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DDR-Kultroman



Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Arno Declair

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Wenn der Wind ungünstig stand, dann roch man zu DDR-Zeiten den Gestank aus dem VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe meilenweit, und den „schwarzen Schnee“, den Brigitte Reimann (1933-1973) in ihrem 1974 posthum erschienen Roman Franziska Linkerhand beschreibt, gab es nicht nur im Winter. Über allem lag eigentlich ständig ein schwarzer Staub, der ziemlich ungefiltert aus den Schloten der Kraftwerke, Brikettfabriken und Kokereien südlich der Stadt Spremberg kam. Noch etwas weiter südlich in Richtung Bautzen liegt die Stadt Hoyerswerda. Nach der Wende in den 1990er Jahren durch Übergriffe von Neonazis auf Ausländer zu zweifelhaftem Ruhm gelangt, entstand in den 1960er Jahren aus dem kleinen Ort in der Lausitz eine Musterstadt des normierten Plattenbaus für die dort beschäftigten sogenannten Werktätigen des Volkes. Auch der „singende Baggerfahrer“ Gerhard Gundermann wohnte hier. Im Roman wird Hoywoi, so die Bezeichnung der Einheimischen, einfach „Neustadt“ genannt. Hierhin geht die junge idealistische Architektin Franziska Linkerhand, um nach früherer gescheiterter Ehe und ersten hochdotierten Sanierungsmaßnahmen ihres renommierten Hochschulprofessors Reger eine neue Herausforderung im sozialistischen Städtebau zu suchen.

Was sie aber vorfindet, sind Konformismus, eine graue, seelenlose Reißbrettarchitektur, die an den Bedürfnissen der Menschen vorbei projektiert wird. Gewalt gegen Frauen, Alkoholmissbrauch und Suizid sind an der Tagesordnung und lassen Franziskas Ideale und Träume schnell verfliegen, und auch die Liebe zum geschassten intellektuellen Querdenker Ben scheitert letztendlich. Das Fragment schließt mit den hoffnungsvollen Worten: „Es muß, es muß sie geben, die kluge Synthese zwischen Heute und Morgen, zwischen tristem Blockbau und heiterer Straße, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen, und ich bin ihr auf der Spur, hochmütig und ach, wie oft, zaghaft, und eines Tages werde ich sie finden.“ Sie sind in der Bühnenadaption der Regisseurin Daniela Löffner für das Deutsche Theater Berlin ebenso enthalten wie die Eröffnungsätze des Romans, die Franziska rückblickend an ihren Liebhaber Ben richtet. Ein Kultroman der ehemaligen DDR, der 1998 ungekürzt neu verlegt wurde und auch heute noch für viele aus dem Osten seine Bedeutung nicht verloren hat.

*

Die Synthese zwischen Heute und Morgen aus dem Gestern zu destillieren, könnte 30 Jahre nach der Wende die Aufgabe einer solchen Rückbesinnung auf alte literarische Stoff aus dem Osten sein. Regisseurin Löffner, die sich mit menschlichen Konfliktstoffen auskennt und bereits 2015 sehr erfolgreich eine Neubearbeitung von Turgenjews russischem Gesellschaftsroman Väter und Söhne auf die Bühne gebracht hat, begnügt sich aber im ersten Teil damit, Reimanns Romanhandlung relativ textgetreu nachzuerzählen. Die Entwicklung eines Mädchens in den Zwängen einer bürgerlichen Familie mit gebildetem Kleinverlegervater (Helmut Mooshammer) und katholisch bigotter Mutter (Kathrin Klein) zur selbstbestimmten jungen Frau mit eigenem Willem und sexuellen Wünschen.

Auf der leeren, von Wolfgang Menardi gestalteten Bühne rollt Kathleen Morgeneyer als Franziska zu Beginn eine leere Papierrolle aus, die hinten hochgezogen auch als Projektionswand für Livekamerabilder dient. Mikrofone hängen über der Szene, und Neonröhren fahren rauf und runter. Ein paar Stühle und später Schubkarren, viel mehr Requisiten braucht es nicht, sieht man mal von den eifrig gerollten Zigaretten und ständig schnipsenden Feuerzeugen ab. Erste enge Bezugsperson ist Franziskas älterer Bruder Wilhelm (Marcel Kohler), der sie eifersüchtig gegen männliche Konkurrenten aber auch gegen die strengen Eltern beschützen will. So verläuft die Kindheit und Jugend Franziskas vom Ende des Zweiten Weltkriegs mit finsteren Russen, Besitzstand wahrenden Eltern über erste Liebeserfahrungen mit Musiker Django (Felix Goeser) und dem einfachen Arbeiter Wolfgang Exß (Elias Arens), mit dem sie vor der Enge des Elternhauses in eine frühe Ehe flieht, bis zum Architekturstudium. Die Ehe mit dem intellektuell überforderten Wilhelm, der trinkt und Franziska schlägt, endet in Streit, gegenseitigen verbalen Verletzungen und einer brutalen Vergewaltigung, die hier recht schmerzhaft vorgeführt wird. Als Witznummer darf aber auch der Beutezug der Exß-Familie nach der Scheidung in Franziskas Wohnung nicht fehlen.

