empfangen. Eben jener Comiczeichner, der bis heute aufgrund andauernder Morddrohung unter Polizeischutz steht.

Gerade in diesen Zeiten erinnert man sich gerne wieder an das Das Leben des Brian von Monty Python. Ein Film, der 1979 das Christentum und die Jesus-Thematik gehörig auf die Schippe nahm und für viele damit zur Befreiung aus überkommenen Doktrinen beitrug. Heute, vierzig Jahre später, ist der öffentliche Diskurs ein völlig anderer geworden. Inzwischen wurde mithilfe Saudi Arabiens weltweit ein konservativer Islam herangezüchtet, und patriarchal-konservative Weltbilder treffen auf freie und progressive Gesellschaftsentwürfe. Mit der Grundemotion „Wut“ lässt sich dies nur teilweise erklären. Oder, um es mit Jelineks Worten auszudrücken: „Welche Wirrnis statt Wahrheit.“

Dem religiösen Bilderverbot steht eine digitale Bilderflut gegenüber. Zwischen den Spielszenen auf der Bühne werden zu beiden Bühnenseiten Kurzvideos in Dauerschleife gezeigt. Hier posieren Darsteller in Helden- oder Opferrolle. Sie stellen Träume von kraftvoll drohender Männlichkeit oder spektakulärer Gewalt nach. Sehr komisch ist auch ein projizierter Kurzfilm, in dem Lola Klamroth durch Filterfunktionen bildlich verfremdet mit übergroßen Kulleraugen, ohne Nase und mit riesigem Mund zu sehen ist. Sie regt sich mit künstlich verfremdeter Stimme darüber auf, dass jemand auf Social Media mit ihr falsch umgegangen sei. Gleichzeitig markiert sie durch die Verfremdungseffekte ein Cybermobbing-Opfer.

Es ist diese Angst vor Gläubigen und Fanatikern, die das Spektakel in Köln überschatten mag. Die Vorführung ist zu klamaukig, überdreht, albern und bunt, um wirklich zum Nachdenken anzuregen. Mondtag wird den ausufernden Texflächen und unzusammenhängenden Gedanken Jelineks nicht Herr, indem er sie durch Einsprengsel mit Bezügen zur Corona-Zeit, Geschrei oder lauter Musik übertönt. Claessens reitet in einer Video-Einspielung auf einem riesigen goldenen Penis. Es gibt anschließend eine Spermaexplosion auf seinem Bauch. Claessens telefoniert mit Elfriede oder Elfie, und sie echauffiert sich über männliche, weiße Intendanten im Theater. Die Moschee-Kulisse auf der Bühne wird kurzzeitig zum Berghain oder Kunstmuseum umfunktioniert. Schauspieler gehen aus Rollen und Text raus; sprechen sich mit Vornamen an. Claessens bezeichnet sich selbst als Isabelle Huppert und degradiert den attraktiven Elias Reichert zu seinem „Love interest“. Nur die 81jährige Margot Gödrös schafft es, neben Claessens lauten und unflätigen Auftritt Aufmerksamkeit zu erregen, wenn sie - mal wieder als Grande Dame des Schauspiel Köln – in einer Sänfte von Statisten auf und von der Bühne getragen wird. Auch der Souffleur Viktor Herrlich wird regelmäßig bemüht und einbezogen. Eindrückliche Passagen und starke Bilder gehen so im recht beliebigen, heftigen und grellen Bühnenereignis regelmäßig unter. Bleibt zu hoffen, dass dem Spotte Gewalt erspart bleibe.



Wut von Elfriede Jelinek am Schauspiel Köln | Foto © Judith Buss

Ansgar Skoda - 28. September 2020
ID 12493
WUT (Depot 1, 25.09.2020)
Regie & Bühne: Ersan Mondtag
Mitarbeit Bühne: Simon Lesemann
Kostüm: Annika Lu Hermann
Video: Florian Schaumberger
Musik: Beni Brachtel
Licht: Rainer Casper
Dramaturgie: Beate Heine
Mit: Benny Claessens, Yuri Englert, Margot Gödrös, Yvon Jansen, Lola Klamroth, Nicolas Lehni, Elias Reichert, Philipp Joy Reinhardt und Isabel Thierauch
Uraufführung an den Münchner Kammerspielen: 14. April 2016
Premiere am Schauspiel Köln: 25. September 2020
Weitere Termine: 09., 17., 18.10. / 07., 08., 27.11.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel.koeln


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