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AN DEN UFERN DER POESIE | 1. bis 17. Juli 2022

Sechs Orte

eines

Traumas

Theaterfestival im
UNESCO-Welterbe
Oberes Mittelrheintal


Der Rabbi von Bacharach nach Heinrich Heine - beim Festival AN DEN UFERN DER POESIE | Foto: Ansgar Skoda

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Alles Denken fängt mit Gott an und hört mit Gott auf, so meinen Bibelanhänger. Große Sinn- und Glaubensfragen eröffnen sich auch während eines theatralen Parcours im Mittelrhein-Städtchen Bacharach. Schauspieler in weißen Anzügen tragen feierlich Ruder, mit denen sie später den Rhein aufwirbeln. Zuschauer hören über Kopfhörer dazu Heinrich Heines Gedicht Ich habe im Traum geweinet. Weitere Texte des legendären Dichters der Romantik (1797-1856) prägen die über vierstündige Vorführung, insbesondere Heines fragmentarisch gebliebene Erzählung Der Rabbi von Bacharach (1840). Heine, selbst jüdischer Herkunft, thematisiert hier Religion und Antisemitismus. Die Bacharacher Juden werden eines Mordes an einem Kind beschuldigt. Ein folgenschweres Pogrom stiftet viel blutiges Unheil. Rabbi Abraham und seine Frau Sara fliehen aus Bacharach ins jüdische Viertel Frankfurts.

Bacharach, ein schönes Winzerstädtchen im UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal ist Schauplatz der Theaterinszenierung von Heinrich Heines unvollendetem Roman. Die Aufführung findet im Freien an verschiedenen Stellen in Bacharach statt. Sie beginnt in der Ruine der Wernerkapelle, einer beeindruckenden gotischen Gebäude mit hoch aufragenden Wänden und Fenstern aus filigranem roten Sandstein. Erbaut wurde sie im Zuge von Ereignissen, die zu schweren Übergriffen gegen Juden und Jüdinnen im Mittelrhein- und Moselgebiet bis hin zum Niederrhein führten.


Am Gründonnerstag des Jahres 1287 wurde am Rhein die Leiche eines 16jährigen Knechts namens Werner gefunden. Schnell wurden Juden bezichtigt, an ihm einen grausamen Ritualmord begangen zu haben, um sein Blut beim Pessachfest zu verwenden. Es folgten Pogrome mit der Ermordung und Vertreibung vieler Juden und Jüdinnen. Erst viele Jahrhunderte später erkannte ein Papst, Johnnes XXIII., die Schuld der Kirche an diesen Verbrechen an. Ein Gebet dieses Papstes ist an der Ruine der Wernerkapelle angebracht:

„Vergib uns den Fluch, den wir zu Unrecht an den Namen der Juden hefteten. Vergib uns, dass wir dich in ihrem Fleische zum zweitenmal ans Kreuz schlugen, denn wir wussten nicht, was wir taten.“

Das Programmheft der Vorführung gibt dieses wichtige Eingeständnis wieder, in dessen Formulierung sich aber aus heutiger Sicht die unnachahmliche Selbstbezogenheit der katholischen Kirche mit einer erschreckenden Ahnungslosigkeit paart.


*

Zu einem besonderen Ereignis machen diese Aufführung die verschiedenen Stätten, an denen die Szenen gezeigt werden. Zunächst treten ein vierköpfiges Musikensemble, der Heinrich-Heine-Chor aus Frankfurt unter der Leitung von Wolfgang Barina und das siebenköpfige Schauspielensemble in der Ruine der Wernerkapelle auf.

Die Flucht der Familie mit einem Boot nach dem liberaleren Frankfurt am Main ist Thema der nächsten Szene. Diese spielt am Rheinufer von Bacharach. Ähnlich der im Buch Exodus beschriebenen Flucht aus Ägypten bietet auch hier der Wasserweg die Rettung. Die Schauspieler agieren am Ufer und auf einem Boot am Kiesstrand [s. Foto o. re.]. Über Kopfhörer empfangen die Zuschauer eine zuvor aufgenommene Kollage aus Text und Musik. Es ist eine zunächst romantisch anmutende Beschreibung der Landschaft entlang des Flusses, die immer mehr durch eine bedrückende Ahnung Saras (Ruth Klapperich), der Frau des Rabbis, von der Bedrohung antisemitischer Verbrechen überlagert wird.

