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Kabarett

Im Kapuzenpullover zur

Darmspiegelung

HADER ON ICE im Theaterhaus Stuttgart

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In der reichhaltigen österreichischen Kabarettgeschichte von Karl Farkas und Fritz Grünbaum bis Gunkl und Klaus Eckel gibt es zwei Autoren-Darsteller, die das Kleinkunst-Format gesprengt und eine literarische Gattung der besonderen Art hervorgebracht haben: Helmut Qualtinger und Josef Hader.

Nun kann man sich fragen: ist das, was Hader in seinem Programm Hader on Ice präsentiert, dem ersten neuen nach siebzehn Jahren und gelegentlichen Auftritten mit einer Best-of-Auswahl, für das ihm eben erst der Deutsche Kleinkunstpreis 2022 in der Kategorie „Kabarett“ zugesprochen wurde – nach dem Preis in der Rubrik „Kleinkunst“ für 1990 –, überhaupt noch Kabarett? Nenn es Tschambafi. Auf alle Fälle ist es saukomisch. Und keine Operette. Terminologische Debatten sind bloß öde und klären nichts. Es wäre borniert, von Josef Hader einzufordern, was zu geben nicht seine Absicht ist: eine ausdrückliche Stellungnahme zum aktuellen Tagesgeschehen. Kaum weniger borniert freilich ist es, jenen Kabarettisten, die sich anders, nicht aber minder plausibel entschieden haben als Hader, zu unterstellen, sie würden lediglich ihr Publikum in seinen Vorurteilen bestätigen. So manichäisch ist die Welt nicht eingerichtet. Nicht alles, dem das Publikum zustimmt, muss ein Vorurteil und falsch sein. Und auch Haders eigene Programme bemessen sich zum Glück nicht am Widerspruch, der ihnen entgegenschlägt (oder eben auch nicht). Hader muss, anders als sein vorausgegangenes Soloprogramm suggeriert hat, nicht weg. Er wird doch von allen, und in Stuttgart ganz besonders, geliebt. Er ist einfach gut. Ein Vorurteil, das sich immer wieder bestätigt? Na und?

Am ehesten ließe sich Hader mit Woody Allen vergleichen – und der ist ja auf dem Gebiet der Filmkomödie unserer Jahre auch ein absoluter Einzelgänger ohne Konkurrenz. Mit Woody Allen, der, ehe er, wie übrigens auch Hader, Filme machte, vollendet demonstrierte, was man das amerikanische Gegenstück zum deutschen Kabarett nennen könnte, teilt Hader den Sinn für abstruse Situationen, die er dem Alltag ebenso wie den (Trivial-)Künsten ablauscht. Mit Woody Allen teilt er jene permanente Bereitschaft zum Kippen zwischen Witz und Tragik, die der Komik erst Komplexität und Nachhaltigkeit verleiht. Über Haders Pointen lacht man, wie über jene von Woody Allen, nicht nur spontan im Augenblick, sondern sie beschäftigen einen weiter. Um es mit einem kurzen Satz zu formulieren: Josef Hader ist um einiges intelligenter als ein Großteil seiner Berufskollegen.

In Hader on Ice verkörpert er, darin Gerhard Polt vergleichbar, den Typus des Spießers, in dem das Publikum freilich, wenn es hinreichend selbstkritisch ist, auch den Veganer oder den Yoga-Praktizierenden erkennen kann. Er ist bei Hader allerdings komplexer, widersprüchlicher als bei seinem 20 Jahre älteren bayrischen Kollegen. Er outet sich oder vielmehr die Figur, die er darstellt, als „reich“. Ohne Alkohol geht nichts bei dem Mann im schwarzen Anzug und schwarzen Hemd mit gefärbter Brille. Er macht sich lustig über Verschwörungstheorien. Er erzählt vom Krampus, der damit gedroht hatte, was passiert, wenn er nicht brav ist. Da war er fünf. „Das war die erste Verschwörungstheorie in meinem Leben.“ Er verspottet sich als alten Mann mit einer jungen Frau. „Ich fahr Skateboard im Kapuzenpullover zur Darmspiegelung.“ Er simuliert Oskar Werner in Stanley Kramers Film Das Narrenschiff. (Ob die Zuschauer im Theaterhaus den Film und den genialen Schauspieler noch in Erinnerung haben?) Er bekennt: „Die besten Menschen auf der Welt sind für mich die Arbeiter. Ich würde wirklich gern einen treffen." Oder: „Ich glaube an Sachen, die es gibt: Ich glaube an Toleranz und an Solidarität.“ Und einmal mehr darf man raten, ob das ernst oder ironisch gemeint ist. Nicht, dass er daran glaubt, sondern dass es Toleranz und Solidarität wirklich gibt.

Dann kippt der Monolog, der so nah am realen Alltag ist, ins Fantastische. Ein Wolf begleitet Hader in den Supermarkt und erringt den zweiten Preis in einem Kostümwettbewerb. Er schützt den Kabarettisten auch vor seinen „natürlichen Feinden“, den jungen Comedians und den feministischen Filmregisseurinnen.

Zum Schluss setzt sich Hader mit dem Rücken zum Publikum ans Klavier und singt Over the Rainbow in einer Weise, die nicht nur Judy Garland, sondern auch Tom Waits als Schönsänger erscheinen lässt.

Josef Hader begibt sich heute und morgen noch im Stuttgarter Theaterhaus und danach das ganze Jahr 2022 in diversen deutschen und österreichischen Städten aufs Eis oder zumindest aufs Skateboard, ehe er wieder nach Stuttgart zurückkehrt.
Thomas Rothschild – 24. November 2021
ID 13320
Weitere Infos siehe auch: https://www.theaterhaus.com


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