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Repertoire

Knoblauch ist

so gut wie

zehn Mütter



Birgit Minichmayr und Michael Maertens in Komplizen am Burgtheater Wien | Foto (C) Andreas Pohlmann

Bewertung:    



Simon Stone, dessen historische Fantasie nicht weiter zurück reicht als bis zur Erfindung des Mobiltelefons und der von Kritikern bejubelt wird, die sich eine Welt ohne dieses Requisit nicht vorstellen können, hat sich diesmal über Maxim Gorkis Kinder der Sonne und Feinde hergemacht und sie, wenngleich handyfrei, zu einem Mischmasch mit dem Titel Komplizen verwurstet.

Gorki hat sich in seinem erzählenden wie in seinem dramatischen Werk mit starker Empathie für die Armen und Leidenden in Russland eingesetzt, damit zugleich in der Tradition Dostojewskis, dem er allerdings kritisch begegnete, wie politischer Bewegungen des 19. Jahrhunderts stehend. In Kinder der Sonne von 1905 beschäftigt sich Gorki mit dem Versagen der Intellektuellen beim Kampf für die Rechte und ein besseres Leben der Bauern und des entstehenden Proletariats in den Zeiten der Cholera (ein Angebot zur Analogisierung, das Stone dankbar annimmt), in Feinde von 1906 mit Problemen und Auswirkungen der Klassenauseinandersetzungen. Freilich stellt sich in Russland in der Nachfolge der Narodniki, der „Volkstümler“, die Frage des „Verrats der Intellektuellen“ (Julien Benda) grundsätzlich anders dar als im industrialisierten Westen. Das müsste man reflektieren, ehe man Gorkis Dramen nach Westeuopa, noch dazu in unserer Zeit, versetzt. Solche Bedenken freilich sind Simon Stones Ding nicht. Mit einer geradezu atemberaubenden Ahnungslosigkeit und Naivität behauptet er Analogien, die es so nicht gibt.

Das von Simon Stone ins Wien der Corona-Pandemie und der (nur erwähnten, zum Glück nicht getragenen) Mund-Nasen-Masken versetzte Russland findet in Breitwand-Glaspavillons von Bob Cousins statt, die sich auf der Drehbühne im Kreis bewegen. Das hat zur Folge, dass die über Boxen transmittierten Stimmen nicht lokalisierbar sind. Wer gerade spricht, ist schon in der 10. Reihe des Parketts, nicht zu reden von der Galerie über dem 3. Rang, kaum auszumachen.

Das Spektakel wirkt über lange Strecken, als hätte nicht Gorki, sondern Yasmina Reza den Text geschrieben. Die angestrengte „Ungezwungenheit“ der Dialoge biedert sich an ein Publikum an, das seine sprachliche Sozialisation am Fernsehapparat genossen hat. Die Dauersuada kennt keine Interpunktion, keine Pause, kein Ritardando. Dem gepflegten Burgtheaterdeutsch von einst muss man keine Träne nachweinen, aber der standardisierte Netflix-Naturalismus ist auch nicht die endgültige Glücksverheißung.

Wenn Les Blank vor 40 Jahren seinen Film Garlic Is As Good As Ten Mothers vorführte, ließ er im Kino Knoblauch braten, damit die Zuschauer in den Genuss eines Geruchsfilms kamen. Simon Stone lässt auf der Bühne kochen, und so erfahren auch die Theaterzuschauer, dass Knoblauch so gut ist wie zehn Mütter.

Die Theaterleiter haben Simon Stone die besten Schauspieler deutscher Sprache zur Verfügung gestellt. Davon zehren auch die Komplizen. Mit dieser Besetzung könnte selbst bei einem weniger gefeierten Regisseur nicht viel schief gehen. Es ist immer ein Vergnügen, der vertrauten Schlaksigkeit von Michael Maertens zuzusehen und seinem Rest-Missingsch zuzuhören, oder Peter Simonischek zu bestaunen, wie er sich zum Elder Statesman des Burgtheaters entwickelt hat mit einem patriarchalischen Gestus, der in diametralem Gegensatz steht zur brüchigen „Unsicherheit“ eines Gert Voss, eines Ignaz Kirchner oder beispielsweise eines André Jung. Birgit Minichmayr muss sich, weil sie in ihrer Rolle ziemlich neurotisch zu sein hat, ständig die Haare aus der Stirn wischen oder die Fäuste gegen einander schlagen. Nicht unerwähnt bleiben darf der stets zuverlässige Roland Koch, der vielleicht nur mangels Manierismen weniger charismatisch wirkt. Wer auf Kleinigkeiten achtet, erkennt seine präzise Schauspielkunst.

Ein Teil von Simon Stones Erfolg dürfte darauf beruhen, dass man hierzulande Robert Lepage kaum kennt. Von dem Kanadier hat der Australo-Schweizer einiges abgeschaut, mit dem Unterschied freilich, dass Lepage mehr und Originelleres zu sagen hat.

Macht nichts. Publikum und Kritik jubeln. Wir werden Simon Stone nicht so bald aus den Augen verlieren. Es gibt noch zu viele Theaterstücke, die darauf warten, von ihm verbessert – pardon: überschrieben zu werden.



Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Lilith Häßle und Roland Koch (v.l.n.r.) in Komplizen am Burgtheater Wien | Foto (C) Marcella Ruiz Cruz

Thomas Rothschild - 18. Oktober 2021
ID 13220
KOMPLIZEN (Burgtheater Wien, 17.10.2021)
Regie: Simon Stone
Bühne: Bob Cousins
Kostpme: Aino Laberenz
Komposition: Alva Noto
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Sebastian Huber
Besetzung:
Paul ... Michael Maertens
Anita ... Annamária Láng
Matthias ... Peter Simonischek
Igor ... Rainer Galke
Farida ... Safira Robens
Melanie ... Birgit Minichmayr
Raschid ... Bardo Böhlefeld
Botho ... Felix Rech
Lisa ... Mavie Hörbiger
Goran ... Dalibor Nikolic
Dzetmar ... Roland Koch
Tanya ... Lilith Häßle
Cleo ... Stacyian Jackson
Jürgen ... Falk Rockstroh
Premiere war am 26. September 2021
Weitere Termine: 24., 31.10. / 06., 27.11.2021


Weitere Infos siehe auch: https://www.burgtheater.at


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