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Premierenkritik

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Annette, ein Heldinnenepos am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Thomas Aurin

Bewertung:    



Kein Vorhang weckt die Neugier darauf, was sich dahinter verbergen könnte. Wenn sich die Türen zum Zuschauerraum öffnen, erkennt man Bühnenarbeiter, die tun, was Bühnenarbeiter eben so tun. Schauspieler laufen vorbei und setzen sich in die erste Reihe. Frau Köhler macht am Bühnenrand Kniebeugen, und wir dürfen rätseln, ob das zur Inszenierung gehört oder doch eher zu ihren Lockerungsübungen.

Vor hundert Jahren hat derlei Verblüffung ausgelöst. Inzwischen ist es zur Konvention geworden und erfüllt daher keinerlei Funktion. Überraschend ist an diesem Premierenabend nicht die Routine gängiger Theaterkonventionen, sondern das Thema. Eine Kommunistin, die als Heldin gefeiert wird – das sieht man nicht alle Tage am deutschen Theater. Allerdings geht es in Annette, ein Heldinnenepos nach dem 2020 erschienenen dokumentarischen Roman in Versen von Anne Weber um eine französische Kommunistin und ihre Verwicklung in den Algerienkrieg, nicht um deutsche Kommunisten, nicht um das Verbot der KPD, nicht um den Radikalenerlass. Im Übrigen ist die Gattungsbezeichnung „Epos“, so angemessen sie für Webers Roman sein mag, für einen Theaterabend ein Widerspruch in sich, aber was will man in einer Umgebung der Sprachschludrigkeit, in der ein sentimentaler Film Drama, eine aufwendige Bühneninszenierung „großes Kino“ und eine szenische Darstellung Erzählung heißt. Ebenso könnte man einen Schinken Käse nennen.

Anne Beaumanoir – so der Name der Frau, die als Modell für Anne Webers Annette diente und deren Leben die Vorlage für den Roman geliefert hat – verkörpert tatsächlich einen modernen Heroismus durch ihre Opferbereitschaft und ihren kämpferischen Einsatz gegen den Nationalsozialismus und den französischen Kolonialismus, für den sie zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, der sie sich allerdings durch Flucht ins Ausland entziehen konnte.

Dušan David Pařízek, der Figaro unter den Regisseuren, der seit langem zwischen Hamburg, Zürich und Wien gefragt ist, debütiert mit Annette am Schauspiel Stuttgart. Er hat auch das minimalistische Bühnenbild entworfen: einen riesigen Kubus mit Wänden aus herabhängenden schmalen Holzlatten, die am Ende krachend umstürzen – auch dies kein taufrischer Einfall (seine Geburtsstunde dürfte mit Elias Canettis Hochzeit neunzig Jahre zurück liegen). Davor dienen sie als Projektionsfläche für Schatten und Videos. Dazu kommt die reichliche Verwendung von Spots und zusätzlichen Lichtquellen wie Taschenlampen, mit denen die Akteure ihre Gesichter beleuchten.

Aus dem Roman wird in Stuttgart ein Debattenstück mit kontrapunktischer körperlicher Hektik. In den Szenen mit meist gesteigertem Tempo wechseln Sarah Franke, Josephine Köhler, die viel zu selten eingesetzte wandlungsfähige Sylvana Krappatsch und der Gast Peter Fasching, der auch Musikfragmente auf diversen Instrumenten beisteuert und zwischendurch zudem mit einem undefinierbaren österreichischen Dialekt amüsiert, von der Erzählung zum Dialog und zurück. Dazu dürfen sie asynchron zappeln und sich krümmen, tanzen und singen, kurz: alles tun, was den Verdacht einer realistischen Darstellung zerstreut. Langeweile kommt nicht auf. Allerdings drohen die Informationen, etwa über die Geschichte Algeriens, in all dem Gewurle unterzugehen. Eins jedenfalls wird man dieser Inszenierung nicht vorwerfen, obwohl es angesichts des Stoffes nahe läge: dass sie allzu belehrend, allzu rhetorisch sei. Und immerhin kann es ja nicht schaden, wenn die Résistance oder der Algerienkrieg im historischen Bewusstsein von jungen Menschen des Jahres 2022 nicht weniger verankert sind als, sagen wir, das "Wunder von Bern".



Annette, ein Heldinnenepos am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Thomas Aurin

Thomas Rothschild – 6. November 2022
ID 13898
ANNETTE, EIN HELDINNENEPOS (Schauspielhaus, 05.11.2022)
Inszenierung und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Musik: Peter Fasching
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger
Mit: Peter Fasching, Sarah Franke, Josephine Köhler und Sylvana Krappatsch
Premiere am Schauspiel Stuttgart: 5. November 2022
Weitere Termine: 08., 25.11./ 01., 10., 20., 30.12.2022// 08., 27.01./ 11., 16., 20.02.2023


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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