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Premierenkritik

Forrest Gump sagt, wo er steht

PETER HOLTZ von Ingo Schulze - in einer Spielfassung von Friederike Heller am Staatsschauspiel Dresden

Bewertung:    



Geschichte ist lustig.

Nicht immer und zumeist auch erst aus sicherer Entfernung, aber es gibt Ausnahmen. Eine solche widerfuhr dem hiesigen Schauspiel, als just einen Tag vor der Premiere des Stückes Der Nazi und der Friseur sich ein Frisörladenkettenbesitzer im Nachbarländchen von einem Nazi zum Ministerpräsidenten küren ließ. Dieses Marketing hätte das Stück im nur 99 Zuschauende fassenden KH3 gar nicht gebraucht, es ist bis auf weiteres ausverkauft. Aber drollig ist es schon.

Ähnlich spaßig ist eine weitere Verbindung ins schöne Thüringen: H.-J. Frey, der Dresden den Semperopernball und noch so vieles mehr geschenkt hat, bringt schon einen Tag nach dem hiesigen Bums an der Oper Erfurt einen Lohengrin auf die Bühne. Da sei ihm toitoitoi gewünscht, wenn er sich schonmal der Kunst widmet. Niemand ist verloren.
Und wer weiß, wenn sich der Operetten-MP noch eine Weile im Amt hält, gibt es dort vielleicht auch bald einen Ball. Der Ausfall in Kairo will kompensiert werden.

*

Aber darum geht es hier ja gar nicht (ich wusste nur keinen anderen Platz, um mich der Witzeleien zu entledigen). Eine Uraufführung war heute, und auch wenn man „nach dem Roman“ inzwischen als Dresdner Spielzeitmotto begreifen muss, konnte man doch gespannt sein: Ingo Schulzes Peter Holtz wurde auf die Bühne gebracht, und der Berichterstatter erinnert sich immer noch gern an Adam und Evelyn, wo dies vor Jahren schon einmal kongenial gelang.

Nicht ganz so euphorisch ist mein Fazit diesmal. Das (bislang ungelesene) Buch ist sicher ein sehr moderner Schelmenroman und höchst vergnüglich – ich werde diese These noch überprüfen. Aber der Vor- und Nachteil des gedruckten Romans ist halt, daß die Bilder bei jeder Leserin für sich selbst im Kopf entstehen können und müssen – die Bühne kann da nur eine Variante anbieten. Und in meinem Falle war es heute oftmals nicht die richtige.

Der Plot von einem, der immer die Wahrheit sagt, ist nicht neu, aber gerade bei der jüngeren ostdeutschen Geschichte entfaltet er eine besondere Wirkung. Der Kaiser war hier nicht nackt, sondern Freund der Freikörperkultur, nur laut sagen durfte es eben auch keiner. Und wenn jemand wie Peter Holtz die wohlfeilen Losungen bierernst nimmt und treuherzig wie Forrest Gump in den Neunzigern das Umfeld mit nichts als der Wahrheit erfreut, kann das schon zu Irritationen führen seitens der Staatsorgane. Insofern schlingert er reinen Herzens und guten Willens durch die späte DDR, landet mal bei der Stasi, dann bei der Kirche, wird Hausbesitzer, als es noch niemand sein wollte und ist zum Staatsende Nachwuchskader der Ost-CDU, wo er als Herz-Jesu-Kommunist und Apostel der Arbeiter und Bauern auch nicht wirklich hingehört.

Seine entwaffnende Naivität, mit der er den Kommunismus penetrant in der Wirklichkeit ausprobiert, hilft ihm durch die Ostzeiten, im Westen ist er dann jedoch nur noch der Depp, als er nach einem längeren Koma (man fühlt sich wie zuvor an Sonnenallee nun an Goodbye Lenin erinnert) in der FDGO erwacht. Aber dank der unfreiwillig angehäuften Schrottimmobilien ist er ein reicher Depp, das macht es in allen Zeiten leichter. Vom Volkseigentum zum Volk ohne Eigentum – das betrifft hier nur die anderen, der Hans – Peter ist im Glück geblieben und wird immer fetter (sehr prägnant mit den kontinuierlich in die Hose gestopften Bällen symbolisiert).

Am Ende irrlichtert er irgendwo zwischen einem Baulöwen und dem Gönner der Fabrikarbeiter, der Ausgang des Dramas bleibt (zumindest auf der Bühne) offen, wenn man die Klappse, in der er wegen Kapitalverbrechen am Gelde landet, nicht als Endstation begreifen will.

Soweit die vergnügliche und bedenkenswerte Handlung. Theatral gab das trotzdem nicht ganz so viel her, trotz eines Bällebads auf der Bühne, mit dem man viel anstellen konnte, einigen fetzigen Punksongs aus sozialistischem Liedgut und durchaus hochkarätiger Besetzung, die nur leider vor allem im Falle von Torsten Ranft und Christine Hoppe deutlich unterfordert wirkte. Kann man sich eigentlich auch auf der Bühne langweilen?

Betty Freudenberg, Luise Aschenbrenner und Hans-Werner Leupelt trugen routiniert das ihre zum Abend bei, Jannik Hinsch hatte zumindest etwas zu singen und viel zu persiflieren und machte das, was man draus machen konnte. Moritz Kienemann schließlich verließ sich oftmals auf seine Körperlichkeiten und den running gag des gutmeinenden Idioten, neben einigem Berührenden war auch sehr viel Dienst nach Vorschrift zu sehen.

(Die Demütigung kurz vor dem Ende, als seine ins Publikum geworfenen Schlüpper postwendend wieder zurückkamen, hat er aber trotzdem nicht verdient. Muss er besser zielen beim nächsten Mal, dann klappts auch mit dem Groupie. Aber seine Moritz-Kiene-Puller-Mann-Show zum Schlussapplaus im Bademantel kann man trotzdem als unkollegial empfinden.)

Theater im engeren Sinne war das somit nur bedingt, eher eine dramatisierte und bebilderte Abfolge von Romanszenen. Die Figuren blieben zwischen den Buchdeckeln, keine erwachte zum Leben, die Abbildung von einem Vierteljahrhundert in einer Bühnensituation ist auch selten eine gute Idee.

Vergnüglich war es trotz allem, Ingo Schulze sei Dank. Und die Vorstellung, wie ein Forrest Gump durch den real Existierenden stolpert, hat auf jeden Fall was.
Sandro Zimmermann - 8. Februar 2020
ID 11988
PETER HOLTZ (Kleines Haus 1, 07.02.2020)
Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Regie: Friederike Heller
Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt
Musik: Peter Thiessen
Licht: Olaf Rumberg
Dramaturgie: Kerstin Behrens
Besetzung:
Peter Holtz ... Moritz Kienemann
Hermann Grohmann, Stasimann ... Hans-Werner Leupelt
Beate Grohmann, Stasifrau ... Christine Hoppe
Olga Grohmann, Lilly ... Luise Aschenbrenner
Julia Schöntag, Direktor, Joachim Lefévre ... Torsten Ranft
Frau Rosanowski, Petra, Elke ... Betty Freudenberg
Holger, Sascha Wolkow ... Jannik Hinsch
Musiker ... Peter Thiessen
Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden: 7. Februar 2020
Weitere Termine: 15.02. / 10., 15.03. / 30.04.2020

Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsschauspiel-dresden.de/


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