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Gastspiel

Król

liest

Camus



Joachim Król | Foto (C) Stefan Nimmesgern

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Joachim Król ist, dank Film und Fernsehen, ein Star. Sein Name ist geläufig. Wahrscheinlich aber fragen sich viele, was das diakritische Zeichen über dem o bedeutet. Ó ist ein Buchstabe im polnischen Alphabet, und er wird als u ausgesprochen. „Król“, also „krul“, bedeutet schlicht „König“. Joachim Król aber wurde in Herne geboren. Króls Vater war Bergmann. Seine Vorfahren kamen, wie viele Bergarbeiter in Westfalen, aus dem heutigen Polen. Warum der Schauspieler die Schreibweise seiner Urgroßeltern beibehalten hat, wissen wir nicht. Nur so viel: dass sein Name, wenn schon, denn schon, ständig falsch ausgesprochen wird.

Joachim Król reist seit ein paar Jahren mit einem Programm durchs Land, das ein bewährtes Modell wiederbelebt: die Lesung mit Musik. Dafür hat er sich das autobiographische Roman-Fragment Der erste Mensch von Albert Camus gewählt, das erst 34 Jahre nach dessen Tod im französischen Original und ein Jahr später in der deutschen Übersetzung von Uli Aumüller erschienen ist. Mit der sensationellen Wiederentdeckung von Camus im Gefolge der Corona-Pandemie hat diese Wahl nichts zu tun: Die Premiere des Programms fand statt, als von einer neuen „Pest“ noch nicht die Rede sein konnte. Jetzt hat es im voll besetzten Stuttgarter Schauspiel gastiert.

Der erste Mensch ist geeignet, all jene zu beschämen, die, in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen, über Bildung spotten, die ihnen ohne großen Aufwand zugefallen ist. Wer sie sich erst erkämpfen musste, sieht das anders. Die Österreicher Franz Michael Felder, Regina Lampert, Franz Innerhofer und Gernot Wolfgruber zum Beispiel oder erst kürzlich Christian Baron, Ingried Wohllaib und Monika Helfer wussten, was es für sie bedeutet, lesen und schreiben zu lernen. Auch Albert Camus musste sich den Aufstieg zum Schriftsteller und zum Nobelpreisträger mühsam erringen. Behilflich war ihm beziehungsweise seinem Alter Ego namens Jacques Cormery dabei ein Lehrer, ohne den sein Leben anders verlaufen wäre: Monsieur Germain.

Zuvor erzählt Jacques, dessen Vater im Krieg gefallen ist, von der strengen und gefühlskalten Großmutter, von der geliebten Mutter, die sich jedoch nicht gegen die dominante Großmutter durchsetzen kann, vom gutmütigen Onkel und eben von Monsieur Germain, der die Begabung des Jungen erkennt, die Großmutter überredet, ihn die Aufnahmeprüfung ins Lycée machen zu lassen, was bedeutet, dass er über Jahre hinweg nichts zum Einkommen der in äußerst armen Verhältnissen lebenden Familie beitragen wird, und ihn ohne Gegenleistung auf diese Prüfung vorbereitet. Über den Lehrer, an den sich Camus noch dankbar erinnert, als er den Nobelpreis erhält, findet er zu Selbstvertrauen und in der Folge zu jenem Motiv, das als Kern zum Genre gehört: zum fieberhaften Lesen.

Der Übergang ins Gymnasium, die Begegnung mit dem bürgerlichen Milieu der meisten Mitschüler bedeutet für Jacques einen Kulturschock. Nur der Fußball stellt so etwas wie einen Kitt zwischen den sozialen Gegensätzen dar. Als die Großmutter den erfolgreichen Gymnasiasten zwingt, in den sehnlich erwarteten Ferien einen Job anzunehmen, ist dieser zwar frustriert, am Ende aber doch stolz, dass er etwas Geld nach Hause bringen kann.

Camus beschreibt, was er ja am eigenen Leib erfahren hat, wahrhaftig und mit einer geschärften Beobachtungsgabe, aber nicht wehleidig, obwohl er dazu jedes Recht hätte. Umso eindringlicher wirken der Text und Króls Lesung auch auf Menschen, die diese Erfahrungen nicht teilen, wenn sie nur zu etwas Empathie fähig sind. Dass es sich nicht um ein längst vergangenes Problem handelt, beweist eine Untersuchung, auf die im Theater und im Programmheft hingewiesen wird, wonach es in Deutschland 6,2 Millionen Erwachsene gibt, die Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben haben. Mehr als die Hälfte davon hat Deutsch als Muttersprache.

Joachim Król sitzt auf einem Barhocker vor einem Notenpult. Er liest mit höchster Konzentration, vibriert bis ins letzte Glied der rechten Hand, während er die Linke abspreizt. Hinter ihm sitzen die fünf Musiker, die seinen Vortrag über weite Strecken auf Oud, Klarinette und Saxophon, Akkordeon, Elektrobass und Perkussion begleiten. Am Ende sind zweieinhalb Stunden vergangen. Sie sind wie im Nu verflogen.



Der erste Mensch mit Joachim Król und l'Orchestre du Soleil| Foto (C) Christoph Helhake

Thomas Rothschild - 27. November 2023
ID 14498
DER ERSTE MENSCH (Schauspielhaus, 26.11.2023)
DIE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE EINER KINDHEIT nach Albert Camus

Textbearbeitung, Produktion und Inszenierung: Martin Mühleis
Komposition: Christoph Dangelmaier
Kostüme und Bühnenbild: Lucia Faust
Lichtdesign: Birte Horst
Mit: Jochim Król (Rezitation) und den Musikern Maria Reiter, Samir Mansour, Marius Bornmann, Ekkehard Rössle und Christoph Dangelmaier
Gastspiel von Joachim Król & l'Orchestre du Soleil


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de/


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