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Premierenkritik

Letzte Station Torgau.

Eine kalte Umarmung

Hans-Werner Kroesinger und Regina Dura berichten in ihrem Dokutheaterstück über das System der Jugendwerkhöfe in der DDR

Bewertung:    



Die Geschichte der Jugendwerkhöfe in der DDR ist ein dunkles Kapitel, das in der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit bisher eher am Rande vorkam. Systemische Gewalt an schutzbefohlenen Jugendlichen ist in allen Gesellschaften bekannt, vor allem auch durch die Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche. Was sich aber im Namen einer „Neuen Gesellschaft“ in den der Jugendhilfe angehörenden Jugendwerkhöfen abspielte, macht einen als ehemaligen DDR-Bürger noch im Nachhinein betroffen. Nun hat sich das bekannte Dokutheater-Duo Hans-Werner Kroesinger & Regina Dura mit dieser Thematik befasst. Letzte Station Torgau. Eine kalte Umarmung ist die zweite Produktion des Teams für das Schauspiel Leipzig, das durch seine geografische Nähe zur Stadt Torgau an der Elbe ein guter Standort für die sehr aufwendige Recherchearbeit zum Thema ist.

Letzte Station bedeutet, dass sich in Torgau der einzige geschlossene Jugendwerkhof der DDR befand, in den von 1964 bis 1989 Jugendliche aus anderen Werkhöfen des Landes als Strafmaßnahme für in der Regel 18 Monate inhaftiert wurden. Und das ohne richterliche Beschlüsse. Es handelte sich hier auch nicht um straffällig gewordene Jugendliche, sondern (um im Jargon der Ex-DDR zu bleiben) sogenannte „schwer-erziehbare“. Die Gründe für die Einweisung in einen Jugendwerkhof waren sehr verschieden, wie man in der Inszenierung aus den Erzählungen von vier beispielhaften Fällen erfährt.

Das Produktionsteam hat Interviews mit ehemaligen Betroffenen geführt und deren Berichte als Grundlage für die Textfassung des Dokustücks verwendet. Zumeist wurden Jugendliche aus nicht systemkonformen Elternhäusern, aber auch von überforderten Eltern oder alleinerziehenden Elternteilen wegen Renitenz, Schulschwänzen oder aus Subkulturen wie der Punk- und Rockerszene in Jugendwerkhöfe eingewiesen. Das geschah zumeist von heute auf morgen, ohne die Jugendlichen überhaupt in die Entscheidung einzubeziehen. Das Ziel war die Umerziehung zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft. Ein hierarchisches System, bestehend aus Bestrafung und Belohnung.

Für die Inszenierung hat Bühnenbildner Hugo Gretler einen Holzlattenrost in die Spielstätte Diskothek gebaut. Darauf befinden sich eine verschiebbare Videowand, eine Wippe, die auch zu einem großen Tisch umgebaut werden kann. Später kommen Matratzen und Gitterwürfel dazu. Symbole eines Zwangssystems aus Ordnung, Drill und Unterwerfung. Das Schauspielensemble teilt sich zunächst in drei betroffene Jugendliche und drei Erzieher auf. Wir erfahren im Laufe des Abends, wie die Jugendlichen in das System der Jugendwerkhöfe hineingekommen sind und wie es ihnen dort ergangen ist. Aber auch die Erzieher stehen hier im Fokus und das Erziehungssystem, das diese Art der Behandlung propagierte. Christoph Müller gibt den Erziehungsfunktionär mit Parteibonbon am Revers, der im Jargon von Margot Honecker (ehemalige DDR-Bildungsministerin) schwadroniert. Später verkörpert er noch den berüchtigten Torgauer Jugendwerkhofleiter Horst Kretzschmar.

Das Umerziehungssystem in Torgau bestand zunächst aus Isolation, Androhung von Strafen und deren Durchführung. Die kollektiven Erziehungsmethoden hatte man vom sowjetischen Vorzeigeerzieher Anton Semjonowitsch Makarenko entlehnt. Das Ensemble tanzt hier kurz zum Pop-Song Macarena, während sich Christoph Müller einen Schnauzbart umbindet und aus Makarenkos Gedanken zur erzieherischen „Explosion“ erzählt. „Entweder Mitglied der Gesellschaft sein oder aus ihr ausscheiden.“ Auch Texte aus anderen sozialistischen Erziehungsratgebern werden zitiert. Dagegen stehen die Berichte der Betroffenen, die von körperlicher Zwangsertüchtigung, Kollektivstrafen, Isolationshaft sowie von körperlichen und sexuellen Übergriffen der Erziehen erzählen.

Natürlich war auch in den Jugendwerkhöfen die allmächtige Stasi präsent. Dazu wird aus Berichten von informellen Mitarbeitern unter den Erziehern berichtet. So erfährt das Publikum auch von Übergriffen der Erzieher, die aber zumeist unter den Teppich gekehrt und die Jugendlichen dafür wegen Verleumdung bestraft wurden. Täter-Opfer-Umkehr, die auch in einem Bericht einer ehemaligen Insassin deutlich wird, die nach der Wende eine ehemalige Erzieherin besuchte, die sich als Opfer des sozialistischen Systems sieht. Spielerisch hat der fast zweistündige Abend allerdings ein kleines Manko. Die Regie versucht das Unfassbare durch kleine Spielszenen erfahrbar zu machen, ohne zu didaktisch zu wirken. Den Aussagen der ehemaligen Insassen wird viel Raum gegeben. Eine fällige Ermächtigung im Nachhinein. Szenisch sehr schön verdeutlicht das auch ein gespielter Bericht einer Meuterei der Jugendlichen gegen ihre Ausbeutung als billige Arbeitskräfte zur Warenproduktion für das westliche Ausland. IKEA und WASA stehen hier stellvertretend in der Kritik.

Der dicht durcherzählte Abend wird auch mit ein paar Songs aufgelockert. Ein Lied aus der Produktion, in dem der sozialistische Wettbewerb besungen wird oder der Frank-Schöbel-Schlager Hier  lebst  du hier bist du zu Haus. Was die Jugendlichen insgeheim an Zellenwände und Pritschen geschrieben haben, wird hier ebenfalls vorgetragen und verdeutlicht ihre wahren Gedanken. Die Auswirkungen dieses unmenschlichen Erziehungssystems ist bei vielen heute noch körperlich und seelisch präsent in Form von Schlaflosigkeit, Angst vor Kontrollverlust oder Depression. Der Abend schließt mit Fotos von jugendlichen Insassen auf der Videowand. Heute sind Teile des Jugendwerkhofs Torgau Museum und Gendenkstätte. Und auch diese Inszenierung kann mit dafür sorgen, dass die Aufarbeitung des Unrechts im Bewusstsein des vereinigten Deutschland bleibt.



Letzte Station Torgau am Schauspiel Leipzig | Foto (C) Susann Feiedrich

Stefan Bock - 12. März 2023
ID 14099
LETZTE STATION TORGAU. EINE KALTE UMARMUNG (Diskothek, 11.03.2023)
Regie: Hans-Werner Kroesinger, Regine Dura
Bühne und Kostüme: Hugo Gretler
Dramaturgie: Georg Mellert
Licht: Mattheo Fehse
Ton: Heribert Weitz
Theaterpädagogische Betreuung: Amelie Gohla
Mit: Paulina Bittner, Denis Grafe, Christoph Müller, Ronja Rath, Teresa Schergaut und Leonard Wilhelm
Premiere am Schauspiel Leipzig: 11. März 2023
Weitere Termine: 19., 25.03.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-leipzig.de/


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