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Premierenkritik

Venedig im

Doppelpack



This is Venice am Burgtheater Wien | Foto (C) Matthias Horn

Bewertung:    



Shakespeare hat zwei Außenseiter mit fragwürdiger Reputation in ein Venedig versetzt, das er nicht aus eigener Anschauung kannte: den „Mohren“ Othello und den Juden Shylock. Die Gemeinsamkeit des Ortes und des realen sozioökonomischen Hintergrunds war Anlass für Elisabeth Bronfen und Muriel Gerstner, Othello und Der Kaufmann von Venedig unter dem Titel This is Venice mit einander zu vermengen. Das synkretistische Ergebnis hatte nun am Burgtheater seine Premiere.

*

Der Zusammenprall der beiden Stücke ist freilich weniger problematisch als die Konkurrenz zwischen dem Text Shakespeares in einer Übersetzung der beiden Bearbeiterinnen, dem theoretischen Überbau von Elisabeth Bronfen und der Regiekonzeption von Sebastian Nübling. Die Folge: was da auf die Bühne kommt, ist hübsch anzusehen, anregend zu bedenken, aber es lässt kalt. Der den gemeinsamen Ort überschreitende Zusammenhang zwischen den beiden Stücken, von denen bemerkenswerterweise nur eins, Othello, die rassisch markierte Figur im Titel trägt – der „Kaufmann von Venedig“ ist bekanntlich nicht Shylock, sondern Antonio –, mag für ein Seminar taugen. Der Bühne kommt er nicht zugute. Zudem unterschlägt der Zusammenschnitt, was die Verbindung zwischen den beiden Stücken erschwert: das Bestehen auf Gerechtigkeit, nicht um des geliehenen Geldes willen, sondern als (missglückter) Akt der Emanzipation; die selbstzerstörerische Reaktion auf Erniedrigung u.a.m. Bronfen und Gerstner wollen recht behalten. Das geht auf Kosten von Nuancen, die Shakespeares Stücke bereichern.

Mit dem N-Wort ist auch der „Mohr“ aus der deutschen Sprache verbannt. (Der im Kaufmann von Venedig aggressiv und diskriminierend benutzte Begriff „Jude“ ist geblieben.) Jago – Norman Hacker – hasst „den Schwarzen“. Der freilich, Roland Koch als Othello, ist politisch korrekt ungeschminkt, also „weiß“. Vorübergehend ziert ihn ein Kopfschmuck aus riesigen Federn und ein Stirnband aus Glühlampen. An einer Stelle übertreibt er absichtsvoll die Rolle des Eifersüchtigen mit heraushängender Zunge. Andere Männer tragen Röcke und deuten die Relativität des Geschlechts an. Brabantio (Markus Hering) nennt sich selbst ganz zeitgemäß einen „alten weißen Mann“. Ganzkopflatexmasken stellen gleich die Identität der Figuren in Frage. All das gerät in Vergessenheit, wenn Jago Hacker Othello Koch vor der Eifersucht warnt und die beiden die Überzeugungskraft echter Schauspielkunst beweisen.

Shylock ist ein smarter Mann von mittlerem Alter, verkörpert von dem Israeli Itay Tiran. Weshalb ihn Martin Kušej und vor ihm Burkhard C. Kosminski, bei dem er den (weißen) Othello gespielt hat, für einen überragenden Schauspieler halten, konnte sich dem Schreiber dieser Zeilen nicht erschließen. Er bleibt farblos und das Mitleid mit ihm hält sich in Grenzen.

Dass zwischen Bassanio (Mehmet Ateşçi) und Antonio (Dietmar König) eine homosexuelle Anziehung bestehen dürfte, gehört zur Standard-Exegese des Kaufmanns von Venedig. Dass die Beziehung zwischen Jago und Othello dazu parallelisiert wird, ist eine Erfindung von Bronfen/Gerstner und wenig einleuchtend.

Sebastian Nübling liebt die tänzerische Choreographie, die Ästhetik der Revue, die die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner mit ihrem Lamettavorhang unterstützt. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Gelegentlich erstarrt das Karussell zu Arrangements im Stil alter Gemälde, etwa wenn sich Shylock daran macht, ein Stück Fleisch aus Antonios Brust zu schneiden.

Wer das Blackfacing verdammt und der Ansicht ist, dass die Hautfarbe einer Darstellerin, eines Darstellers im Theater von Bedeutung ist, muss sich fragen lassen, was es aussagt, wenn Portia von einer Farbigen, Stacyian Jackson, gespielt wird. Das soll doch wohl nicht heißen, dass die Schwarze den Juden austrickst? Befremdlich, wenngleich im gegenwärtigen Klima wenig überraschend, ist eine weitere Analogie. Die Wiener Bearbeitung legt Jagos Frau Emilia (Sylvie Rohrer) die leicht variierten Worte Shylocks in den Mund: „Hat nicht eine Frau Hände?“ Da gibt es einen Aufschrei der Empörung, wenn jemand die Bagatellisierung der Klimakatastrophe und deren Folgen für die Nachwelt mit dem Holocaust vergleicht, aber man nimmt es widerspruchslos hin, dass die Situation der Frauen mit der der Juden gleichgesetzt wird. Trotz Holocaust. Was, wenn nicht dies, wäre frivol?

Kurz vor dem Schluss erstickt Desdemona in der Umarmung Othellos, der ihr als Todesengel erscheint. Schon zuvor ist ein Skelett über die Bühne geschlichen: der Tod in Venedig. Und irgendwie würde man sich doch gern die Zeit für zwei Abende nehmen, für Othello und für den Kaufmann von Venedig, die, genau und etwas weniger überkandidelt besehen, nicht viel mehr gemeinsam haben als Der Glöckner von Notre-Dame mit der Menschlichen Komödie. Spätestens wenn Portia auf das – für alle außer Shylock – Happy End zusteuert, muss klar werden, dass das herzlich wenig mit der vorausgegangenen Schießerei zu tun hat. Der Rest ist Kopfgeburt. Nicht wirklich zu Ende gedacht. Aber schön anzusehen, immerhin.




This is Venice am Burgtheater Wien | Foto (C) Matthias Horn

Thomas Rothschild - 23. Februar 2020
ID 12023
THIS IS VENICE (Burgtheater Wien, 22.02.2020)
Regie: Sebastian Nübling
Bühnenbild: Muriel Gerstner
Kostüme: Pascale Martin
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Tobias Herzberg und Alexander Kerlin
Musik: Lars Wittershagen
Choreografie: Christine Gaigg
Besetzung:
Doge ... Rainer Galke
Brabantio ... Markus Hering
Othello ... Roland Koch
Desdemona ... Marie-Luise Stockinger
Jago ... Norman Hacker
Cassio / Bassanio ... Mehmet Atesci
Gratiano ... Gunther Eckes
Bianca ... Stefanie Dvorak
Emilia / Nerissa ... Sylvie Rohrer
Rodrigo / Antonio ... Dietmar König
Portia ... Stacyian Jackson
Shylock ... Itay Tiran
Jessica ... Maresi Riergner
Lorenzo ... Bardo Böhlefeld
Premiere war am 22. Februar 2020.
Weitere Termine: 25.02. / 02., 05., 13., 30.03.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.burgtheater.at/


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