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Premierenkritik

Am Baum der

Erkenntnis

hängen



Die Marquise von O. am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Bewertung:    



Viele junge Menschen und Gruppen von Schülern strömen in das Theater. Der Klassiker Die Marquise von O. von Heinrich von Kleist gehört seit langem zum Schulkanon für den Deutschunterricht. Die Novelle handelt von Auswirkungen unfassbarer und regelloser Taten. Es geht um den Wandel im Selbstverständnis und in den Werten der von diesen Handlungen betroffenen Menschen.

Gleich vorneweg, leider ist Martin Nimz‘ Inszenierung des Klassikers schwer erträglich, da er den Figuren der Vorlage keine Stimme verleiht. Mehrere Darsteller agieren auf der Bühne stumm in verschiedenen Konstellationen. An der rechten und linken Seite vorne platzierte Sprecher tragen dazu abwechselnd Textpassagen der Vorlage vor. Prosagewalten ergießen sich über den Zuschauer, kombiniert mit einer kaum zuordbaren Bilderwut. Denn über den beiden Sprechern hängen Monitore, die minutenlang Bilder einblenden, die oft Detaileindrücke von Bühnenrequisiten zeigen.

Im Zentrum der Bühne steht ein Baum mit ausladender Gabelung. Vom Astwerk herab hängt ein verheißungsvoller Galgenstrick. Auf den Boden verteilt liegen Kunstgras und viele zunächst ohne Sinnzusammenhang verteilte Möbel und Gegenstände. Betont lässig betreten Annina Euling und Sören Wunderlich als Sprecher zu Anfang die Bühne. Erst macht Euling Sprechübungen auf das Wort "Dichotomie". Dann liest sie eine Begriffsklärung vor, die sie bei Google gefunden hat. Wunderlich erklärt gleich darauf, dass er bei Dichotomie, also einer Struktur aus zwei sich gegenüberstehen Teilen, an Ying und Yang denke. Hier soll sich scheinbar andeuten, dass sich im Stückverlauf entzweite Personen wohl noch gegenüberstehen werden. Sogleich beginnt Wunderlich Kleists Erzähltext frei vorzutragen. Er schnipst mit seinen Fingern affektiert immer dreimal, wenn er einen Buchstaben sagt, der eine Stadt markiert: Die Marquise von O., dreimal mit den Fingern geschnippt.

In Kriegszeiten wird die Marquise während einer Ohnmacht vergewaltigt. Die Witwe und Mutter mehrerer Kinder wird wieder schwanger. Ihre Eltern verstoßen sie daraufhin wegen moralisch verwerflichen Verhaltens. Die Marquise zieht sich mit ihren Kindern auf einen Landsitz zurück. Aus Sorge um das illegitime Kind sucht sie bald öffentlich den Vater und Täter. Die baldige Entdeckung des Täters birgt Überraschungen.

Während der Text nach vorne weggesprochen oder auch geschrien wird, betreten die Darsteller und einige Statisten die Bühne. Das Erzählte wird manchmal gestisch und mimisch angedeutet, oft ist ein Zusammenhang zum vorgetragenen Text jedoch auch nicht erkennbar. Eine Unterscheidung und Zuordnung der sprachlosen Figuren fällt zudem anfangs schwer. Svenja Wasser gibt eine erschrockene und blasse Marquise, die von jungen, männlichen Statisten umringt und an den Baum gedrängt wird. Die Statisten filmen sie mit ihren Smartphones. Da schreitet Benjamin Berger als Graf F. ein und vertreibt sie. Die Marquise gleitet zu Boden. Er hebt sie hoch und hängt sie kopfüber um die Astgabelung. Später trägt er auch die fünf männlichen Statisten halbnackt auf die Bühne. Er begießt sie mit einer Flüssigkeit aus einem Benzinkanister und möchte ein Feuer entzünden. Doch da beginnt ein Kunstregen von der Bühnendecke. Später wird noch mit Wasserpistolen und anderen Flüssigkeiten geschossen. Einige Figuren sind mit Engelsflügeln ausgestattet. Die Marquise trägt zwei Plastikpuppen über die Bühne, die wohl ihre Kinder markieren sollen. Es gibt den einen oder anderen berührenden Moment, etwa wenn sich die Marquise selbst unter einem metallenen Baustellenzaun begräbt.

Doch die Wandlungen in den Intentionen der Figuren werden kaum deutlich. Da sie stumm agieren, haben die Darsteller nur eingeschränkte Chancen, ihre Charaktere zu entwickeln. Konflikte werden oftmals pantomimisch nur angedeutet. Es wird auf der Bühne viel geraucht und zu sphärischen Elektro-Klängen Theaterrauch verbreitet. Doch quälende zwei Stunden provokante Bilder grotesker Gewalt- und Familienszenen und lebendiger Textvortrag unbeteiligter Sprecher begründen noch lange kein nachhaltiges Theatererlebnis. Da Die Marquise von O. zur Standard-Schullektüre gehört, gibt es trotz der missglückten Adaptation für die nächsten Folgevorstellungen nur noch Restkarten.



Die Marquise von O. am Theater Bonn | Foto © Thilo Beu

Ansgar Skoda - 9. November 2019
ID 11800
DIE MARQUISE VON O. (Schauspielhaus, 08.11.2019)
Inszenierung: Martin Nimz
Bühne: Sebastian Hannak
Kostüme: Jutta Kreischer
Musik: Matija Strnisa
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Male Günther
Besetzung:
Sprecherin ... Annina Euling
Mutter ... Nina Tomczak
Marquise von O. ... Svenja Wasser
Graf F. ... Benjamin Berger
Bruder ... Alois Reinhardt
Sprecher ... Sören Wunderlich
Vater ... Klaus Zmorek
Premiere am Theater Bonn: 8. November 2019
Weitere Termine: 15., 21., 28.11. / 01., 07., 11., 14.12.2019 // 17.01.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de/


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