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Premierenkritik

Fabian Hinrichs verhebt sich als Regisseur ohne Hauptdarsteller an Lord Byrons pathetischer Tragödie über einen hedonistischen Assyrer-König ohne Herrscher-Ambitionen

SARDANAPAL in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Bewertung:    



Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hat wiedermal weder Kosten noch Mühen gescheut. Es beginnt mit AC/DC und endet mit ABBA. Wer A sagt, muss aber bekanntlich nicht B sagen. Begonnen hat alles mit einer Initiative des Autors und Theaterkritikers Simon Strauß. Der suchte in der Artikel-Serie „Spielplan-Änderung“ für die FAZ nach vergessenen Stücken, die unbedingt mal wieder aufgeführt werden sollten. Der Schauspieler Fabian Hinrichs schwärmte da 2019 von der Tragödie Sardanapal, 1821 vom englischen Dichter Lord Byron (1788-1824) geschrieben und dem deutschen Dichterkönig Goethe gewidmet. Allerdings veröffentlichte er dieses Stück nicht in der Absicht, es auf die Bühne zu bringen. Aufgeführt wurde es nach Byrons Tod doch hier und da. Zum Beispiel 1987 inszeniert von Thomas Reichert am Schauspielhaus Zürich mit Andre Jung in der Hauptrolle des assyrischen Königs Sardanapal und Suzanne von Borsody als dessen Geliebte und Sklavin Myrrha. „Ein Narr, den man vergessen hat, am Aschermittwoch auszuwechseln.“ So beschrieb der Regisseur damals diesen König.

Was Fabian Hinrichs an Byrons Stück so fasziniert, kann man auf der Website der Volksbühne nachlesen. Ein wenig Flowerpower gemischt mit etwas „Weltschmerz“ und der Sehnsucht nach der Freiheit des Einzelnen gegenüber den Normen der Gesellschaft. Byron, selbst großer Idealist, politisch denkender Kopf, Reisender und später sogar Freiheitskämpfer in Griechenland nahm die antike Figur des Sardanapal und dichtete sich einen Hedonisten und jegliche Gewalt verabscheuenden Herrscher mit dem Credo: „Iss, trink und lieb - der Rest ist keinen Heller wert.“ Das geht natürlich schief. Der Nicht-Herrscher wird in einer Revolte gestürzt und geht mit seiner Geliebten in den Feuertod. Die FAZ veröffentlichte zum Stück sogar einen kleinen Videofilm mit Spielszenen und einem Interview mit dem Ex-Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann, der beim Schnitzelessen über die Ambivalenz des Menschen, dessen Einzigartigkeit und die Gleichheit aller räsoniert.

Die Idee zur Inszenierung war also geboren. Eine Lange Nacht der vergessenen Stücke sollte an der Volksbühne folgen. Das war allerdings zu einer Zeit, als Corona noch ein Gedicht von Paul Celan war. Nun endlich aber war es soweit, und die Premiere an der Volksbühne konnte stattfinden. Einen Tag davor meldete die Berliner Zeitung aber den Abgang des Hauptdarstellers Benny Claessens. Ein Zerwürfnis mit Regisseur und Mitdarsteller Fabian Hinrichs auf der Hauptprobe soll der Grund gewesen sein. Die Dramaturgin der Produktion, Anna Heesen, erklärte dem wartenden Publikum aber nur, dass es Claessens seit gestern nicht gut ginge. Fabian Hinrichs werde die Passagen von Claessens mit Textbuch selbst spielen, hieß es noch. Der Lappen ging also trotzdem hoch.

Zunächst ist der Eiserne Vorhang aber noch zu. Es wird nur eine Strophe des Rock 'N' Roll Singer von von AC/DC eingeblendet, während der Song in voller Lautstärke dröhnt. Es geht weiter mit Bibel- und Hölderlin-Zitaten, bis Hinrichs im Anzug mit Fliege auf die Bühne springt und zu Barry Whites Let The Music Play ausgelassen tanzt und gegen den Eisernen Vorhang springt. Sehr ergreifend singt er noch begleitet am Klavier von Sir Henry An die Musik von Franz Schubert. „Du holde Kunst, ich danke dir!“ Als sich der Vorhang hebt, ist Hinrichs aber nicht in eine bessere Welt entrückt, sondern steht in der Schlange an einer Rewe-Kasse, wo Lilith Stangenberg Waren über den Scanner schiebt. Das wirkt dann irgendwie noch wie ein verunglückter Versuch, Christoph Marthaler zu imitieren.