Text und Musik ergeben hier am Ufer des Rheins eine tief beeindruckende Verbindung. Selbst die Natur spielt hier quasi mit: Es springen immer wieder viele kleine Fische um das Boot herum aus dem Wasser in die Luft, so als zeigten sie auch damit die Suche nach anderen Gefilden auf der Flucht aus einer Umgebung, in der das Weiterleben nicht mehr möglich ist. Dieses Naturschauspiel begleitet die Schilderung der Traumvisionen Saras höchst stimmungsvoll.

Auf die andeutungsreiche Flucht am Rhein folgt ein pointierter Wortwechsel in der St. Peterskirche. Die Kirchenwand empfängt die Besucher mit einer großen Fresko-Darstellung des Christophorus, der das Jesuskind über einen Fluss trägt. Bebildert wird hier die wort- und temporeiche Aussprache eines Jesus-Wiedergängers (athletisch im Lendenschurz: Michael Weber), den eine Frau (Birgit Heuser) konfrontiert. Fundamentale Fragen an die Religion anhand von Texten Heines werden laut. Gedanken einer Wiedergängerin der Sufi-Heiligen Rabia al-Basri handeln davon, dass nicht die Angst vor der Hölle oder der Wunsch nach dem Paradies es sein dürfe, was den Menschen leite. Dies könne nur die Liebe sein.

In der nahe gelegenen Kapelle St. Josef mimt Jakob Gail danach in einem gleichfalls starken Auftritt die komplexe Titelfigur Shylock aus Shakespeares Kaufmann von Venedig. Einen Höhepunkt hat die Vorführung schließlich in der Matratzengruft im Rathaushof Bacharachs. Hier richtet Karl-Heinz Schleis als Karl Marx Worte an seinem langjährigen Freund und Gefährten Heine. Aber auch die Lorelei (Gabriele Graf) trumpft mit einer alten Mär und Gewissheiten auf, während sichtlich bewegte Männer stattliche Matratzen aus geöffneten Fenstern wuchten. Zu guter Letzt verzweifeln die einen, frohlocken die anderen.



Theater Willy Praml zeigt Der Rabbi von Bacharach nach Heinrich Heine beim Festival AN DEN UFERN DER POESIE im Oberen Mittelrheintal | Foto: Ansgar Skoda


Regisseur Willy Praml setzt sein Ensemble vor beeindruckender Kulisse gekonnt in Szene.

Mitunter leidet jedoch die feine Ironie sowie die, in Heines Texten oft spürbare Subtilität und Leidenschaft etwas unter einem gleichförmigen, larmoyanten und ein bisschen überzogenen Duktus der Sprecherinnen und Sprecher. Die insgesamt recht facetten- und anspielungsreiche, sehr sehenswerte Performance ermüdet dem zum Trotz jedoch nur selten.
Ansgar Skoda - 12. Juli 2022
ID 13708
DER RABBI VON BACHARACH (Ausgewählte Orte in Bacharach, 09.07.2022)
Regie: Willy Praml
Dramaturgie: Michael Weber
Kostüm: Paula Kern
Komposition/Arrangement: Seppl Niemeyer, Timo Willecke und Wolfgang Barina
Chorleitung: Wolfgang Barina
Mit: Reinhold Behling (als Heine/Abraham), Jakob Gail (als Heine/Shylock), Gabriele Maria Graf (als Lorelei), Birgit Heuser (als Mathilde), Ruth Klapperich (als Sara), Sam Michelson (als Heine/Harry), Linus Nolte (als der stumme Wilhelm), Karl-­Heinz Schleis (als Barbarossa/ Marx), Claudio Vilardo (als Heine/ der Narr) und Michael Weber (als Heine/ Dr. Heinrich Christus) sowie den Musikern Carsten Braun (Orgel), Jakob Rullhusen (Gitarre), Sascha Wild (Perkussion), Vjacheslav Golovchik (Klarinette) und dem Heinrich-­Heine-­Chor, Frankfurt am Main
Premiere im Theater Willy Praml war am 16. August 2013
Weitere Termine: 16., 17.07.2022
Theaterfestival AN DEN UFERN DER POESIE im Oberen Mittelrheintal


https://www.mittelrheinfestival-poesie.com/rabbi

https://theaterwillypraml.de/


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