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Premierenkritik

Kim Jong-un

und die Schafe



Der Würgeengel am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Thomas Aurin

Bewertung:    



Eigentlich sollte Jossi Wielers gerühmte Münchner Uraufführung von Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel) rekonstruiert werden. Der Plan, der dem Stuttgarter Schauspiel so prominente Gäste wie André Jung, Katja Bürkle, Hans Kremer und Hildegard Schmahl beschert hätte, ist dem Coronavirus zum Opfer gefallen. Stattdessen hat es eine Bühnenfassung von Luis Buñuels Film von 1962 ins Programm genommen, auf den Jelineks Titel Bezug nimmt. Die Regie hat Viktor Bodó, einer von jenen osteuropäischen Theaterleuten, die in den vergangenen Jahren von Theater zu Theater weitergereicht wurden.

Oberflächlich betrachtet, könnte man annehmen, die Story von einer Gruppe, die einen Raum nicht verlassen kann, passe in eine Gegenwart der Quarantäne. Aber das ist ein Missverständnis. Wer heute sein Zuhause nicht verlässt, tut es, mehr oder weniger freiwillig, wegen einer draußen drohenden Gefahr. In Buñuels Meisterwerk, das gemeinhin neben Un chien andalou und L'âge d'or dem Surrealismus zugeschlagen wird, das aber, im Gegensatz zu diesen frühen Klassikern, eher als Parabel oder als filmisches Pendant zum Theater des Absurden zu klassifizieren wäre, handelt es sich, darin Jean-Paul Sartres Huis clos (Geschlossene Gesellschaft) vergleichbar, um Menschen, die unverkennbar der Bourgeoisie angehören, in einer existentiellen Situation, die zwanghaft, ohne erkennbare äußerliche Gründe verharren.

Von Buñuels Vorlage sind bei Bodó nur der Grundeinfall und ein paar Dialogfetzen geblieben, und auch die vage und verunklart. Der Regisseur hat sich entschlossen, daran das Komische zu sehen. Nun kann man bekanntlich allem, selbst Krieg und Mord, eine komische Seite abgewinnen. Es kommt auf die Perspektive an. Das Problem ist, dass Viktor Bodó kein Sensorium hat für die Ökonomie des Witzes. Er zerdehnt jeden Einfall auf eine Weise, die für den Witz tödlich ist. An einer Stelle fällt ein Tablett mit Gläsern mehrmals klirrend auf den Boden. Alle auf der Bühne lachen. Nur einer sagt: „Ich finde das überhaupt nicht komisch.“ So ist es wohl auch manchen Zuschauern mit dem ganzen Theaterabend gegangen. Selbst die Technik der Wiederholung, die für Buñuels Film stilbestimmend ist, ruiniert Bodó in einer Weise, die einen an seinem künstlerischen Ingenium zweifeln lässt.

Bodó verlegt die Handlung in einen Konferenzsaal mit Übersetzerkabine. Auf einer Riesenleinwand werden Merkel, Putin und Kim Jong-un zugeschaltet. Technische Pannen stören das Gespräch der Abgeordneten, die um einen die Bühne füllenden runden Tisch sitzen und zuvor wie in einem Filmvorspann über eine Erkennungskamera vorgestellt wurden. Wenn dieser Witz mehr als ausgereizt ist, lösen sich die Konferenzteilnehmer zu Figuren auf, die eher aus dem Arsenal von Alfred Jarry oder Roger Vitrac stammen als von Luis Buñuel. Wenn sie dann grotesk tanzen, rappen und singen und Grimassen schneiden wie Freaks, könnte man dem ja was abgewinnen, wenn man es in den vergangenen Jahren nicht, unabhängig vom Stoff, hundert Mal gesehen hätte. Immerhin erlebt man ein Ensemblespiel im strengen Sinn: Alle Darstellerinnen und Darsteller haben das gleiche Gewicht, es gibt keine Haupt- und Nebenfiguren.

In einer Schlüsselszene von Buñuels Film dringen ein Bär und drei Schafe über die unsichtbare Grenze in den Raum ein, in dem sich die Gesellschaft aufhält. In der letzten Einstellung des Films marschiert eine Schafherde in eine Kirche, die deren Besucher – eine Rekapitulation der eigentlichen Story – nicht verlassen können. Dafür gibt es in der Wirklichkeit von Corona keine Entsprechung. Auch Viktor Bodó fällt nichts ein, was dieses starke Filmbild auf der Bühne ersetzen könnte. Er lässt die Damen und Herren blökend von der Bühne laufen. Wer den Film nicht kennt, kann diese Episode nicht interpretieren. Danach sitzen die Herrschaften fressend am kreisenden Konferenztisch. Zu Richard Sandersons Dreams Are My Reality zelebrieren sie eine erotische Walpurgisnacht. (Wenn es schon ohne Schlager nicht sein darf: muss der Text wirklich so plump ausgebeutet werden?) Vielleicht wäre Jelineks Vorlage doch die bessere Wahl gewesen. Auch wenn es bei ihr nicht um unsere Gegenwart geht, sondern um einen Massenmord kurz vor Ende der nationalsozialistischen Herrschaft.



Der Würgeengel am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Thomas Aurin

Thomas Rothschild - 25. Oktober 2020
ID 12555
DER WÜRGEENGEL (Schauspiel Stuttgart, 24.10.2020)
nach dem Film von Luis Buñuel

Inszenierung: Viktor Bodó
Bühne: Lili Izsák
Kostüme: Fruzsina Nagy
Musik: Klaus von Heydenaber
Sounddesign: Gábor Keresztes
Video: Vince Varga
Licht: Jörg Schuchardt
Dramaturgie: Anna Veress und Ingoh Brux
Mitarbeit Übersetzung: Sandra Rétháti
Mitarbeit Choreografie: Daura Hernández García
Mit: Gábor Biedermann, Therese Dörr, Sylvana Krappatsch, Anne-Marie Lux, Reinhard Mahlberg, Amina Merai, Peter Oscar Musinowski, Valentin Richter, Celina Rongen, Christiane Roßbach, Michael Stiller und Klaus von Heydenaber
Premiere war am 24. Oktober 2020.
Weitere Termine: 25., 26.10. / 03., 04., 27.-29.11. / 11.-13.12.2020
Mit freundlicher Genehmigung von Luis Buñuel Film Institute and Luis Alcoriza Archive


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de/


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