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Opernkritik


5. März 2006, Bayerische Staatsoper

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner


Anja Kampe als Senta | Foto: Wilfried Hösl



Die Luntenlegerin

Ihr bürgerlicher Name: Anja Kampe. Sie ist Senta. Ja und Senta ist die Hauptgestalt in Richard Wagners Der fliegende Holländer - derzeit erlebbar an der Bayerischen Staatsoper in München. Inszeniert hat sie Peter Konwitschny. Und sie kann getrost als Schmiss des höchstwahrscheinlich allerwichtigsten und allergründlichsten der Opernregisseure unsrer Zeit bezeichnet werden; es verwundert schon, dass Bayreuth sich an ihn bislang noch nicht "versuchte", denn die Resultate dieses Mannes, der - im Gegensatz zu vielen anderen vor allem aus der Schauspielsparte im für sie so völlig fremden Opernfach herumstochernden Sachkollegen - auch was von Musik versteht, sind voller Witz und Überraschungen. In Hamburg hatte er vor Jahren eine ganz in sich gekehrte, fast autistisch anmutende Lohengrin-Elsa aus einem Riesenkleiderschrank gezaubert. In Stuttgart hatte er die Gibichungenhalle (Götterdämmerung) in einen aus sich selbst glühenden Wohncontainer umverlegt. Im Dresdner Tannhäuser hatte er eine abergeile Hörselberggemeinde in 'ner Gondel wankend schwanken lassen. Usw. usf.



Juha Uusitalo (Holländer), Kevin Conners (Steuermann) und Matti Salminen (Daland) | Foto: Wilfried Hösl


Die Holländer-Geschichte liest sich bei Konwitschny etwa so:

Der norwegische Kaufmann Daland (Matti Salminen) hat eine Tochter. Es ist Senta (Anja Kampe, wie gesagt). Sie liest viel, und sie fühlt sich viel in ihr Gelesenes hinein, zum Beispiel auch in die Legende um den Holländer. Mit ihrer aktuellen Umwelt kann sie so gesehen nichts beginnen. Widerspruch von Traum und Wirklichkeit. / Die ihre Vollweibhaftigkeit unter Beweis stellenden Artgenossinnen - gestandene und vorbestimmte Seemannsbräute allen Alters, aller Kurvenform - vertreiben sich das unerträglich lange Warten auf die Männerpenisse mit hormonell sie ruhig stellendem Hometrainergestrampele in einem von Frau Mary (Heike Grötzinger) betriebnen Fitnesstudio. Nur das Mädchen Senta passt da gar nicht richtig hin, denn worauf wartet es? und so, also als Un-Weib, wird es von den anderen gehänselt und verspottet. Ungeachtet dessen führt das Mädchen Senta trotzdem ihren auf 'nem alten Ölschinken verewigten Holländerfetisch quasi an der Leine. // Daland nun ist diesem Holländer (Juha Uusitalo) in der Tat begegnet, beider Schiffe sind nach überstandnen Seenöten noch heil, und ihre beiden Seemannschaften haben sich inzwischen auch "beschnuppert". Nur der Kaufmann macht was er gelernt hatte, nämlich Geschäfte. Also luchst er seinem neuen Handelspartner, der bereitwillig die Schatztruhen vor ihm zu öffnen willens ist, Geglitzere und schnödes Tandwerk ab ... wohl wissend freilich, dass er seine eigne Tochter, die der Holländer als Gegenwert und zur Erlösung seines Fluchs verlangt, verhandelte. Und so geschieht es auch. Nachhaus zurückgekehrt, stellt Daland Senta ihren neuen Bräutigam zur Schau. /// Aber es gibt auch Erik (Stephen Gould). Er ist sehr einseitig ins Sentakind verliebt. Dieses Gefühl wird daher auch mit Null von ihm erwidert. Das verletzt ihn ungemein, und ergo ist er nicht bereit, dem "Neuen" seine Rechte abzutreten. //// Holländer kapituliert; sein Fluch bleibt unerlöst, das allzeit treue Weib das ihm der abgekauft geglaubte Hoffnungsschimmer schien, steht so dann nicht mehr zur Debatte, wieder sieben Jahre Meeresfahrten!



Damen des Chors der Bayerischen Staatsoper mit Heike Grötzinger (als Mary) | Foto: Wilfried Hösl


Anja Kampe also, die die Senta ist: Sie spielt die ururplötzlich aus der Haut fahrende Weibgewordene. "Sagt, spinn' ich", könnte sie gewütet haben, "dass ich mich als Lospfand zwischen zwei um mich herumschachernden Hodenträgern wiederfinden muss! der Eine der behauptet, dass ich ihm die Treue schwur, der Andere verlangt sie obendrein von mir, wer seid ihr eigentlich!! Scheißbücherhelden!!!" Und sie rollt ein Pulverfass herbei und legt an ihm die Lunte:
Blitz und Knall. Die Bühne schwarz ... und aus dem Off erklingt von einer vor sich hineiernden Schellackplatte her die orchestrale Schlusssentenz.

Protagonistisch wird auf Staatsniveau gesungen, allen Darstellern voran das Hauptpaar dieses Abends, Kampe & Uusitalo; nein, es würde nicht verblüffen, sie in naher Zukunft als Brünnhild & Wotan irgendwo dann wiederzugewahren. Für Salminen ist die Partie etwas hoch geraten, doch er macht gelegentliche "Höhenkämpfe" durch sein Spieltalent vergessen. Gould als Erik hinterlässt einen erkräftigenden tenoralen Eindruck. Kevin Conners (Steuermann) kann doch zumindest der Erwähnung seines Namens sicher sein. Staatsopernchor und Staatsorchester standen unter der bewährten Leitung Adam Fischers. Was den Damen und den Herren aus dem Chor mitunter gar zu tremolorig aus den Kehlen lief, machte der schnörkellose, fast schon harte Musizierstil des Orchesters ausgleichend dann wieder wett.

Sehr sehens- und sehr hörenswert.


Andre Sokolowski - 7. März 2006
ID 00000002284

http://www.andre-sokolowski.de

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER (Nationaltheater München, 26.02.2006)
Musikalische Leitung: Adam Fischer
Inszenierung: Peter Konwitschny
Ausstattung: Johannes Leiacker
Chöre: Andrés Máspero
Besetzung:
Daland ... Matti Salminen
Senta ... Anja Kampe
Erik ... Stephen Gould
Mary ... Heike Grötzinger
Der Steuermann ... Kevin Conners
Der Holländer ... Juha Uusitalo
Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper
Premiere war am 26. Februar 2006
Weitere Termine: 12., 16. 3. / 16. 7. 2006


Weitere Infos siehe auch: http://www.bayerische.staatsoper.de



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