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Renate Fuhrmann als Irmgard Keun in Gilgi|Keun – Eine von uns am Theater der Keller | Foto © Teona Gogichaishvili

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Irmgard Keun (1905-1982) war eine mutige Frau, die sich als radikale Künstlerin ehrgeizig selbst verwirklichen wollte. Regisseur Heinz Simon Keller erzählt in Gilgi|Keun – Eine von uns sarkastisch überspitzt und pointiert von der Schriftstellerin und von ihrer vielleicht bekanntesten Figur im Köln der 1920er Jahre. Die Vorführung erzählt von Gilgi, der Titelheldin aus dem autobiographisch gefärbten Romandebüt Keuns. Auch Gilgi baut sich als junge Frau ein selbstständiges und unabhängiges Leben auf. Als sie sich in den doppelt so alten Lebenskünstler Martin verliebt, folgt sie ihrer Leidenschaft und gerät bald an ungewohnte Grenzen.

Die temporeiche, liebevoll ausgestattete und abwechslungsreiche Inszenierung ist ein Glücksgriff, mit dem im Herbst die Theatersaison am neuen Standort vom Theater der Keller eröffnet wurde. Nachdem die jahrzehntelangen Räumlichkeiten an der innenstadtnahen Pfarrkirche St. Paul zu teuren Wohnungen gentrifiziert wurden, wurde jetzt eine Gewerbehalle in Köln-Deutz theatrifiziert. Die neue Spielstätte Tanzfaktur bietet viel Platz für Kölns ältestes Privattheater. Die Halle in der Siegburger Str. 233 ist auch mit der Straßenbahn, Haltestelle Poller Kirchweg, gut erreichbar. Sie bietet Raum für großformatige Requisiten, wie nebeneinander aufgereihte Kostüme der damaligen Zeit, die teilweise von den Darstellern erprobt werden. Auch großformatige Bildprojektionen etwa von brennendem Papier sorgen für vieldeutiges Flair.

Gilgi - eine von uns, Keuns überraschend erfolgreiches Erstlingswerk von 1931, wird heute wieder mehrfach neu aufgelegt (u.a. 2018 bei Ullstein). Szenen der Handlung des Romans werden in unterhaltsames Bühnengeschehen übersetzt. Die 21jährige, selbstbewusste Gilgi (Kurzform für Gisela) arbeitet als angestellte Stenotypistin; möchte jedoch auch lebenshungrig ihre Träume verwirklichen. Sie schert sich nicht um Konventionen, was damals in der sehr patriarchal geprägten Gesellschaft am Vorabend der nationalsozialistischen Diktatur recht ungewöhnlich war.

Die Sprache Keuns lebt vom rhythmischen Sound. Innere Gedankenwelten vermengen sich mit erfrischenden oder frechen Dialogen. Dramaturgisch sehr gelungen ist die Idee, der jungen Gilgi (Amelie Barth) auf der Bühne die gealterte Autorin Irmgard Keun (Renate Führmann) gegenüberzustellen. Die Schriftstellerin meint gleich zu Beginn, dass ihre Romanfiguren spätestens ab Seite 40 ein Eigenleben entwickeln, das sie nicht mehr kontrollieren kann. So geht es ihr auch, wenn sie desillusioniert mit all ihren – teilweise enttäuschten – Lebenserfahrungen der hoffnungsvollen jungen Frau auf der Bühne begegnet, die alles noch vor sich glaubt. Beiden gemeinsam ist trotzdem ein eher nüchterner, pragmatischer Blick. Sie geben sich kaum den Illusionen hin über die gesellschaftlichen Umstände sowie oft finanziellen und moralischen Abhängigkeiten.

Im Alter scheint die Hoffnung der Jugend geschwunden. Ein bisschen wehmütig erkennt Keun, dem Terrorregime zwar gerade noch entkommen zu sein, nichtsdestotrotz einen Abbruch der eigenen hoffnungsvollen Karriere als Schriftstellerin erlitten zu haben. Besonders bitter war dann für Keun wohl im unverändert konservativen und spießigen Nachkriegsdeutschland mit den weiterhin in wichtigen Positionen befindlichen ehemaligen Nationalsoziallisten zu leben. Die Gesellschaft empörte es mehr, wenn eine Frau unehelich ein Kind bekam, als es der noch nicht einmal 10 Jahre zurückliegende Nazi-Terror vermochte.

So war es 1951 ein Zeugnis der persönlichen Freiheit und eine Provokation gegenüber engstirnigen Verhältnisse, als Keun im Kölner Stadt-Anzeiger die Geburt ihrer Tochter ohne Nennung eines Vaters annoncierte:

„Die Geburt meiner kleinen Tochter Martina Charlotte zeige ich hocherfreut an. Frau Irmgard Keun“

Die Anzeige wird während der Vorführung auf die Bühne projiziert. Übrigens, Martina Charlotte Keun war dann überraschenderweise real auch im Publikum während der Vorführung zugegen. Sie zeigte sich mit der Inszenierung sehr zufrieden.

Renate Führmann beeindruckt in der Rolle der gealterten Keun als enttäuschte aber lebenskluge Frau, die mit einem großen Fundus treffender Einwürfe das Geschehen bissig kommentiert. Keun zählte sich nie zu den Feministinnen, obschon sie gerade von ihnen in den späten 1970er Jahren wiederentdeckt wurde. Ähnlich wie ihre Protagonistin Gilgi (ausdrucksstark: Amelie Barth, die sehr glaubhaft eine moderne, kompromisslose junge Frau verkörpert) gefällt sich Keun in der Rolle der Frau, die mit den realen und phantasierten Mächten der Männer umzugehen weiß. Als Widerpart der Frauen macht Matthias Lühn als athletischer und sehnsüchtiger Bonvivant eine gute Figur. Für stimmungsvoll atmosphärische Musik sorgt darüber hinaus David Heiss an den Keyboards und der Jazz-Trompete.

Ein intensives Theatererlebnis mit großartigen Darstellerleistungen, das nicht umsonst für den Kölner Theaterpreis 2019 nominiert wurde.



Gilgi|Keun – Eine von uns am Theater der Keller | Foto © Teona Gogichaishvili

Ansgar Skoda - 18. Dezember 2019 (2)
ID 11891
GILGI|KEUN - EINE VON UNS (Theater der Keller, 14.12.2019)
Regie: Heinz Simon Keller
Bühne und Kostüme: Eleonora Pedretti & Marina Diez Schiefer
Video: Christoph Stec
Regieassistenz: Jule Klemm
Mit: Amelie Barth, Renate Fuhrmann, Matthias Lühn und David Heiss/Jakob Medrea (Musik)
Premiere war am 26. September 2019.
Weitere Termine: 20.12.2019 // 10., 11., 24., 25.01./ 08., 09., 16.02.2020


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-der-keller.de/


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