Als Hinrichs dann Lilith Stangenberg fragt, woran sie so abwesend die ganze Zeit denkt, performt die einen Tanz im Sand am Strand in Italien auf die Bühne. Sie träumt sich in die Aphrodite-Grotte nach Zypern, und Celans Corona-Gedicht muss natürlich auch noch herhalten. Als wäre es genau das, was Supermarkt-Kassiererinnen so den ganzen Tag denken. Vermutlich hat darüber auch keiner weiter nachgedacht. Soviel zur Frage Sardanapals: „Wenn ich nicht ich bin, hier - wer kann ich sein? Wo?“ Der Sand wird weggefegt, und es reiht sich Nümmerchen an Nümmerchen. Es wird vorrangig Chopin und Rock’n’Roll gespielt. Sir Henry am Klavier, Hinrichs am Schlagzeug. Dazu tanzen Tänzer:innen des Friedrichstadtpalast über die Bühne. „Da ba dee da ba di“ „Ja. Rock n Roll macht Spaß!“

Da ist aber noch kein Wort aus dem Stück gefallen. Hinrichs verliert sich lieber mit Textbuch in einem schwermütigen Byron-Traum am Genfer See. Er entwirft eine Art apokalyptischen Albtraum mit einer Eigenübersetzung von Byrons Gedicht Darkness, in dem sogar die zerbombten Ruinen des Ukraine-Kriegs reinpassen. Das wäre wohl der Part von Benny Claessens gewesen. Der sonst auch nicht zimperliche Mimi dürfte sich aber bei den Zeilen „Ich hatte es geschafft, nicht mehr als 120 kg zu wiegen bei 1 Meter 73, überall war Fett“ sicher nicht besonders wohl gefühlt haben. Lord Byron werden Essstörungen nachgesagt. Was das mit dem gerne Gelage abhaltenden Sardanapal zu tun haben könnte, erschließt sich aber wie das ganze rahmende Text-Mashup nicht wirklich.

Nach etwa einer Stunde spielen Fabian Hinrichs und Lilith Stangenberg dann doch noch im Hochton der Tragödie Szenen aus dem Sardanapal, den Hinrichs für eine tragische Burleske hält. Da ihm der queere Hauptdarsteller abhanden gekommen ist, muss Hinrichs selbst die Perücke aufsetzen und mit Textbuch weiter Schmiere geben. Das dürfte selbst für ihn die Höchststrafe sein. Dazu vollführen die Tänzer:innen des Flying Steps Diploma Programms und des Friedrichstadtpalastes Schwert- und Serpentinentänze. Vom Schnürboden seilt sich an Tüchern eine Akrobatin ab. Das ist alles recht schön anzuschauen. Der pathetische Textvortrag ist aber kaum noch auszuhalten. Untermalt wird das Ganze bis zum großen, befreienden Flammentod vom aus dem Orchestergraben auftauchenden Jugendsinfonieorchester Berlin am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium. Dancing Queen von ABBA beschließt diesen Abend, der in seiner unfertigen Verquastheit besser Idee geblieben wäre.



Sardanapal nach Lord Byron an der Volksbühne Berlin | Foto (C) Apollonia T. Bitzan

Stefan Bock - 22. April 2023
ID 14158
SARDANAPAL (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 21.04.2023)
nach Lord Byron

Regie & Musik: Fabian Hinrichs
Bühne: Ann-Christine Müller und Fabian Hinrichs
Kostüme: Tabea Braun und Martha Lange
Licht: Frank Novak
Einstudierung & Musikalische Leitung Orchester: Knut Andreas und Heike Scharffenberg
Choreographie: Christine Bach und Jeff Jimenez
Stunttraining: Pat Pertz
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Fabian Hinrichs, Lilith Stangenberg, Sir Henry und den Tänzer:innen Christine Bach, Marten Baum, Davide de Biasi, Danielle Bezaire, Martin Buczko, Dennis Dietrich, Madlen Engelskirchen, Pauline Funke, Nele Hermann, Bianca Hüchtebrock, Iga Kowalczyk, Roman Lukyanchenko, Christine Wunderlich sowie Preda Bâzga und dem Jugendsinfonieorchester Berlin am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium
Premiere war am 21. April 2023.
Weitere Termine: 24., 27.04./ 07., 30.05.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne.berlin


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