Nächste männliche Bezugsperson ist der Architekturprofessor Reger (Helmut Mooshammer), der hier nur kurz als herrische Klischeefigur mit Fliege und Baskenmütze über die Bühne rennt und seinen Dialog mit der sich nach Neustadt in die Provinz verabschiedenden Franziska hält. Männer bleiben auch zunächst in der Arbeitswelt des Projektierungsbüros der Großbaustelle mit dem peniblen leitenden Stadtarchitekt Schafheutlin (Peter René Lüdicke) oder dem Kollegen und Frauenheld Jazwauk (Elias Ahrens) die bestimmenden Figuren im Leben Franziskas, gegen die sie sich durchsetzen muss. Zumindest das wird, auch wenn das körperliche Unbehagen Franziskas und ihre sexuellen Probleme nur etwas am Rande mitlaufen, durchaus deutlich in der Inszenierung, die aber sichtlich mit den Textmassen zu kämpfen hat und nach fast zwei Stunden immer noch nicht weit über Seite 150 des immerhin gut 600seitigen Romans hinausgekommen ist. Einziger Kunstgriff, den sich die Regisseurin erlaubt, ist die aus dem Bühnenboden als „Mater Dolorosa“ auftauchende Autorin Reimann (Elke Petri), die sich in ein Zwiegespräch mit der zweifelnden Franziska begibt. Der recht poetische in den Erzählweisen springende Text hätte da durchaus mehr an Möglichkeiten geboten.

Nach der Pause nimmt die Inszenierung dann etwas an Fahrt auf. Gegenpart zur dominierenden Männerwelt sind die trinkende Sekretärin Gertrud (Maren Eggert mit ein paar großen Auftritten) und die Kellnerin Frau Hellwig (Maike Knirsch). Zwei resolute, selbständige Frauen, die aber in ihrem Leben auch nicht besonders glücklich sind. Die Frau von Schafheutlin (Kathrin Klein) hat im Gegensatz zur Hellwig ihre Arbeit für die Kinder aufgegeben und sehnt sich danach zurück, was sie Franziska auf einem Betriebsball gesteht. Beruflich kann Franziska einige Erfolge feiern, aber das Schafheutlin abgerungene Beratungsbüro wird wieder geschlossen und das geplante kulturelle Stadtzentrum nicht gebaut. Die Liebesbeziehung zum undurchsichtigen Ben (Felix Goeser) bleibt bei Löffner leider etwas zu blass. Dafür kann Goeser dann noch die Lebensgeschichte des nach falschen Anschuldigungen zu 4 Jahren Bautzen verurteilten Wissenschaftlers in die Livekamera sprechen. Am Ende bleibt das ungute Gefühl, zwar Brigitte Reimanns Roman in weiten Teilen auf der Bühne gesehen zu haben, aber nicht so richtig zu wissen, was uns die Regie eigentlich damit sagen will.



Franziska Linkerhand am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Arno Declair

Stefan Bock - 19. November 2019
ID 11831
FRANZISKA LINKERHAND (Deutsches Theater Berlin, 17.11.2019)
nach dem Roman von Brigitte Reimann

Regie: Daniela Löffner
Bühne und Video: Wolfgang Menardi
Kostüme: Carolin Schogs
Licht: Cornelia Gloth
Musik und Sounddesign: Matthias Erhard
Dramaturgie: David Heiligers
Mit: Elias Arens, Maren Eggert, Felix Goeser, Katrin Klein, Maike Knirsch, Marcel Kohler, Peter René Lüdicke, Helmut Mooshammer, Kathleen Morgeneyer und Elke Petri
Premiere war am 2. November 2019.
Weitere Termine: 25.11. / 18., 27.12.2019 // 01.01.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/


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